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Magazin
Wie im amerikanischen Film

In Hollywood-Filmen habe ich das erste Mal gesehen, wie wichtig Weihnachtsgeschenke sind, vor allem in westlichen Ländern wie Amerika. Als Kinder haben wir uns oft gefragt, was ist bloss drin in diesen grossen Geschenken? In der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, haben wir eine andere Wahrnehmung vom Schenken allgemein, auch an Weihnachten. Es wird nur selten etwas zu Weihnachten geschenkt. Angestachelt von den Filmen wollten wir Kinder plötzlich ebenfalls Geschenke und erwarteten auch, dass der Weihnachtsmann vorbeikäme. Und er kam tatsächlich: Anstatt aber jedem von uns einzeln Geschenke nach Hause zu bringen, ist der Weihnachtsmann in Absprache mit unseren Lehrkräften in unsere Grundschulklasse gekommen und hat uns Süssigkeiten geschenkt. Als Erwachsene dann haben meine Freunde und ich uns manchmal etwas geschenkt – beispielsweise Bücher – und vor allem Weihnachtskarten mit guten Wünschen ausgetauscht.

«Was machst du an Weihnachten?», fragt mich eine Freundin in der Schweiz, als ich sie in ihrer WG besuche.

«Tja, was eigentlich?», frage ich mich selber laut. «Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung», antworte ich. «Und du?»

«Ich gehe nach Marokko.»

«Marokko?!» Ich frage mich, ob ich richtig gehört habe.

«Ja, Marokko.»

«Aber dort feiert man nicht Weihnachten, oder doch?» «Nein, genau darum gehe ich dorthin.»

«Aber wieso willst du weg von hier? Deine Familie ist doch hier, oder hat du sonst noch jemand dort?»

«Nein, ich habe niemanden dort, und eben darum gehe ich dorthin.»

«Ist das nicht paradox?», frage ich ungläubig.

«Ich mache das schon lange so. Weihnachten sollte eine Zeit sein, um etwas zu entspannen, aber im Gegenteil: Man muss Geschenke kaufen unter Zeitdruck, die ganze Familie treffen, Verwandte besuchen, immense gesellschaftliche Erwartungen. Und dann startet man nach all diesen Feiern und der hektischen Zeit das neue Jahr mit Geldsorgen.»

Ich hätte nicht gedacht, dass Weihnachten für manche Menschen so viel Druck bedeutet, dass es sie sogar in die Flucht treibt. Ich möchte mich da nicht hineinziehen lassen. Ich mag Weihnachten.

Ich schaue an ihre Wand, an der viele schön verpackte kleine Säckchen hängen. Meine Freundin fängt meinen fragenden Blick auf.

«Winter ist nicht meine liebste Jahreszeit», erklärt sie. «Ich mag zwar, wenn es schneit, aber ich mag nicht, wenn es kalt ist. Das Wetter ist so grau. Es wird immer dunkler und dunkler. Tagesüber sitze ich drinnen am Arbeiten oder Lernen und bei Feierabend ist es schon dunkel. So ist auch die Stimmung. Darum hängen dort all diese verpackten Sachen, die ich mit meiner WG-Mitbewohnerin gemacht habe. Für jeden Dezembertag ein Päckchen. Die kleinen Geschenke haben wir beide abwechselnd füreinander gemacht. Wichtig ist nicht so sehr, was drin ist, sondern die Freude, die sie jeden Tag in diese graue Zeit bringen.»

Das ist einige Jahre her. Damals hörte ich zum ersten Mal von einem Adventskalender, und die Idee gefiel mir. Inzwischen ist er auch ein Teil meiner Weihnachtszeit. Irgendwann bekam ich selbst meinen ersten Adventskalender geschenkt, darin war Merci-Schokolade. Meinen zweiten habe ich mit ein paar Arbeitskollegen vorbereitet. Das war in einem Asylheim, wo mehrere Jugendliche untergebracht waren. Ich habe sehr gern dran gearbeitet, auch weil es Spass gemacht hat, erst die kleinen Geschenke mit den Namen der Jugendlichen einzupacken und dann zu sehen, wie sie sich morgens beim Auspacken über die Geschenke gefreut haben.