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Die Sozialzahl
Wie viel ist gut?

In der Schweiz leben heute rund 8,5 Millionen Menschen. Ist das viel? Ist das wenig? Was ist die angemessene ständige Wohnbevölkerung in unserem Land? Um 1900 hatte die Schweiz etwas mehr als 3 Millionen Einwohner, 100 Jahre später hatte sich die Zahl bereits verdoppelt. Und so wird es auf absehbare Zeit weitergehen. Das Bundesamt für Statistik rechnet in seinem Referenzszenario, das von aktuellen Trends und von jenen Annahmen über die Bevölkerungsentwicklung mit den höchsten Eintrittswahrscheinlichkeiten ausgeht, mit einem Anstieg der ständigen Wohnbevölkerung auf über 10 Millionen bis zum Jahr 2045.

Die «richtige» Bevölkerungszahl für ein Land zu bestimmen, ist ein schwieriges Unterfangen. Fragt man die Leute, so ist zumeist die aktuelle Einwohnerzahl gerade noch in Ordnung. Das war vor 50 oder 20 Jahren nicht anders als heute. Vielleicht kommt es auf die Perspektive an, aus der man sich die Frage nach der «richtigen» Bevölkerungszahl stellt. So kann man sich aus einem umweltpolitischen Blickwinkel schon auf den Standpunkt stellen, dass es aufgrund des Konsumverhaltens besser wäre, wenn die Zahl der Menschen in der Schweiz abnehmen würde. Wer sozialpolitisch denkt, wird zu einem ganz anderen Schluss kommen: Eine steigende Bevölkerungszahl ist gut für den Sozialstaat. Die ökonomische Sichtweise schliesslich würde dafür plädieren, dass sich die Bevölkerungszahl nach der wirtschaftlichen Entwicklung zu richten habe. Wächst die Wirtschaft, braucht es mehr Leute, stagniert sie, darf die Einwohnerzahl auch wieder zurückgehen.

Man kann also durchaus unterschiedlicher Ansicht darüber sein, was die «richtige» Bevölkerungszahl für die Schweiz ist. Damit stellt sich sofort auch die Frage, ob die Bevölkerungszahl überhaupt politisch beein ussbar ist. Es gibt drei Treiber, welche die Bevölkerungsentwicklung prägen: die Geburtenrate, die Lebenserwartung und die Migration. Alle drei Faktoren können direkt oder indirekt durch politische Massnahmen beein usst werden. So geht man davon aus, dass sich eine offensive Familienpolitik mit höheren Kinderzulagen, einem breiten und bezahlbaren Angebot an Kita-Plätzen und ähnlichem mehr positiv auf die Geburtenrate einwirkt. Medizinischer Fortschritt, aber auch eine geringe soziale Ungleichheit fördern die Lebenserwartung. Das alles leuchtet intuitiv ein, ist aber sehr schwierig zu belegen, denn die Wirkungszusammenhänge sind langfristiger Natur.

Auf kurze Sicht ist die Entwicklung der Migration der entscheidende Faktor. Und diese kann natürlich politisch beein usst werden. Dabei zeigt die Geschichte, dass die Politik am Ende stets den Bedürfnissen der Wirtschaft gefolgt ist. Und diese Wirtschaft ist aus bevölkerungspolitischer Perspektive längst zu gross für die Schweiz geworden. Denn ohne Arbeitsmigration wäre das Bedürfnis der Wirtschaft an Arbeitskräften nicht zu befriedigen.

In den nächsten Jahren werden zwei gegenläufige Entwicklungen das Bevölkerungswachstum prägen: Die Zahl der Erwerbstätigen wird sinken, wenn die Babyboomer-Jahrgänge in Rente gehen. Gleichzeitig wird die Digitalisierung dazu führen, dass die Wirtschaft weniger Arbeitskräfte braucht. Die Prognose von der 10-Millionen-Schweiz könnte sich dann als überzogen erweisen.

PROF. DR. CARLO KNÖPFEL 16.11.2018

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