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Bild: bodara

Magazin
«Wir leben von dem Geld, das meine zehn Finger verdienen»

Jela Veraguth ist 68 Jahre alt und verkauft Surprise-Hefte am Limmatplatz in Zürich. Sie wünscht sich eine Zugreise nach Wien oder Mailand.

«Ich heisse Jela Veraguth. Meinen bu?ndnerischen Nachnamen trage ich seit u?ber vierzig Jahren. Urspru?nglich bin ich aus Ex-Jugoslawien, genauer gesagt aus dem heutigen Serbien. Im Alter von neunzehn Jahren kam ich das erste Mal in die Schweiz, um eine Saison lang in La Punt als Zimmerma?dchen zu arbeiten. In dieser Zeit habe ich auch meinen zweiten Mann kennengelernt, mit dem ich noch heute verheiratet bin. Gemeinsam haben wir einen Sohn, der nun vierzig Jahre alt ist. In Serbien habe ich zwei a?ltere Kinder aus erster Ehe. Mein serbischer Mann war u?brigens der Grund, weshalb ich in die Schweiz geflu?chtet bin. Er war oft gewaltta?tig.

Da meine Eltern nicht genug Geld hatten, erhielt ich nie eine richtige schulische Bildung. Vor zwanzig Jahren begann ich dann mit dem Verkauf von Surprise-Heften. Diese Arbeit mache ich gerne, denn so bin ich mein eigener Chef und kann meine Arbeitszeit selbst einteilen. Lange war ich fast jeden Tag auf der Strasse. Manchmal weckte mich mein Mann in der Nacht, weil ich im Traum gerufen hatte: «Hier die neue Ausgabe von Surprise!». Dann schimpfte er zum Spass: «Jela, musst du auch noch in der Nacht Surprise-Hefte verkaufen?!»

Leider komme ich in letzter Zeit immer weniger dazu, Surprise-Hefte zu verkaufen. Denn zuhause muss ich zwei invalide Personen betreuen. Mein Mann hat seit drei Jahren schlimme Hu?ftprobleme. Mein ju?ngster Sohn leidet seit seinem 19. Lebensjahr an Diabetes Typ 1. Das ist die schlimmste Form von Zuckerkrankheit, die nur mit einer lebenslangen Insulinabgabe einzuda?mmen ist. Zudem kann es zu schweren Nebenwirkungen wie Erblindung oder Nierenversagen kommen. Dies ist bei meinem Sohn leider der Fall. Weil seine Nieren immer schlechter funktionieren, muss ich mit ihm mittlerweile dreimal wo?chentlich fu?r die Dialyse ins Spital. Die Therapie gegen seine zunehmende Erblindung hat bisher nicht geholfen, daher ist er in seinen Bewegungsmo?glichkeiten immer mehr eingeschra?nkt. Auch wurden ihm vor drei Jahren die Zehen amputiert. Die gesundheitlichen Probleme meiner Familie fu?hren langsam zu einer finanziellen Not. Mein Sohn muss ta?glich u?ber zehn Medikamente schlucken – schon diese kosten mehrere hundert Franken im Monat und werden nicht alle von der Krankenkasse getragen. Dazu kommen all die Behandlungen im Spital sowie die teure Pflege seines Fusses. Da die Rente meines Mannes kaum fu?r seine eigenen Ausgaben reicht, leben wir gro?sstenteils von dem Geld, dass meine zehn Finger verdienen.

Meine Familie ist fu?r mich das Wichtigste und Wertvollste im Leben – gleichzeitig macht sie es mir auch sehr schwer. Meine Tochter in Serbien ist ebenfalls krank. Sie leidet an Krebs und man musste ihr den Magen entnehmen. Manchmal bittet mich mein a?ltester Sohn um finanzielle Unterstu?tzung. Leider muss ich ihn oft abweisen, da das meiste Geld in die Pflege meines ju?ngsten Sohnes fliesst. Zu ihm habe ich eine besondere Verbindung. Er spricht das aus, was ich denke, und umgekehrt. Da ich meine ersten beiden Kinder in Serbien zuru?cklassen musste, erhielt er all meine Zeit und Aufmerksamkeit. Umso mehr bricht es mir das Herz, dass er nun fast nichts mehr alleine unternehmen kann. Fru?her war er immer unterwegs. Wenn ich am Ende des Monates doch noch etwas Geld habe, gehen wir manchmal zusammen in die Bierhalle Wolf in Zu?rich und teilen uns ein Jumbo-Cordon-Bleu. Gerne wu?rde ich auch gro?ssere Ausflu?ge mit ihm unternehmen. Mein gro?sster Traum wa?re es, nicht nur immer gemeinsam zu den verschiedenen A?rzten, sondern auch einmal in den Nachtzug nach Wien oder Mailand zu springen.»