Skip to main content
Strassenverkäufer*innen
«Wir sind vor dem Terror geflüchtet»

Fata Ayubi, 46, flüchtete mit seiner Familie aus Afghanistan und ist froh, dass er nun ohne Angst im bernischen Walkringen leben kann.

«Ich komme aus Afghanistan und habe mit meiner Familie bis vor sechs Jahren in der Provinz Kundus im Nordosten des Landes gelebt. Wir hatten viele Tiere, vor allem Schafe und Rinder, wir betrieben in unserem Dorf einen Laden und führten ein gutes Leben. Doch mit der Zeit gerieten wir in unserer Region immer mehr zwischen die Taliban sowie andere bewaffnete Gruppen und örtliche Milizen. Viele Leute, auch Verwandte von uns, wurden dabei verletzt, einige sogar getötet. Am Schlimmsten wurde es 2014, mit dem Ende der Amtszeit von Präsident Hamid Karzai. Da beschlossen meine Frau und ich, ins Ausland zu flüchten, um uns und unsere vier Kinder in Sicherheit zu bringen.

Über den Iran und die Türkei gelangten wir nach Griechenland und von dort über den Balkan nach Österreich in die Schweiz. Nach fast einem Jahr auf der Flucht kamen wir im November 2015 hier an, wobei meine Frau und die Kinder einige Wochen vor mir einreisten. Ich hatte sie unterwegs im Chaos, das damals mit den vielen Flüchtlingen auf dem Balkan herrschte, verloren. Über Verwandte fand ich zum Glück heraus, dass sie in der Schweiz gelandet sind, und konnte ihnen daraufhin folgen.

Weniger Glück hat meine jüngste Schwester, die mit ihrem Mann und den drei Kindern ebenfalls vor dem Terror in Afghanistan geflüchtet ist. Sie sitzen seit mehr als einem Jahr auf Lesbos fest, wo sie bis zum Brand letzten September im Flüchtlingscamp Moria leben mussten. Jetzt sind sie in einem neuen Lager untergebracht – wer weiss, wie lange noch. Ich mache mir grosse Sorgen um sie und hoffe, dass es für sie bald eine gute Lösung gibt.

Meine Familie und ich haben in Walkringen, etwa eine halbe Stunde von Bern entfernt auf dem Land, ein neues Zuhause gefunden. Unsere zwei Töchter und zwei Söhne im Alter zwischen acht und fünfzehn Jahren gehen hier zur Schule. Wir fühlen uns in Walkringen sehr wohl. Nicht nur, weil wir keine Angst vor Krieg und Überfällen mehr haben müssen, sondern auch, weil wir im Dorf sehr gut aufgenommen wurden. Bei einer Bauernfamilie helfe ich zum Beispiel regelmässig im Stall und beim Melken, wenn der Bauer nicht da ist. Auch einer unserer Söhne arbeitet oft am Mittwochnachmittag bei der Familie auf dem Hof. Ausserdem haben sie uns einen Teil ihres Gartens überlassen, damit wir Gemüse pflanzen können. Zwei andere Nachbarinnen im Dorf kamen mit der Idee zu mir, Surprise zu verkaufen. Ich hatte noch nie davon gehört, war aber interessiert. Deshalb nahmen sie für mich mit Surprise Kontakt auf und begleiteten mich sogar ins Regionalbüro in Bern. Jetzt verkaufe ich das Strassenmagazin schon seit über einem Jahr. Mir gefällt die Arbeit sehr, weil ich an meinen verschiedenen Verkaufsorten im und um den Hauptbahnhof Bern viele Leute treffen und auch manchmal mit ihnen mein Deutsch üben kann.

Ich verstehe und rede mittlerweile schon recht gut Hochdeutsch. Schwierig wird es beim Berndeutschen, und noch schwieriger ist für mich das Lesen und Schreiben. Ich hatte nie eine Schule besucht, bei uns im Dorf gab es keine. Eigentlich würde ich dreimal in der Woche in den Deutschkurs gehen, doch wegen Corona findet der Kurs im Moment leider nur online statt. Das ist nicht ganz einfach, aber ich gebe mir trotzdem grosse Mühe, weil mein Ziel ist: Jetzt gut Deutsch lernen und danach wenn möglich Vollzeit arbeiten, am liebsten auf einem Bauernhof mit vielen Tieren, so wie früher.»