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Die Schweiz schreibt
Wo die Landschaft zu Poesie wird

Die Schweiz hat einen Literaturnobelpreisträger, der ziemlich vergessen ist. Ein Lyrik-Weg begibt sich auf Carl Spittelers Spuren.

«Anders als ein Krimi, den man an einem Stück verschlingen kann, ist Poesie sprachlich schwerer zugänglich. Man muss sie in kleinen Dosen geniessen, um ihre Qualitäten zu erkennen», sagt Niklaus Lenherr, der das Zentralschweizer «Literatur mobil»­Projekt leitet und zum 100­Jahr­Jubiläum von Carl Spittelers Literaturnobelpreis einen temporären Lyrik-­Weg konzipiert hat.

Der 1845 in Riehen bei Basel geborene Carl Spitteler war neben dem deutsch­schweizerischen Hermann Hesse der einzige Schweizer Autor, dem die hohe Ehre des Nobelpreises bisher zuteil wurde. Die von Lenherr angesprochenen «kleinen Dosen» sind im Fall des Lyrik­Weges Tafeln, die im Jubiläumsjahr temporär an verschiedenen Orten aufgestellt werden. Darauf stehen Hintergrundinformationen und poetische Kurztexte von über siebzig Schweizer Autorinnen und Autoren, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Spittelers Werk auseinandergesetzt haben. Zur Inspiration diente ihnen unter anderem sein mythologisches Epos «Olympischer Frühling».

«Heimat chunt und geit» steht auf der Tafel von Bernadette Lerjen­Sarbach. Je nach Umgebung hat ein solch feines Wortgebilde einen ganz anderen Effekt und schärft die Sinne. Liest man es in der Waldkathedrale Beromünster, schaut man vielleicht wehmütig einem Blatt zu, das sich aus einer Baumkrone löst und zu Boden schwebt. Oder dann am Carl­-Spitteler-­Quai in Luzern: Vor einem die viel befahrene Strasse, hinter einem der Vierwaldstättersee, von wo sich vielleicht das Horn eines Dampfschiffs in die hektische Geräuschkulisse mischt. «Vor hundert Jahren gab es bereits den Gotthardtunnel, aber es brauchte noch viel Zeit, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Carl Spitteler war einer, der oft zu Fuss unterwegs war und sich die Zeit nahm, die Umgebung in sich aufzunehmen. Das ist prägend für sein Werk, dem wir mit dem Lyrik­Weg unseren poetischen Tribut zollen», so Niklaus Lenherr.