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Serie «Die Unsichtbaren»
«Wo ich arbeite, ist sonst niemand»

Beschäftigte im Reinigungssektor leisten die meiste Arbeit allein und im Verborgenen – und bleiben dadurch gesellschaftlich unsichtbar.

Eigentlich kennen sich die beiden schon zwei Jahre, gesehen haben sie einander aber nur drei oder vier Mal: Sven T.*, 31, und Martina S.*, 38. Er ist Unternehmer, sie putzt. Wenn er von ihr redet, so nur in höchsten Tönen: zuverlässig sei sie, ordentlich und unkompliziert. Empfohlen wurde sie ihm von einem Freund, der schwöre auf Spanierinnen, im Internet seien die leicht zu finden, sagt Sven T.

Martina S., die allerdings aus Lissabon stammt, macht sich kaum Gedanken über Sven T. Seine Wohnung ist eine von vielen, die sie zweimal im Monat reinigt: vier Räume, eine grosse, offene Küche, zwei Badezimmer, wenig Möbel, teure Küchengeräte. Er wird viel Geld haben, mutmasst Martina S., die ebenfalls in der Stadt Bern wohnt, bloss ein wenig ausserhalb und bescheidener.

Ganz normal, sagt Sven T. auf die Frage nach dem Lohn: mittleres Kader, knapp 120 000 auf 100 Prozent. Er arbeitet vier Tage die Woche, seine Freundin, 28, mit der er die Wohnung teilt, ist 60 Prozent in der Verwaltung tätig; macht zusammen um die 150 000 pro Jahr. Genug, aber nicht luxuriös sei das: Miete, Steuern, Versicherungen, Klamotten, Ausgang, Auto, Fitness und Ferien, das läppere sich zusammen, rechnet Sven T. vor.

Martina S. bekommt von ihm 23 Franken die Stunde. Das Geld legt er ihr auf den Tisch, meist in einem Couvert. Einen Vertrag zwischen den beiden gibt es nicht. Überhaupt hat Sven T. erst gar nicht realisiert, dass er plötzlich in der Rolle eines Arbeitsgebers ist. All die Formulare, Sozialund Unfallversicherung, Ferien, der 13te: Das war dem Unternehmer zu kompliziert. Also hat er Martina S. schwarz angestellt. «Schliesslich profitiert auch sie davon. Mit den Abzügen käme sie kaum auf zwanzig pro Stunde, was nicht der Haufen ist», sagt Sven T.

Dass er eine Putzhilfe hat, findet Sven T. normal, fast all seine Bekannten machen das so. Ihm und seiner Freundin fehle schlicht die Zeit dafür. «Und ja», fügt er an, «wer putzt schon gerne?» Zeit oder, wie er auch sagt, Entlastung erkauft sich Sven T. auch in anderen Bereichen. Er hat für fast alles eine App, kauft online ein – Geräte, ein neues Regal, Lebensmittel beim Detailhändler, manchmal auch Kleider – und bestellt regelmässig Pizza oder Curry beim Kurier. Das meiste, was er braucht, bekommt er «on demand» und «in time». An die Menschen dahinter, das gibt Sven T. zu, denkt er kaum. Er sieht sie ohnehin nicht. Wie er auch Martina S. nie sieht.

Vermutlich ist Sven T. keine Ausnahme, sondern die Regel. Der Historiker Christoph Bartmann redet geradezu von einer Rückkehr der Dienerschaft, an die wir immer häufiger alles Lästige auslagern. Die Zahlen geben ihm recht: Allein im Reinigungssektor gibt es in der Schweiz gemäss Bundesamt für Statistik 92 000 Angestellte, laut Fachleuten verdienen über 200 000 Menschen ihr Geld mit Putzen, Tendenz in den letzten zehn Jahren massiv steigend (siehe Infografik, Seite 13). Diese Art der Auslagerung von Arbeit habe viel mit Wertigkeit zu tun, sagt Bartmann: «Um uns dem Höherwertigen widmen zu können, legen wir das Niedrigwertige in fremde Hände.» Für ihn zeichnet sich hier eine neo-feudale Wohlstandsgesellschaft ab. Dabei geht es ihm um nicht um jene «müssige Klasse», die es sich leisten kann, nicht zu arbeiten. Sondern um Menschen wie Sven T., die ihr Privileg, sich bedienen zu lassen, über Ausbildung und Leistung erworben haben – ein Privileg, das massive Ungleichheiten begünstige und letztlich ein Skandal sei.

Für Sven T. aber geht der Deal auf: «Ich gebe ihr Arbeit, sie verkauft mir Zeit.» Zeit, die er aus seiner Sicht in Wichtigeres investieren kann als in putzen, Hemden bügeln oder einkaufen. Zeit, die er in mehr Arbeit steckt, in seine Beziehung und seine Hobbys, Zeit aber auch, die er nutzt, um mal abzuschalten, um zu gamen, die sozialen Medien zu checken, Filme zu streamen.

Aufreibend und zeitintensiv

Für all das hat Martina S., Mutter von zwei Kindern, kaum Ressourcen. Ihr Leben ist kompliziert, weil ihre Arbeit kompliziert ist. Acht Stunden die Woche ist sie bei einem Reinigungsunternehmen tätig, wo sie einen im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) geregelten Mindestlohn von 19.20 Franken bekommt – 2022 und 2024 wird er um je zwei Prozent angehoben –, sie ist sozialversichert und hat Zuschläge auf Nachtschichten und Wochenendeinsätze. Dazu kommt fast ein Dutzend private Haushalte, die meisten reinigt sie zweimal pro Monat, im Schnitt à zwei Stunden. Hier arbeitet sie mehrheitlich schwarz, der Stundenlohn beträgt zwischen 22 und 30 Franken bar auf die Hand. Manche Kund*innen bestehen auf einem regulären Arbeitsvertrag, dann arbeitet sie nach Abzügen schon mal für unter 20 Franken. Früher hat sich Martina S. über Agenturen angeboten. Damit hat sie aufgehört, seit sie von den horrenden Provisionen weiss; einmal verlangte die Agentur vom Kunden 32 Franken, sie selbst hat bloss 21 Franken bekommen. Heute bietet sie sich über Vermittlungsplattformen an oder wird, wie im Fall von Sven T., weiterempfohlen.

Diese Minijobs sind aufreibend und zeitintensiv. Teilweise fährt Martina S., natürlich ohne Entschädigung, über eine Stunde von Wohnung zu Wohnung. «Ich bin mal hier, mal dort, meine Tage sind zerstückelt, darunter leiden die Kinder – und meine Ehe.» Weil sie oft früh morgens und am Abend arbeiten muss und ihr Mann, auch er Portugiese, als Lagerist bei einem Grossunternehmen Schichten macht, komme es vor, dass sie einander tagelang kaum sehen. Ihre beiden Kinder, Buben von 8 und 12 Jahren, gehen zur Schule. Kaum sind sie aus dem Haus, steigt Marina S. ins Auto und macht zwei Wohnungen. Kurz vor Mittag bereitet sie das Essen zu, am frühen Nachmittag macht sie den Haushalt, dann den Einkauf, bevor sie wieder «auf Tour» geht, wie sie das nennt.

Allein auf weiter Flur

Druck bei der Arbeit spürt Martina S. vor allem beim Reinigungsunternehmen. Die Zeit fürs Putzen wird oft pro Fläche oder Raum bemessen, egal, wie viel Unordnung und Dreck sie vorfindet. Manchmal geht es lediglich um «Sichtreinigung», wo im Gegensatz zur Vollreinigung bloss grobe und sichtbare Verschmutzungen zu beseitigen sind. Was Martina S. besonders stresst. «So weiss ich nie, ob ich wirklich alles gesehen habe. Dann putze ich lieber gründlich und bleibe halt länger.» Nicht bloss aus Angst vor Kontrollen, die offenbar mit der Anonymisierung der Reinigungsarbeit zugenommen haben, sondern auch aus Stolz, wie Martina S. sagt: «Ich will, dass die Räume sauber sind.»

Am schlimmsten sei die Isolation. «Ich komme kaum noch mit Leuten in Kontakt», sagt Martina S. «Wo ich arbeite, ist sonst niemand.» Ihre beiden engsten Freundinnen putzen ebenfalls, und weil auch sie vor allem an Randzeiten zu tun haben, sehe man sich höchstens am Wochenende oder mal am späteren Nachmittag, vor der Arbeit. Für Nicole Mayer-Ahuja, Soziologieprofessorin an der Universität Göttingen, geht diese Art der sozialen Vereinsamung mit der Privatisierung der Reinigungsarbeit einher. «Früher waren Putzhilfen vor allem im öffentlichen Sektor tätig, in Verwaltung und Schulen etwa, sie arbeiteten zu normalen Zeiten, gehörten zur Belegschaft, wurden zu Firmenessen eingeladen. Heute sind sie bei privaten Firmen angestellt, arbeiten zu Randzeiten oder nachts und stehen unter enormem Zeitdruck» (siehe Interview, Seite 14). Teilweise werben Unternehmen der Branche – inzwischen vergeben 95 Prozent der Schweizer Unternehmen die Reinigung an Privatfirmen – mit «unsichtbarer Reinigung». Dahinter steht das Versprechen, die Kundschaft nicht durch die Anwesenheit der Reinigungsangestellten zu stören. Die Spitze der Unsichtbarkeit sieht Mayer-Ahuja in Privathaushalten, die ihre Putzhilfen unter prekären Bedingungen oder schwarz anstellen. «Wer so arbeiten muss, darf nicht gesehen werden und kommt sozial gar nicht mehr vor.»

Auch Sven T. räumt ein, er fühle sich wohler, wenn er Martina S. nicht begegnet, während sie bei ihm die Küche aufräumt oder das Klo putzt: «Nur, was ist die Alternative?», fragt Sven T. «Ich könnte sie regulär anstellen. Oder ihr mehr Geld geben. Aber sonst? Sicher habe ich dann und wann ein schlechtes Gewissen, und manchmal frage ich mich, ob das wirklich richtig ist: diese Kluft zwischen denen, die die Drecksarbeit machen, und uns, die fein raus sind.»

Martina S. hat sich lange geschämt. «Dass ich putze, wussten nicht einmal Freunde von mir.» Auch den Kindern gegenüber hatte sie ihre Arbeit verheimlicht. Früher wollte sie einmal Coiffeuse werden. Heute stört ihr Beruf sie nicht mehr. «Ich mache eine Arbeit, die für andere wichtig ist. Das ist okay. Und ich verdiene mein eigenes Geld.»

*Namen geändert


Faires Putzen

Was Privatpersonen tun können, um ihre Reinigungskräfte sozial abzusichern

Der Reinigungssektor boomt. Auf der schweizweit grössten Onlineplattform «homeservice24» bieten rund 72 000 Menschen ihren Service an, das Unternehmen wächst jährlich um bis zu 20 Prozent. Gerade Plattformen wie diese stehen aber in der Kritik. Der Grund: «Sie treten nur als Vermittler und nicht als Arbeitgeber auf und stehlen sich damit aus der Verantwortung gegenüber den Reinigungsangestellten», so Stefanie von Cranach von der Gewerkschaft UNIA. Das Arbeitsverhältnis wird zwischen Privatperson und Putzhilfe geregelt, was zu Lohndumping führen und die Schwarzarbeit begünstigen kann. Tom Stierli, CEO von «homeservice24», wehrt sich: «Wir informieren sowohl die Privatkund*innen über ihre Pflichten als auch die Putzhilfen über ihre Rechte.» Von Cranach empfiehlt, sich bei Putzhilfen für Haushalte an Firmen zu halten, die als Arbeitsgeberinnen fungieren und mindestens dem GAV unterstellt sind. Dazu gehört etwa das Unternehmen «putzfrau.ch», der drittgrösste Player auf dem Reinigungsarbeitsmarkt. Andere Beispiele sind «Proper Job», die sich schweizweit für legale und faire Dienstleistungen in Haushalt und Reinigung einsetzen, oder Vermittlungskooperativen wie die 2021 in Zürich gegründete «Autonomia» oder die «Flexifeen» aus Basel, die für Reinigungsangestellte Nettostundenlöhne von 30 Franken, 5 Wochen Ferien, Sozialleistungen sowie ein geregeltes Arbeitspensum garantieren.