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Challenge League
Zuhause im Theater

Seit drei Monaten besuche ich ein Theater­projekt am Maxim­-Theater in Zürich. Das Ziel ist, das antike griechische Drama «Antigone» von Sophokles aufzuführen. Wir sind etwa 20 Personen aus ver­schiedenen Ländern von Asien bis Süd­amerika, darunter auch Schweizer. Anfangs bauten wir Eselsbrücken für un­sere Namen: Kristina wie Krokodil oder Liza wie Löwe. Bei meinem Namen hatte die Lehrerin Schwierigkeiten, ein pas­sendes Tier zu finden (dabei beginnt jedes Tier mit K­ hierzulande mit dem gerie­benen Ch­, mit dem auch mein Name be­ginnt: Chatz, Chue). Schliesslich gab meine Lehrerin mir den Namen Khusraw wie Chamäleon, auch wenn das nun gerade mit K­ gesprochen wird. Lustig war zudem, dass ich selber lang nicht wusste, was für ein Tier das Chamäleon ist. Dann erklärte mir jemand, dass es ein Reptil ist und die Farben wechselt. «Diese Fähig­keit braucht ein echter Schauspieler ja auch», antwortete ich.

Unsere Lehrerin weiss, dass wir wegen der Arbeit oder anderer Verpflichtungen nicht immer kommen können. «Versucht innerhalb von zwei Wochen mindestens einmal vorbeizukommen», sagt sie uns. Ich versuche, immer dabei zu sein, da mir der Kurs sehr gefällt. Wir lernen viel voneinander. Mit Bewegungen, Ver­halten und Sprache sollen wir Gefühle und Eigenschaften ausdrücken, wie Wut, Charme oder Angst – und das, obwohl nicht alle Deutsch beherrschen. Manches wirkt auf mich komisch, manches be­deutungsvoll. Einmal habe ich zugeschaut, während andere etwas spielen sollten, und fand es so lustig, dass ich laut sagte: «Ihr macht ein Kinderspiel.» Weil wir übertreiben, wirkt es manchmal, als ver­hielten wir uns wie Kinder.

Ich finde die Ehrlichkeit und Offenheit toll, mit der wir uns begegnen. Sie
hat dazu geführt, dass ich alle Teilneh­menden in kürzester Zeit sehr gut kennengelernt habe. Ich verhalte mich den anderen gegenüber, als ob ich sie seit Jahren kenne, und die anderen tun das ebenfalls. Ich versuche oft, Szenen aus meinem Leben zu spielen, auch wenn dieses bisher eher tragisch verlaufen ist. Ich fühle, dass die anderen das Gespielte schön finden. Ich versuche, es mit Ehrlichkeit zu präsentieren, obwohl ich manchmal übertreibe und etwas mehr Dramatik hinzufüge.

Ich glaube, dass Frauen beim Schauspie­lern talentierter sind. Sie lernen schneller und ahmen nach. Die Männer können ihre Gefühle nicht so gut zeigen wie Frau­en. Als ich das unserer Lehrerin mitge­teilt habe, sagte sie: «Das kommt bei den Männern auch, es dauert einfach länger.»

Einmal sollten wir einen Satz aus dem Antigone­-Text auswendig lernen. Ich habe einen Satz von König Kreon gewählt, wo er den Boten fragt: «Was gibt’s, warum du so kleinmütig kommest?» Mein Satz hat vielen gefallen und ich war darüber so froh, dass ich mich selbst wie ein König gefühlt habe.

Nach dem Kurs sprechen wir mit viel Enthusiasmus über das Theater, im Tram hören uns andere Passagiere genau zu. Einmal fragte eine junge Frau von uns einen älteren Mann im Tram spontan, ob er einen Sohn habe. Die Frage war so überraschend, dass uns die Passagiere mit offenen Augen und Mündern anschau­ten. Der Angesprochene sagte, nein. Um die Spannung aufzulösen, sagte ich laut: «Wenn er einen Sohn gehabt hätte, wäre er auch so hübsch wie der Vater.» Da haben alle gelacht.

Unter uns sind viele Migranten und ein paar Asylsuchende. Und es ist das erste Mal, dass ich mit Schweizern so gut befreundet bin. Offenbar findet im Kurs auch Integration statt. Richtige Integration: Wir lernen von den Schweizern und die Schweizer lernen von uns. Überall, wo ich vorher war, hat Integration fast immer Anpassung geheissen.