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Challenge League
Zwei Tränen

Ich habe diesen einen Tag, an dem ich traurig werde und mein Herz blutet. Der Tag weckt die Erinnerung an meine erste Liebe, und ich fühle mich dann ganz alleine auf dieser Welt mit ihren Milliarden Menschen. Jede Musik, alle Melodien und Instrumente klingen falsch und unausstehlich und all die Texte und Gedichte über die Liebe wie die Ausreden von Verlierern. Als ich 18 war, floh ich aus Iran in das nordirakische Kurdistan. Das war 2004, ein Jahr nach dem Sturz Saddam Husseins durch die Amerikaner. Alles lag am Boden, und die irakischen Kurden hatten gerade begonnen, auf den Ruinen ihre Häuser wieder aufzubauen. Ich fand bald einen Job bei einer Zeitschrift, und etwas später bekam ich an der Universität Sulaimaniya unerwartet einen Studienplatz für Informatik.

Vor der Fakultät gab es einen kleinen Garten, der «Quelle der Liebenden» genannt wird. Da sassen wir oft und genossen die Sonne. Am 21. März 2005 – ich erinnere mich genau, denn es war Newroz, kurdisch-persisches Neujahrsfest, und mein Geburtstag – sass ich mit meinem Freund Rizgar auf einer Bank. Wir assen Torte, und gegenüber sassen zwei elegante Frauen. Mit einer von ihnen tauschte ich seit Längerem bedeutungsvolle Blicke aus. Sie studierte an derselben Fakultät. Mit ihrem zum Pferdeschwanz zusammengebundenen Haar, ihrem violetten Hemd, dem wallenden Kleid und den hochhackigen Schuhen war sie für mich der schönste Engel. Ich versuche mich immer noch zu erinnern, wie und warum wir ins Gespräch kamen. Ich sprach mit ihr einfach über alles, wie ein dummer Mann, und sie liess sich schmunzelnd und mit Koketterie darauf ein. Aphrodite hätte von ihr lernen können. Nach einiger Zeit – es fühlte sich wie Stunden an – merkte ich, dass mein Freund und ihre Freundin uns interessiert zuschauten. Rizgar sagte: «Du bist heute sympathischer als je zuvor.» Ich hingegen merkte, dass mein Herz verrückt geworden war.

Am Abend zuhause fühlte ich mich so leicht, als könnte ich mit einem kleinen Sprung abheben. Mein Herz schlug schneller, ich war wärmer und frisch. Das Gefühl der Leichtigkeit, des Glücks, des Hoffens und Wollens liess alles aus meinem Herz in die anderen Organe fliessen. Es war keine Neugeburt, wie viele Literaten dieses Gefühl bezeichneten, sondern der Höhepunkt meines Lebens. Höher als da, wo, wie sie sagen, Gott stehen sollte. Und noch höher als Eros, der Gott der begehrlichen Liebe.

Die kurdische Gesellschaft ist zwar patriarchalisch geprägt, aber bei der Heirat hat oft die Mutter das letzte Wort. Zumindest bei den Töchtern. Als ich, wie bei uns üblich, zum ersten Mal bei ihrer Familie vorsprach, fragte die Mutter nach meinem Beruf. «Was? Journalist und Dolmetscher?», reagierte sie überrascht. Die Familie war sehr reich, ganz im Gegensatz zu mir. Zunächst war das für meine Liebste kein Problem, aber mit der Zeit wurde sie immer zurückhaltender.

Ich habe viele Nächte durchwacht und über die Liebe nachgedacht. Auch habe ich viele Gedichte, literarische und religiöse Texte und einiges an Philosophie in verschiedenen Sprachen über die Liebe gelesen, um sie zu verstehen. Aber auch dieses Jahr am 21. März, an Newroz, hatte ich wieder meinen Tag. Konnte weder richtig denken noch schlafen, sondern versank tief in meinen Erinnerungen. Wie immer flossen zwei Tränen aus meinen Augen. Eine für die erste Liebe. Und eine für mich.

Der kurdische Journalist Khusraw Mostafanejad, 31, floh aus dem Iran und lebt heute in der Schweiz. Seinen Rucksack mit Erinnerungen trägt er immer bei sich.

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