Skip to main content

Strassenverkaufende

Foto: Bodara GmbH

Verkäuferporträt
«Alles ist besser, als zu Hause zu sitzen»

Semere Ghebrab, 45, verkauft das Surprise Strassenmagazin in Oberwinterthur und in Zürich Wiedikon. Er möchte besser Deutsch lernen – und hofft, dass seine Familie bald bei ihm sein wird.

«Ich bin seit knapp vier Jahren in der Schweiz, und vor eineinhalb Jahren habe ich bei Surprise angefangen. Zu Surprise kam ich über einen Nachbarn, der auch Eritreer ist. Ich sah ihn immer mit den Heften, und eines Tages sprach ich ihn darauf an. Er erklärte mir, worum es ging, und nahm mich mit ins Büro der Regionalstelle Zürich. Zuerst bekam ich dann einen Platz in meinem Wohnquartier Wollishofen zuge­ wiesen, aber dort verkaufte ich leider sehr wenig. Mitt­ lerweile arbeite ich an zwei Standorten, mit denen ich sehr zufrieden bin. Beide sind vor einer Migros­ Filiale, der eine in Oberwinterthur und der andere in Zürich an der Schmiede Wiedikon.

Das mache ich jeweils von Montag bis Samstag, und am Sonntag gehe ich in die Kirche. Bis vor Kurzem ver­ kaufte ich immer vormittags von acht bis zwölf Uhr, am Nachmittag ging ich in den Deutschkurs. Derzeit bin ich flexibler, denn ich muss warten, bis mir der nächste Kurs bezahlt wird. Ich versuche jetzt, zuhause etwas Deutsch zu lernen, was aber sehr schwierig ist für mich. Ich muss hier alles von Grund auf lernen.

In Eritrea, wo ich herkomme, war ich Maurer und Gärt­ ner. Ich habe zum Beispiel kein Englisch gelernt und war nur sehr kurz in der Schule. Sehr lang hingegen war ich im Militär­ oder Nationaldienst. Der Staat kann einen auf unbestimmte Zeit für sich arbeiten lassen, jahre­ oder jahrzehntelang. Deshalb bin ich schliesslich geflohen.

Als ich in der Schweiz einen sicheren Aufenthaltsstatus hatte, verliess meine Familie Eritrea ebenfalls. Meine Frau ist mit unseren vier Töchtern und dem Sohn der­ zeit in Äthiopien. Wir mussten einen DNA­Test machen, um zu beweisen, dass wir zusammengehören. Jetzt warten wir darauf, dass sie ein Visum für die Schweiz erhalten. Ich hoffe, dass es nicht mehr lange dauert. Sie fehlen mir alle sehr. Meine Älteste ist 14, die jüngste Tochter fünfeinhalb, der Sohn ist der Mittlere. Sie sind seit einem halben Jahr in Addis Abeba und können dort nicht in die Schule. Das darf nicht zu lange so bleiben.

Surprise verkaufen ist eine gute Arbeit. Auch wegen des Geldes, ich kann mir so ein bisschen etwas zur Sozial­ hilfe dazuverdienen. Mit meinen Sprachkenntnissen habe ich ehrlich gesagt auch keine Aussichten auf eine reguläre Anstellung, und ich würde sagen, dass alles besser ist, als zuhause zu sitzen. Für mich ist es auch fast die einzige Möglichkeit, mit Schweizern in Kontakt zu kommen. Im Alltag sprechen die Menschen ja Schweizerdeutsch, was ich noch viel weniger verstehe. Darum tut mir jeder Schwatz gut, auch wenn es nur zwei, drei Worte sind. Für die Leute, die oft in Eile sind, ist es vielleicht nur eine kleine Geste. Aber ich freue mich darüber immer sehr.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 410 des Surprise Strassenmagazins.