Skip to main content

Strassenverkaufende

Foto: Ruben Hollinger

Verkäuferinnenporträt
«Ich bin von Herzen dankbar»

Senait Arefaine, 35, aus Eritrea managt ihre Familie und den Haushalt, verkauft Surprise, verbessert ihre Deutschkenntnisse – und manchmal bleibt sogar noch ein wenig Zeit für sie selbst.

«Vor gut acht Jahren habe ich mich mit meinen fünf Kindern auf die Reise in die Schweiz gemacht. Schliesslich sind wir genau am 9.9.2009 bei meinem damaligen Ehemann in Bern angekommen. Er war zwei Jahre zuvor aus unserem Heimatland Eritrea geflüchtet und in der Schweiz als Flüchtling aufgenommen worden. Nachdem er die Aufenthaltsbewilligung B erhalten hatte, durfte ich mit unseren zwei Töchtern und drei Söhnen nachreisen. Ein Jahr nach meiner An- kunft kam in Bern der jüngste Sohn zur Welt – er sagt deshalb immer, er sei der einzige Schweizer in der Fa- milie. Das stimmt natürlich nicht, denn von uns allen hat noch niemand den Schweizer Pass. Dafür sprechen die Kinder untereinander fast immer Berndeutsch und essen wie ihre Freunde viel lieber Spaghetti und Pizza als traditionelles eritreisches Essen wie zum Beispiel Injera.

In den acht Jahren seit meiner Ankunft ist einiges passiert. Ich bin mittlerweile geschieden und lebe mit fünf meiner sechs Kinder in einem Dorf in der Nähe von Bern. Die älteste Tochter – ich habe sie schon mit fünfzehn bekommen – ist bereits ausgezogen, sie ist verheiratet und hat selbst zwei Kinder. Der älteste Sohn, der übrigens an seinem zehnten Geburtstag in die Schweiz gekommen ist und am 9. September somit seinen 18. Geburtstag gefeiert hat, ist im zweiten Lehrjahr zum Spengler. Der zweitälteste Sohn absolviert ein Berufswahljahr. Die jüngeren drei Kinder gehen noch zur Schule, der Kleinste kam im August in die erste Klasse.

Wenn alle Kinder versorgt sind und der Haushalt gemacht ist, komme ich an die Reihe: Am Dienstag-und Mittwochvormittag besuche ich an der Volkshochschule einen Deutschkurs, um meine Chancen auf eine Arbeitsstelle zu erhöhen. Mittlerweile bin ich auf Niveau B1. Ich habe schon verschiedene Kurse, Schnupperwochen sowie ein halbjähriges Praktikum in einer Altersheimküche absolviert, doch mit einer festen Arbeitsstelle hat es bisher nicht geklappt. In meiner momentanen Familiensituation könnte ich eine 50-Prozent-Stelle annehmen, als Küchenhilfe oder in der Reinigung habe ich schon Erfahrung. Verbessere ich weiter mein Deutsch, ist vielleicht sogar der Einstieg in die Pflege möglich, was mir auch gefallen würde.

Donnerstag, Freitag und Samstag verkaufe ich jeweils am Vormittag Surprise bei der Migros im Kalchacker- märit in Bremgarten. Der Anfang vor vier Jahren war etwas schwierig, weil ich noch niemanden kannte und schüchtern war, aber inzwischen kenne ich eine Menge Leute. Die Menschen in Bremgarten sind sehr nett, immer wieder bleibt jemand stehen, und wir unterhalten uns. Leute, die mich besser kennen, erkundigen sich, wie es den Kindern geht, oder fragen, ob sie mir irgend- wie helfen können. Einer Frau, die früher Lehrerin war, habe ich gesagt, dass ich Hilfe beim Deutschlernen brauchen könnte – jetzt gehe ich jeden Montag eine Stunde zu ihr in den Unterricht. Eine andere Frau hat mich einmal zuhause besucht, da habe ich für sie unsere traditionelle Kaffeezeremonie gemacht. Diese Kontakte und die Unterstützung sind für mich sehr, sehr wertvoll, und ich bin von Herzen dankbar dafür.

Da die jüngsten zwei Buben noch nicht alleine hingehen können, begleite ich sie dreimal pro Woche nachmit- tags zum Fussballtraining, dazu kommen noch die Fuss- ballmatches am Samstag und Sonntag. Freizeit bleibt für mich kaum. Ich hätte vor allem gerne mehr Zeit, um in Ruhe Deutsch zu lernen. Da ich auf meinem Handy aber verschiedene Apps zum Deutschlernen installiert habe, kann ich jeweils auch im Zug oder Bus ein wenig üben. Habe ich trotzdem ein paar Stunden frei, fahre ich sehr gerne Velo und gehe im Sommer ins Schwimmbad.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 409 des Surprise Strassenmagazins.