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Strassenverkaufende

Verkäuferporträt
«Jeden Tag zwei Stunden zu Fuss zur Schule»

Seit zwei Jahren lebt Mulugeta Teklia, 26, im Berner Oberland und verkauft Surprise in Spiez. Um die Arbeit und seinen Deutschkurs ist er sehr froh, denn nur herumsitzen und nichts tun geht für den Eritreer gar nicht.

«Als ich im August vor zwei Jahren im Empfangszentrum Basel ankam und meinen Antrag auf Asyl stellte, hatte ich noch überhaupt keine Vorstellung von der Schweiz. Ich war elf Monate zuvor aus meinem Heimatland Eritrea geflohen, weil ich es für mich unmöglich war, weiterhin dort zu leben. Ich hatte eines Tages einen Brief vom ‹Nationaldienst› bekommen – mehr möchte ich dazu nicht erzählen.

Die fast ein Jahr dauernde Flucht war sehr beschwerlich, manch- mal gefährlich, und führte mich unter anderem vom Sudan durch die Wüste nach Libyen und von dort über das Mittelmeer nach Italien. An den Bahnhöfen von Bologna und Mailand traf ich auf andere Flüchtlinge, die mir davon abrieten, in Italien zu bleiben. Das Leben dort sei nicht gut, sagten sie. Ich setzte meine Reise deshalb fort und landete im August 2015 eigentlich per Zufall in der Schweiz.

Nach kurzer Zeit im Empfangszentrum wurde ich dem Kanton Bern zugeteilt und in einer Flüchtlingsunterkunft im kleinen Dorf Hondrich bei Spiez untergebracht, oberhalb des Thunersees. Am Anfang war ich einfach glücklich, dass ich es geschafft hatte und nun ein Leben in Freiheit leben durfte. Aber dann merkte ich, dass es für mich sehr schwierig war, den ganzen Tag fast nichts zu tun. Natürlich gab es die Möglichkeit, in der Unterkunft mitzuhelfen, aber die meisten Arbeiten, wie zum Beispiel das Treppenhaus putzen, waren nach einer halben Stunde erledigt. Zum Glück erzählte mir irgendwann ein Kol- lege, der in Bern wohnt, vom Surprise Strassenmagazin. Ich meldete mich im Surprise-Büro in Bern und bekam schliesslich die Möglichkeit, in Interlaken Hefte zu verkaufen. In Spiez war der Verkaufsplatz zu dem Zeitpunkt noch besetzt. Doch wieder zum Glück wurde schon bald der Standort in Spiez bei der Migros frei, und ich konnte wechseln und mir die Reisekosten nach Interlaken sparen.

Nach einem Jahr in Hondrich wurden ein anderer Eritreer und ich nach Adelboden transferiert, wo wir uns jetzt eine kleine Wohnung teilen. Ski gefahren bin ich noch nicht, aber mein Kollege und ich haben im Winter schon Schneeballschlachten gemacht. Ich habe Spass am Schnee. In Adelboden gefällt es mir zwar auch, aber Hondrich liegt näher bei Spiez, wo ich unter der Woche jeden Vormittag in einen Deutschkurs gehe. Jetzt muss ich am Morgen jeweils um sechs Uhr aufstehen und mich auf die einstündige Reise nach Spiez machen. Aber ehrlich gesagt sind das Frühaufstehen und die Fahrt mit Bus und Zug nichts im Vergleich mit dem Schulweg, den wir als Kinder einer Bauernfamilie in Eritrea hatten. Dort gingen wir jeden Tag zwei Stunden zu Fuss zur Schule und wieder zwei Stunden nach Hause zurück!

Mein Deutsch-Intensivkurs beginnt um acht Uhr und dauert bis zwölf. Danach kaufe ich mir ein Picknick, esse und ruhe mich ein wenig aus, bevor ich dann von ein Uhr bis meistens zum Ladenschluss um sieben Uhr Surprise verkaufe. In Adelboden bin ich vor allem zum Schlafen, deshalb habe ich noch kaum Kontakt zu den Menschen dort. Anders ist es in Spiez, dort kenne ich viele Leute vom Surprise-Verkauf. Einmal hat mich ein Mann zum Kaffee eingeladen, das hat mich sehr gefreut. In den letzten Wochen musste ich mit dem Verkaufen pausieren, weil ich zweimal im Spital war. Beim zweiten Mal wurde dann die Ursache meiner Beschwerden entdeckt: Ich hatte Gallensteine, die entfernt werden mussten. In diesen Tagen im Spital bekam ich einen Eindruck von der Arbeit in der Pflege und ich denke, so etwas in dieser Richtung würde mir auch gefallen. Ich habe aber gehört, dass man in der Pflege sehr gut Deutsch sprechen sollte. Um das Niveau B1 zu erreichen, werde ich also noch eine Weile die Schule besuchen.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 406 des Surprise Strassenmagazins.