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Strassenverkaufende

Foto: Ruben Hollinger

Verkäuferporträt
«Das Gefühl, dazuzugehören»

Yogendra Duraiswamy (58), genannt «Yoga», kam einst als Tourist in die Schweiz. Heute ist der gebürtige Sri Lanker als Übersetzer und Dolmetscher tätig und verkauft Surprise beim Coop im Berner Sulgenau-Quartier.

«Ich war knapp 20-jährig, als ich 1978 als Tourist in die Schweiz kam. Ein Lehrer aus Langenthal, den ich in meiner Heimat Sri Lanka kennengelernt hatte, hatte mich eingeladen. Während dieses Besuchs schaute ich mich nach einer Arbeit um und fand schliesslich eine Stelle als Deckarbeiter auf einem Schiff. Zwei Jahre verbrachte ich erst auf einem Frachter, später auf einem Tanker. Beide Schiffe fuhren entlang der europäischen Küsten, und in den grossen Häfen wurde jeweils die Fracht gelöscht und neu geladen. Diese zwei Jahre waren eine gute und abwechslungsreiche Zeit. Wir waren dauernd unterwegs. Nur einmal blieben wir drei Monate am gleichen Ort, weil unser Schiff in Göteborg repariert werden musste.

1980 kehrte ich zu meinem Bekannten in die Schweiz zurück – mit dem ich übrigens bis heute in Kontakt bin – und verliebte mich hier in eine Schweizerin. Wir heirateten und bekamen bald eine Tochter. Weil ich anfangs kaum Deutsch sprach, arbeitete ich zuerst in einer Fabrik, die Küchenmöbel herstellte, dann

in einer Fensterfabrik und später auch noch in einem Restaurant am Buffet. Neben der Arbeit lernte ich an einer Sprachschule intensiv Deutsch, was mir nicht schwerfiel. In Sri Lanka hatte ich im Gymnasium sehr gut Englisch gelernt – da war der Schritt zum Deutsch für mich nicht so gross. Später fing ich sogar an, Berndeutsch zu reden.

Als 1983 der Bürgerkrieg in Sri Lanka ausbrach und viele meiner tamilischen Landsleute in die Schweiz flüchteten, war ich sozusagen der richtige Mann am richtigen Ort. Mit meinen Sprachkenntnissen – ich spreche neben Tamilisch auch Singhalesisch – wurde ich damals von den Behörden als Dol- metscher engagiert und übersetzte jahrelang unter anderem bei Befragungen von Flüchtlingen. Grundsätzlich habe ich diese Arbeit gern gemacht, aber sie war auch belastend. Die Schilderungen der Bürgerkriegserlebnisse gingen nicht spurlos an mir vorüber. Eine Erleichterung für mich war, dass meine Eltern und Geschwister zu Beginn des Bürgerkriegs nach Indien flüchten konnten. Trotzdem hatte ich zeitweise grosse Mühe, hier zurechtzukommen. Das Leben in zwei Kulturen fiel mir vor allem in den ersten Jahren nicht leicht. Ich habe hier in der Schweiz angefangen, in der Bibel zu lesen, und der Glaube an Gott hilft mir oft, meinen Alltag besser zu bewältigen.

Heute bin ich immer noch als Dolmetscher tätig, jedoch nur für Privatleute, die einen Termin bei einem Anwalt oder Verständnisschwierigkeiten im Spital haben. Auch schriftliche Überset- zungen von Briefen oder Urkunden erledige ich ab und zu.

Mit dem Verkauf von Surprise habe ich letzten Dezember angefangen, weil ich mir zu meiner Rente etwas dazuverdienen und auch regelmässig unter die Leute kommen will. Ich bin seit Jahren geschieden und lebe alleine. Den Kontakt zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Büro von Surprise schätze ich sehr. Das gibt mir das Gefühl, dazuzugehören. Etwa ein- mal pro Woche gehe ich im Büro vorbei, hole neue Hefte und setze mich gerne dazu, wenn es einen Brunch gibt.

Für mich ist Surprise verkaufen auch deswegen ideal, weil ich mir die Arbeitszeiten frei einteilen kann. Wenn ich Übersetzungsaufträge habe, erledige ich zuerst diese, dann gehe ich etwa zwei Stunden an meinen Verkaufsstandort beim Coop im Berner Sulgenau-Quartier. Wenn ich keine Lust mehr habe, kehre ich nach Hause zurück und löse zur Entspannung ein Kreuzworträtsel.»

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 403 des Surprise Strassenmagazin veröffentlicht.