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Strassenverkaufende

Verkäuferporträt
«Der Zorn kommt ja von irgendwo»

Alois Kappeler, 65, verkauft Surprise in der Südostschweiz. Sein Weg führte ihn durch Dutzende Kinderheime, Kliniken und Zuchthäuser bis an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

«Ich verkaufe seit bald zehn Jahren Surprise. Ruedi, ein anderer Verkäufer, hat mich dazu gebracht. Meinen ersten Tag begann ich vor dem Quader-Center in Chur. Gegen Mittag kam die erste Kundin, und weisst du was? Sie kauft mir noch heute fast jedes Mal ein Heft ab.

Ich stamme aus einer jenischen Familie, meine Eltern waren Fahrende. Als ich zwei Tage alt war, kamen Pro Juventute und das Amt und nahmen mich ihnen weg. Ich habe sie nie kennengelernt. Sogar meinen Namen hat man geändert, meine Eltern hiessen Hauser.

Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in acht Kinderhei- men und über 20 Kliniken. Als einjähriges Kind kam ich in ein Heim für Schwererziehbare, mit fünf in eine Behinderten- schule. Das ging immer so weiter, und als ich 13 war, konnte ich immer noch nicht lesen und schreiben. Ich wäre lieber zur Schule gegangen, als in der Werkstatt Schräubchen zu sortieren. Man liess mich nichts machen, traute mir nichts zu. Und das machte mich wütend. Eines Tages verfrachtete man mich in die psychiatrische Anstalt Burghölzli. Ich war gerade einmal 16. Die Behörde behauptete, ich sei gewalttätig und unzurech- nungsfähig, obwohl das Gutachten etwas anderes sagte.

Später landete ich in der Klinik Waldhaus in Chur, dort konnte ich in der Landwirtschaft arbeiten. Das machte mir Spass. Ich wollte nichts anderes, als Traktor zu fahren und mit den Tieren zu arbeiten. Aber wieder liess mich der Vormund nichts machen. Um es kurz zu machen: Am Ende wurde ich adminis- trativ verwahrt und landete in der Anstalt Herdern bei Frauen- feld. Der Leiter dort liess öfter mal seine zwei Bluthunde auf uns los – es war die Hölle auf Erden.

Schliesslich kam ich dank des Einsatzes von Robert Huber von der jenischen Radgenossenschaft und einem Rechtsanwalt frei. Ich wurde bei meiner Schwester platziert, einer schweren Alkoholikerin. Nun ja, es dauerte nicht lange, und der Vormund versorgte mich wieder, diesmal im Zuchthaus Realta und in der Klinik Beverin im Domleschg. Es sollte meine letzte Station sein, aber auch die schlimmste. Als ich dort einsass, ordnete der Vormund meine Kastration an. Sie kamen zu siebt, alle starke Psychiatriepfleger. Aber ich wehrte mich. Zwei von denen sassen am Ende im Rollstuhl.

Beim Amt hiess es immer, ich sei jähzornig. Aber bitte, dieser Zorn kommt ja von irgendwo!

Hans Caprez, Redaktor beim Beobachter, und Anwalt Frisch- knecht holten mich raus. Ich tauchte ab und verbrachte drei Jahre auf einer Alp. Nur die Berge, die Rinder und ich. Bis ich im Nebel 24 Meter in die Tiefe stürzte. Hätte mein Hund nicht Hilfe geholt, wäre ich wohl nicht mehr am Leben. Danach sass ich lange im Rollstuhl, hatte schwere Epilepsieanfälle und war sehr vergesslich. Es dauerte acht Jahre, bis ich wieder einiger- massen auf dem Damm war.

Natürlich fand mich nach dem Unfall auch die Behörde wieder. Mit dem Beobachter zusammen beantragte ich die Aufhebung der Vormundschaft. Recht bekam ich erst in Strassburg vor dem Menschenrechts-Gerichtshof. Nach all den Misshandlun- gen, den Elektroschocks, den Zwangsjacken und Schlägen war ich endlich frei.

Mit dem Schadenersatz baute ich mir im Luzernischen eine kleine Landwirtschaft auf: zwei Kühe, eine Geiss, ein Traktor und ein Heimetli. Und bald lernte ich an der Dorffasnacht meine Frau kennen, mit der ich jetzt seit bald 25 Jahren zusammen bin. Wir heirateten, ich adoptierte ihre drei Kinder, und wir zogen zusammen. Heute haben wir acht Enkelkinder, und der Sohn macht jetzt den Hof. Natürlich haben wir gute Zeiten und weniger gute, aber das Wichtigste ist: Wir können uns immer vertrauen.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 402 des Surprise Strassenmagazins.