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Strassenverkaufende

Verkäuferporträt international
Selbstdiagnose: Unterordnungsphobie

Gernot Holzinger, 53, ist Verkäufer der Strassenzeitung Augustin in Wien. Von einem Therapeuten mit «Multiplem Suchtphänomen» diagnostiziert (Alkohol, Tabletten und Glücksspiel), hat er für sich selbst ein Casinoverbot erwirkt.

 

Ich wurde 1964 geboren. Meine Eltern stammten aus dem Waldviertel, zogen aber dann nach Salzburg, wo mein Vater, der beim Bundesheer arbeitete, eingesetzt war. Über die Qualität der familiären Verhältnisse möchte ich mich nicht äussern, ich bitte um Verständnis.

Es gibt wohl kaum einen, der eine längere Liste von verschiedenen Jobs vorweisen kann als ich. Es werden so um die 30 Arbeitgeber gewesen sein. Das hängt mit meiner frühen Umwandlung zusammen: vom Gesellschaftstrinker zum Pegeltrinker. Ich hab keinen Chef ausgehalten, und kein Chef hat mich ausgehalten, und auch wenn ich nichts getrunken hätte, so wäre ich doch aus vielen Anstellungen geflüchtet. Ich besitze nämlich die Eigenschaft, mich nicht unterordnen zu können. Am längsten habe ich es in meinem «intellektuellsten» Beruf ausgehalten: in der Universitätsbibliothek. Am schlechtesten ist es mir im Finanzamt Salzburg Stadt gegangen. Hier bin ich von den Kunden nur beschimpft worden – als sei ich dafür verantwortlich gewesen, dass sie Steuern nachzahlen mussten.

Seit meinem 18. Lebensjahr nehme ich Antidepressiva. Wenn du einen Titel für meine Lebenserzählung brauchst, kann ich dir «Multiples Suchtphänomen» anbieten. So hat mich ein Gesprächstherapeut eingeordnet. Neben der Alkoholsucht, die auch nach mehreren Entziehungskuren noch besteht, bin ich spielautomaten- und tablettensüchtig.

Ich glaube, ich bin nach Wien gegangen, als ich 22 war. Meine Süchte verhinderten eine Stabilisierung. Ich habe die Ehre, einem «lebenslangen Gruftverbot» ausgesetzt zu sein – die Gruft ist das Caritas-Notlager im 6. Bezirk. Andere Notquartiere akzeptierten meine Promille, aber ich konnte ihre «Hausnotstandsgesetze» nicht akzeptieren: Um 8 Uhr morgens musst du draussen sein, bis 18 Uhr darfst du nicht wieder hinein, dann darfst du, aber nur bis 22 Uhr, dann schliesst die Tür für die Nacht. Heute schlafe ich in einem Obdachlosenquartier des Arbeiter-Samariter-Bundes. Hier sind die Gesetze weniger rigoros, aber ich glaube, dass sie es auch dort nicht mögen, wenn ich jemanden ins Zimmer mitbringe.

Ich zähle mich zu den Urgesteinen des Augustin. Ja, ich identifiziere mich mit dieser Zeitung, erstens inhaltlich und zweitens, weil sie mir geholfen hat, aus meinen Depressionen herauszukommen. Ich habe auch schon geschrieben für den Augustin. Momentan habe ich eine Schreibblockade, die ich überwinden muss. Die Glückspielerei hab ich nun im Griff. Ich habe selbst veranlasst, dass ich registriert werde in der Liste der Menschen, die Casinoverbot haben. Ich habe keine Spielschulden mehr, nur noch Schulden bei den Wiener Linien, fürs Schwarzfahren. Eine unglaubliche Summe. Ich nehme an den politischen Aktionen des Augustin teil, zum Beispiel für die Gratisbenützung des ÖV. Und, wie unsere Redaktoren und Redaktorinnen, fürchte ich mich vor einem weiteren Rechtsrutsch. Bitte erklärt mir, warum ausgerechnet die Menschen, die so arm dran sind wie ich, dazu beitragen, dass die Faschisten immer stärker werden! 

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 413 des Surprise Strassenmagazins.