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Strassenverkaufende

Foto: Ruben Hollinger

Verkäuferporträt
«Mein Glaube ist mein steter Begleiter»

Aschi Aebersold (60) hat den Halt im Leben verloren, sich aber mit Unterstützung «von oben» wieder gefangen. Seit gut zwölf Jahren verkauft er das Strassenmagazin Surprise in Burgdorf.

«In meiner Kindheit sagte mir der Glaube an Gott gar nichts, obwohl ich einen grossen Teil meiner Kindheit in einer Täufer­ familie im Berner Jura verbrachte. Da war wohl auch eine Portion Protest dabei, denn ich wurde gegen meinen Willen fremdplatziert. Mein Vater war jähzornig und schlug uns Kinder in der Wut immer wieder. Das hatten die Nachbarn mit­ bekommen und den Behörden gemeldet. Mit dem Resultat, dass ich eines Tages, als ich von einem Sommerlager zurück­ kam, direkt vom Bahnhof Bern abgeholt und auf den Bau­ ernhof der Täuferfamilie gebracht wurde. Ein paar Monate später folgte mein Bruder.

Als 17­Jähriger kam ich nach Bern zurück und absolvierte bei den SBB eine Lehre zum Betriebsmitarbeiter. Zu unseren Arbeiten gehörten Rangieren, Wagen reinigen und Gepäck sortieren – doch für meinen Geschmack hatten wir viel zu we­nig zu tun, ich war die harte Arbeit auf dem Bauernhof ge­wohnt. Ich kündigte und nahm danach verschiedene Temporär­jobs an, bis ich schliesslich zehn Jahre lang in einem Berner Restaurant als Hilfskoch arbeitete. Ich hatte einen super Küchen­chef, aber mit den Wirtsleuten war es schwierig auszukommen. Eines Tages erhielt ich ‹wegen Personalabbau› die Kündigung.

In meinem nächsten Job als Dachdecker hatte ich Pech: Der Chef hatte die Leiter nicht richtig hingestellt, und ich kippte rücklings in den Miststock. Die Verletzungen waren wohl wegen der gedämpften Landung nicht so schlimm, aber ich wag­te mich von da an nicht mehr aufs Dach. Das ist gegen Ende der Neunzigerjahre passiert, als man nicht mehr so einfach einen neuen Job fand, und es war der Anfang meines Sinkflugs. Neben dem Jobverlust ging auch noch meine Beziehung in Brüche, und meine damalige Freundin stellte mich vor die Tür. Ich wohnte danach eine Zeit lang auf einem Campingplatz und tröstete mich mit Trinken und Kiffen, probierte Heroin und Kokain aus, bis ich die Finger nicht mehr davon lassen konnte.

In jener Zeit lernte ich meine Frau Beni kennen, mit der ich nun schon 17 Jahre verheiratet bin. Wir waren beide auf Drogen, wussten aber von Anfang an, dass wir gemeinsam aus dem Zeug rauskommen wollten. Ich glaube, der Heilige Geist hat uns dabei unterstützt. Eine Kollegin von Beni nahm uns eines Tages mit in die Pfimi, die Pfingstmission in Bern, und es hat mir dort auf Anhieb super gefallen. Die Musik der Pfimi­Band hat mich sofort ergriffen und mir so viel Kraft gegeben. Von da an besuchten wir die Gottesdienste regelmässig, und mit uns ging es langsam aufwärts. Wir beschlossen, unser altes Umfeld hinter uns zu lassen und nach Burgdorf zu ziehen.

Vor dem Wechsel nach Burgdorf war im Bahnhof Bern, wo wir meistens rumhingen, immer wieder einer bei uns vorbeige­ kommen und hatte gefragt, ob wir nicht das Strassenmagazin Surprise verkaufen wollten. An ihn, Fredi vom Betriebsbüro Bern, erinnerte ich mich, nachdem wir umgezogen waren. Mitt­lerweile drehe ich in Burgdorf seit zwölf Jahren meine Run­den und verkaufe Surprise. Ich weiss genau, um welche Zeit ich am Bahnhof sein muss, wann der Schnellzug hält, wann der Verkauf bei der Post, beim Coop oder am Samstag auf dem Markt am besten läuft. Surprise zu verkaufen erfüllt mich und gibt uns – Beni und ich haben mittlerweile eine IV­Rente – einen wichtigen Zustupf in die Haushaltskasse, etwa um uns ab und zu einen guten Bitz Fleisch zu leisten.

Vor der Arbeit nehmen Beni und ich uns jeweils noch Zeit, um gemeinsam zu beten und uns auf den Tag vorzubereiten. Am Sonntag und auch an anderen Tagen besuchen wir Veran­staltungen vom CLZ, das ist eine Freikirche in Burgdorf, in der wir uns sehr gut aufgehoben fühlen. Mein Glaube ist mir zu einem steten Begleiter geworden. In meinem Portemonnaie steckt momentan ein Zettel mit einem Text aus dem 1. Korinther­brief: ‹Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am grössten unter ihnen ist die Liebe›.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 414 des Surprise Strassenmagazins.