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Strassenverkaufende

Foto: Ruben Hollinger

Verkäufer-Porträt
«Den Platz will ich!»

Dieter Plüss (51) verkauft nach einer längeren Pause wieder Surprise in Olten. Sein neuer Platz ist der vor kurzem freigewordene Standort im Bahnhof.

«Ich habe im November bereits zum zweiten Mal mit dem Verkauf von Surprise angefangen. Das erste Mal begann ich vor mehr als drei Jahren, im Oktober 2014. Ich hatte meinen Standort vor dem Sälipark in Olten. Der Kontakt mit den Leuten und der geregelte Tagesablauf gefielen mir sehr, doch nach zwei Jahren gab es einen neuen Sälipark-Chef, und der hat mich weggejagt. Da war Schluss für mich. Mir hat es abgelöscht. 

Aber als mir Marlis, die langjährige Surprise-Verkäuferin im Bahnhof Olten, letzten Herbst sagte, dass sie aus gesundheitlichen Gründen aufhören würde, wusste ich: Den Platz will ich! Ich fuhr nach Bern und fragte, ob ich ihn übernehmen dürfe. Fredi vom Surprise-Vertriebsbüro sagte: ‹Dieter, wir haben gehofft, dass du dich zurückmeldest und Marlis' Platz übernimmst.› Das hat mich sehr gefreut.

Nun verkaufe ich wieder täglich Surprise, Montag bis und mit Samstag, von 7 bis 9 Uhr. Mir gefällt dabei wiederum der Kontakt zu den Menschen, auch wenn es in der Bahnhofsunterführung anders ist als im Sälipark. Dort hatte es weniger Leute, dafür hatten sie mehr Zeit für ein Gespräch. Neu ist für mich auch, dass ich jetzt eine Art Informationsstelle bin. Oft werde ich nach dem Weg oder dem richtigen Gleis gefragt. Wenn ich es weiss, helfe ich gern weiter, sonst verweise ich einfach auf die Anzeigetafeln.

Nach dem Verkauf mache ich mich meistens auf den Weg nach Oensingen und esse im ‹Mittelpunkt›, einem Treffpunkt für psychisch beeinträchtigte Menschen, zu Mittag. Manchmal, je nach Situation im Portemonnaie, bleibe ich aber in Olten und verkaufe über die Mittagszeit auch noch ein bis zwei Stunden Surprise. Danach gehe ich heim nach Winznau, wo ‹Bubeli› auf mich wartet. Den rot-weissen Kater habe ich letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen und würde ihn ehrlich gesagt nie mehr hergeben. Am Nachmittag begleite ich regelmässig meinen Nachbarn und seinen Hund auf Spaziergängen der Aare entlang. Es ist interessant: Wenn ich nicht daheim bin, begleitet der Kater den Nachbarn und den Hund meistens ein Stück weit, wenn ich dabei bin, bleibt er hingegen im Haus.

In Winznau lebe ich jetzt schon seit 18 Jahren – so lange habe ich noch nie an einem Ort gelebt. Ich bin in Däniken zur Welt gekommen und im Appenzeller- land und in St. Gallen aufgewachsen. Ich hatte keine einfache Kindheit. Mein Vater hat die Familie verlassen, als ich fünf war, neun Jahre später starb meine Mutter, und meine Geschwister und ich kamen ins Kinderheim. Als Erwachsener habe ich an zig Orten im Kanton Thurgau, in Zürich und Graubünden gelebt und auch gearbeitet – ich bin gelernter Automechaniker und Obstbauer. Seit einem Unfall habe ich Metallschienen und Schrauben im Bein und kann deshalb auf keinem dieser Berufe mehr arbeiten.

Im überschaubaren Winznau, wo man sich auf der Strasse noch Grüezi sagt und wo ich so einen guten und freundschaftlichen Kontakt zu meinem Nachbarn habe, fühle ich mich daheim. Weg von zu Hause zieht es mich nur noch ferienhalber. Letztes Jahr war ich einmal in Italien, das war sehr schön. Meine Traumdestination ist und bleibt aber die Insel Bora Bora im Südpazifik, daraufhin spare ich.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 418 des Surprise Strassenmagazins.