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Strassenverkaufende

Foto: Matthias Willi

Verkäuferinnen-Porträt
Surprise brachte die Hoffnung in mein Leben zurück»

Ich bin mit Surprise nicht zufrieden. Es bedeutet mir viel mehr. Wie soll ich es ausdrücken? Surprise brachte die Hoffnung in mein Leben zurück und Frieden für meine Seele.

 

Auch diesen Job habe ich dank Surprise. Vor sechs Jahren war ich noch ziemlich verzweifelt: Ich wusste noch nicht einmal, ob ich in der Schweiz bleiben kann. Dazu musste ich mich noch um meine zwei Kinder kümmern, vor allem um meine Tochter, die gerade Mutter geworden war. Ich wollte für die Ämter alles machen, was es braucht, um nicht zurück nach Mazedonien zu müssen. In der Schweiz konnte ich die Gewaltübergriffe meines Mannes eher vergessen. Aber ich blickte überhaupt nicht durch bei all den Dokumenten und Amtsstellen. 

Zum Glück kam ich in das Förderprogramm SurPlus, da ich schon lange Vollzeit Hefte verkaufte. Eine Sozialarbeiterin von Surprise nahm sich meiner Situation an. (...) Auch eine Stelle fand sie für mich, im «Hirscheneck», Basels ältstem selbstverwalteten Restaurant mit Kulturbetrieb. Etwa ein Jahr lang putzte ich dort und half in der Küche. Im berüchtigten Hirschi-Keller war ich aber kaum. Die Partys und Konzerte dort starten erst spät. Die Nacht gehört den Jungen. Ich aber musste schlafen, damit ich am nächsten Tag wieder früh arbeiten gehen konnte. 

Ich hatte ja noch meine Tochter und ihr Baby. Der Vater hatte sich nach Deutschland abgesetzt. Männer wollen einfach keien Verantwortung übernehmen. Ich lasse niemanden hängen. Der Junge ist für mich wie ein drittes Kind. Heute sehe ich die beiden weniger, da sie wegen der Sozialhilfe in Zürich wohnen müssen. Eigentlich würden wir gerne als Familie zusammenleben. Wir haben hier niemanden ausser uns. Aber ich kann schlecht nach Zürich ziehen, da ich hier Arbeit und eine Wohnung habe. Dort ein bezahlbare Bleibe zu finden, ist unmöglich. So treffen wir uns an den Wochenenden in Basel. Meist gehe ich mit dem Buben zum Spielplatz bei der Dreirosenbrücke. Auch im Winter. Drinnen spielen wir Tischfussball oder er springt mit Freunden auf dem Trampolin. Dann setze ich mich an den Tisch, trinke gemütlich einen Kaffee oder rauche vor dem Fenster eine Zigratte. Das sind eigentlich meine einzigen ruhigen Momente.

Die Woche durch stehe ich (...) jeden Morgen beim Coop Bachletten. Mir gefällt dieser Verkaufsstandort. Im Quartier hat es viele Familien und manchemal bleiben die Kinder bei mir draussen, während die Mütter einkaufen. Dafür will ich kein Hütegeld. Erstens macht es mir Spass, mit den Kinder zu plaudern und ausserdem sind die Mütter meistens schon Kundinnen.  (...)

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Porträt, das im Buch «Standort Strasse» erschienen ist. Es erzählt mit den Lebensgeschichten von zwanzig Menschen, wie unterschiedlich die Gründe für den sozialen Abstieg sind - und wie gross die Schwierigkeiten wieder auf die Beine zu kommen. Porträts aus früheren Ausgaben des Surprise Strassenmagazins ergänzen die Texte. Der Blick auf Vergangenheit und Gegenwart zeigt selbstbewusste Menschen, die es geschafft haben, trotzt sozialer und wirtschaftlicher Not neue Wege zu gehen und ein Leben abseits staatlicher Hilfe aufzubauen. Surprise hat sie mit einer Bandbreite an Angeboten unterstützt: Der Verkauf des Strassenmagazins gehört ebenso dazu wie der Strassenfussball, der Strassenchor, die Sozialen Stadtrundgänge und eine umfassende Beratung und Begleitung.Standort Strasse erschienen ist.

Das Buch ist in unserem Online-Shop erhältlich.