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Strassenverkaufende

Verkäuferinnenporträt
«Ich bin das schwarze Schaf der Familie»

Ivana Dimkic hat all ihre Kraft aufgebracht, um einer familiären Katastrophe im Kosovo zu entkommen. Den Glauben daran, dass in der Schweiz ein gutes Leben mit ihren Söhnen möglich ist, hat sie nicht verloren.

Ich bin Serbin aus dem Kosovo. Ich bin 35 Jahre alt und in einem Dorf nahe der Hauptstadt Priština aufgewachsen. Ende der Neunzigerjahre gab es Krieg, unser Haus wurde zerstört. Auch in Serbien, wo ich 1999 meine Ausbildung als Zolldisponentin abschloss, war ich nicht akzeptiert. Ich wusste nie warum. Ich bin ein offener Mensch, Nationalität und Religion spielen für mich keine Rolle. Ich verstehe das nicht, wenn man jemanden aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe hasst. Mensch ist Mensch.

2001 musste ich heiraten. Meine Eltern bestanden darauf. Für sie war es undenkbar, dass ich mit einem Mann einfach so zusammenlebte. 2002 kam mein Sohn Stefan zur Welt, 2003 sein Bruder Lazar. Als er fünf Tage alt war, vergewaltigte mein Mann meine damals 14-jährige Schwester. Er kam ins Gefängnis, das war eine Schande für unsere ganze Familie. Ich liess mich scheiden und arbeitete an einer Tankstelle, um meine Kinder zu ernähren. 12-Stunden-Schichten waren normal. In Serbien gibt es keine staatliche Hilfe für Alleinerziehende. Ich wurde krank, war traurig, alleine, fühlte mich wie tot. Ich wollte aber, dass es meine Kinder einmal besser haben als ich. Deshalb kam ich 2006 in die Schweiz. Die Buben liess ich bei meinen Eltern.

Der Anfang im Asylheim war schwierig. Ich sprach nur Serbisch und Russisch. Mit meinen Mitbewohnerinnen aus Bangladesch, Sri Lanka und der Türkei musste ich mich in Zeichensprache unterhalten. Aber von ihnen habe ich viel gelernt. Wir sind zu einer Art Familie zusammengewachsen und treffen uns heute noch. Nachdem mein Asylantrag bewilligt wurde, arbeitete ich in einer Konditorei. 2010 heiratete ich zum zweiten Mal und meine Kinder konnten in die Schweiz kommen. Doch sie hatten Probleme, sich an die Schweiz zu gewöhnen, sie kamen aus einem Dorf im Kosovo in die Stadt. Sie konnten die Sprache nicht, mein Mann und ich waren dabei keine grosse Hilfe. Zudem begann mein Mann zu trinken und machte Schulden. Ich wurde depressiv, hatte wie keine Augen, keine Ohren und keinen Mund mehr. Ich ass damals sehr viel Schokolade und nahm 40 Kilogramm zu. 2012 hatte ich die Probleme meines Mannes satt und trennte mich von ihm. Für meine Familie bin deshalb das schwarze Schaf.

Heute lebe ich allein mit meinen Jungs in Basel, arbeite 50 Prozent als Putzfrau und verkaufe Surprise in Allschwil und Basel. Dabei lerne ich nette Menschen kennen. Das gibt mir Kraft. Mit dem Lohn bringe ich meine Familie einigermassen über die Runden. Aber ich will nicht immer von der Sozialhilfe abhängig sein. Deshalb will ich eine Ausbildung als Konfiseurin machen. Dazu muss ich aber mein Deutsch verbessern. Das mache ich in meiner Freizeit. Zudem tanze ich Zumba und koche für mein Leben gern. Ich kenne Spezialitäten aus Eritrea, Sri Lanka oder Thailand. Das isst man mit den Händen. Ich liebe das.

Meine Jungs bedeuten mir alles. Ich versuche ihnen all meine Liebe zu geben. Auch wenn der ältere, Stefan, manchmal Probleme macht. Als er frisch in der Schweiz war, ging es ihm nicht gut, und er hat ADHS.

Nun ist er 14 und zahlt das zurück. Er schlägt oft drein, musste auch schon ein halbes Jahr ins Heim. Ich habe dort vorgesprochen und ihn wieder zu mir geholt. Nun gehen wir in die Therapie. Ich hielt das nicht aus, als er im Heim war. Er hat sich nun auch gebessert und freut sich auf seine Lehre als Bodenleger. Das ist zwar ein harter Job. Aber er will das unbedingt. Danach will er sich selbständig machen. Lazar, der 13Jährige, ist sehr ruhig und lieb. Er liebt Musik und ist einer der Besten in seiner Klasse. Ich glaube nicht an die strenge Erziehung meiner Eltern. Ich durfte weder Velo fahren noch Fussball spielen. Meine Mutter hat mir meine Fussballschuhe zerstört, damit ich nicht ins Training konnte. Aus Trotz habe ich meine langen Haare abgeschnitten.