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Strassenverkaufende

Verkäuferporträt
«Ich sage, was ich denke»

Andreas Hossmann, 63, verkauft das Surprise Strassenmagazin im Basler Gundeliquartier. Seine Laufbahn im Finanzwesen endete ausgerechnet in der Liegenschaft, in der sich heute der Verein Surprise befindet.

«Wir sind hier im Büro der Surprise-Geschäftsleiterin, und weisst du was? Das war früher mal meins. Ja, wirklich, genau hier stand mein Pult. Bei der Treuhandfirma, die früher in diese Liegenschaft eingemietet war, hatte ich eine wichtige Position. Damals waren gerade neue Geldwäschereigesetze eingeführt worden, und ich war dafür verantwortlich, für alle Konten den wirtschaftlich Berechtigten ausfindig zu machen. Das war sehr heikel, die Kunden mussten persönlich vorbeikommen, zum Teil aus dem Ausland. Ich frage einen Kunden nicht per Post oder am Telefon, ob das vielleicht Schwarzgeld sei, das wir da für ihn anlegen. Ich bin schliesslich nicht ganz blöd.

Ich begann meine Laufbahn 1968 mit der Banklehre bei einer französischen Bank am Claraplatz in Basel. Nach der Lehre setzte man mich dort in der Abteilung Börse Inland/ Ausland ein. Das war damals noch etwas ganz anderes, man sass mit den anderen Händlern am Ring im unteren Stock, hatte die Telexausdrucke vor sich und telefonierte die ganze Zeit mit den Korrespondenten.

Danach konnte ich für anderthalb Jahre nach Paris zur Bank Dupont. Das war für mich ein Traum, der in Erfüllung ging. Ich hatte schon immer mit dem Gedanken gespielt, im Ausland zu leben. Leider ergab sich nach der Zeit bei Dupont keine Anschlusslösung in Paris, und so kehrte ich in die Schweiz zurück.

 

Eine Weile machte ich dann einen Abstecher in die Kunstwelt und arbeitete als Disponent bei einer Firma, die Kunstwerke und Bargeld transportierte. Das Geschäft war noch im Aufbau, und sie brauchten jemanden, der das organisieren kann. Es war viel administrative Arbeit, aber manchmal musste ich auch den Revolver einpacken und bei einem Transport mitfahren.

Danach machte ich in den Banken weiter, unter anderem als Börsenhändler bei der Bankgesellschaft, der heutigen UBS. Schliesslich landete ich bei der Raiffeisen in Aesch bei Basel. Meine wichtigste Aufgabe zu Beginn: Ich musste dafür sorgen, dass am Zahltag genügend Bargeld in der Kasse und Personal an den Schaltern war. Nebenbei baute ich den Börsenhandel auf. Mein Chef liess mir freie Hand, und ich verdiente für die Bank sehr viel Geld. Es wäre ein Job gewesen, den ich noch lange Zeit weitergemacht hätte – wenn da nicht ein neuer Chef eingesetzt worden wäre. Den Posten des Finanzchefs, den ich gerne gehabt hätte, belegte er gleich selbst. Und ganz allgemein hatten wir das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Der Mann war vordergründig immer freundlich, aber hintendurch mobbte er mich. Ich hingegen sage, was ich denke. Wenn ich denke, dass mein Chef nicht kompetent ist, dann äussere ich das auch. Irgendwann wurde mir gekündigt.

 

Die Treuhandfirma, die hier in diesen Büros war, ging 2003 zu, weil die Miete nicht mehr bezahlt wurde. Wir gingen in Konkurs, und weil ich in den letzten paar Monaten noch zum Zeichnungsberechtigten der Firma erhoben worden war, hing ich in dem Konkurs mit drin. Dabei wusste ich nur, was meine Abteilung macht. In die Geschäftsbuchhaltung hatte ich keinen Einblick. Der Inhaber jedenfalls wanderte ins Gefängnis. Meine Strafe war, dass ich meine Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte: Bis heute sind Lohnforderungen an meinen damaligen Chef offen.

Und wenn du erstmal Betreibungen hast, kriegst du natürlich keinen Job mehr in der Finanzbranche. Also jobbte ich kreuz und quer: morgens Zeitungen für die Frühzustellung ausliefern, nachmittags am Telefon die Kunden eines Weinhändlers beraten, abends Pizzakurier. Ein Monsterprogramm, mit dem ich aber auch nicht genug verdiente. Heute mache ich nur noch die Zeitungstouren, und daneben verkaufe ich Surprise. So komme ich durch bis zur Frühpensionierung. Aber ehrlich gesagt trage ich mich nicht mit dem Gedanken ans Aufhören.

Die grosse Lehre für mich aus der Geschichte: So lange es dir gut geht, kommen alle und wollen etwas von dir. Wenn du mal unten bist, zeigen die Leute ihr wahres Gesicht. Mit vielen aus meinem einstigen Umfeld will ich heute nichts mehr zu tun haben.»