Skip to main content

Strassenverkaufende

Verkäuferporträt
«Wir leben hier und jetzt»

Isayas Habte (35) aus Eritrea hat in der Schweiz eine Familie gegründet und hier sein neues Zuhause gefunden. Dank dem Integrationsangebot, das er fleissig nutzte, hat er eine Festanstellung bekommen. Surprise verkauft er nach wie vor, weil ihm der Kontakt zu seinen Kunden wichtig ist.

«Vor neun Jahren bin ich als Flüchtling in die Schweiz gekommen, und fast schon so lange verkaufe ich Surprise. Neben allen Kursen und Praktika, heute neben meiner 80-Prozent-Stelle, habe ich immer Hefte verkauft. Natürlich kann ich dabei etwas verdienen, aber ich gehe in erster Linie wegen des Kontakts zu meinen Kunden an meinen Standort vor der Coop-Filiale in Köniz. Die kurzen, manchmal längeren Gespräche bei einem Kaffee machen mich glücklich. Zudem helfen sie mir immer wieder, mein Deutsch zu verbessern.

Leute, die ich vor dem Coop noch nie gesehen habe, grüsse ich das erste Mal freundlich. Ich sehe dann, dass sie mich verwundert anschauen und sich wahrscheinlich überlegen, was ich für einer sein könnte. Nach ein paar Mal grüssen sie zurück. Später kaufen sie vielleicht ein Heft, und wir kommen ins Gespräch. Die einen fragen, woher ich komme, die andern reden einfach über das Wetter. So war es mit vielen Kunden. Sich Schritt für Schritt näherkommen und langsam Vertrauen fassen, das mag ich und das entspricht mir sehr.

So ähnlich lief das auch bei meiner Arbeitsstelle bei Siloah, einem Spital mit Alters- und Pflegeheim in Gümligen. Dort habe ich zuerst ein Praktikum als Küchenhilfe, dann als Reinigungsmitarbeiter absolviert und erhielt schliesslich eine 40-Prozent-Anstellung in der Reinigung. Vor ein paar Monaten kamen noch einmal 40 Prozent dazu. Zu meinen Aufgaben gehören unter anderem das Kontrollieren und Putzen der Räume in der benachbarten Heilpädagogischen Schule der Nathalie-Stiftung. Viel Kontakt zu den Leuten habe ich dort nicht, aber ich winke oder lächle ihnen jeweils zu, wenn wir uns begegnen. Manche können eben gar nicht sprechen.

Mehr Kontakt und ein sehr gutes Verhältnis habe ich zu meinen Vorgesetzten und meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen. Zu ihnen gehört auch meine Frau Tibe, die ich übrigens hier in der Schweiz im Asylzentrum kennengelernt habe. Sie arbeitet schon länger dort und hat bereits eine volle Stelle. Weil wir drei Kinder haben, schauen sie im Büro immer, dass unsere Arbeitspläne zusammenpassen. Auch sonst helfen sie uns. Wenn ich zum Beispiel irgendetwas nicht verstehe, kann ich immer hingehen und fragen. Für mich ist das Team im Siloah fast wie eine Familie. Ich bin so dankbar, dass ich dort arbeiten kann.

Dankbar bin ich auch, dass meine Frau und ich mehrere Sprach- und Integrationskurse besuchen durften. Ich weiss nicht, ob wir ohne diese heute beide eine Stelle hätten und unseren Lebensunterhalt aus eigener Kraft verdienen könnten. Mit unseren Deutschkenntnissen können wir, zumindest jetzt noch, auch unsere Kinder unterstützen. Die 7-jährige Tochter geht jetzt in die erste Klasse, die bald 6-jährige Tochter ist im Kindergarten und der 4-jährige Sohn kann es kaum erwarten, dass er im Sommer endlich in den Kindergarten gehen darf, weil er sich immer so langweilt, wenn die Schwestern nicht da sind. Ich freue mich übrigens auch, wenn er im August im Kindergarten ist, denn dann habe ich wieder mehr Zeit, Surprise zu verkaufen!

An unsere schwierige Vergangenheit in Eritrea mögen meine Frau und ich nicht zurückdenken. Wir leben hier und jetzt. Die Schweiz ist jetzt unser Zuhause, und das der Kinder sowieso. Die ältere Tochter war letzten Februar in einem Ferienlager und hat Skifahren gelernt. In unserem Wohnblock kennen wir fast alle Nachbarn. Wenn wir uns per Zufall sehen, sprechen wir kurz miteinander, und im Sommer bei schönem Wetter treffen wir uns ab und zu auf der Dachterrasse zu kleinen Festen. Hier und jetzt ist unser Leben tiptop! Ich denke nicht gross über die Zukunft nach – und wenn, dann hoffe ich einfach das Beste. Positiv denken, das ist meine Einstellung.»