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Strassenverkaufende

Verkäuferporträt
«Plötzlich klingelte das Telefon»

Surprise-Verkäufer Negussie Weldai, 57, konnte in einem Schweizer Asylzentrum nach über fünf Jahren seine Frau wieder in die Arme schliessen. Jetzt fehlen ihm zum perfekten Glück nur noch eine Wohnung und eine Arbeitsstelle.

«Ich bin seit sechs Jahren in der Schweiz, meine Heimat Eritrea habe ich aber schon vor über 25 Jahren verlassen. Ich bin während der Befreiungskämpfe geflüchtet, als Eritrea für die Unabhängigkeit von Äthiopien kämpfte. Innerhalb der Revolutionsbewegung hatten sich verschiedene Gruppierungen gebildet. Meine Leute beschuldigten mich zu Unrecht, dass ich der andern Gruppe angehöre, und brachten mich zweimal für mehrere Monate ins Gefängnis. Ein weiteres Mal wollte ich das nicht riskieren und floh.

Nach einigen Jahren im Sudan lebte ich viele Jahre im Libanon, wo ich dank meinen Englisch- und Arabischkenntnissen unter anderem in der internationalen Personalrekrutierung arbeitete. 2005 beging ich einen dummen Fehler: Ich hatte meine Aufenthaltsbewilligung nicht erneuern lassen, wurde deswegen ausgewiesen und direkt nach Eritrea gebracht. Da ich befürchten musste, wieder im Gefängnis zu landen, machte ich mich so schnell wie möglich auf den Weg ins Nachbarland Sudan.

In der sudanesischen Hauptstadt Khartoum lernte ich meine aus Äthiopien stammende Frau kennen, und wir heirateten. Zusammen betrieben wir ein Fotostudio, das spezialisiert war auf Passfotos. Am Anfang lief es gut, doch mit der Zeit bekamen wir als Ausländer immer mehr Probleme mit den Einheimischen. Wir wurden schikaniert und erhielten immer weniger Aufträge. Ende 2009 entschieden wir uns, das Land zu verlassen. Wir dachten, ich gehe voraus, am besten nach Europa, und schaue dann, dass sie so bald als möglich nachkommen kann. Dass wir danach mehr als fünf Jahre getrennt sein würden, hätten wir nie gedacht. In dieser langen Zeit haben wir fast jeden Tag telefoniert und einfach die Hoffnung nie aufgegeben, dass wir irgendwann wieder zusammen sein können. Andere aufgenommene Flüchtlinge mit Aufenthaltsbewilligung F oder B können nach einigen Jahren ihre Familie nachholen. Bei meinem Gesuch lief aber einiges schief: Anscheinend hat die Behörde zuerst mein Dossier verloren. Dann wollte sie mich nicht als Flüchtling anerkennen und behauptete, ich stamme aus Äthiopien. Während fast fünfeinhalb Jahren hatte ich nur einen N-Ausweis für Asylsuchende mit laufendem Verfahren und durfte somit weder meine Frau in die Schweiz holen noch arbeiten – mit Ausnahme vom Surprise-Verkauf.

Letzten Oktober, nachdem ich ein paar Tage nichts von meiner Frau gehört hatte, klingelte plötzlich das Telefon: Sie meldete sich und teilte mir mit, sie sei jetzt in Vallorbe im Kanton Waadt! Sie hatte die Flucht auf eigene Faust angetreten, ohne mir etwas zu sagen. Weil sie mich überraschen wollte und vielleicht auch, damit ich mir keine Sorgen mache. Ich war überglücklich und reiste so schnell wie möglich zum Empfangszentrum in die Westschweiz.

Mittlerweile wohnen wir beide in der gleichen Asylunterkunft in Belp, sie in einem Frauenzimmer, ich in einem Männerzimmer. Wir würden natürlich sehr gerne zusammenleben, aber eine Wohnung zu finden ist mit unserem Budget und unserer Herkunft nicht einfach. Auf rund 40 Wohnungen haben wir uns schon beworben, bekamen aber nur Absagen oder gar keine Antwort, und das trotz der Kostengutsprache der Heilsarmee für die Miete und das Mietzinsdepot. Ein Grund für die Absage ist unter anderem oft, dass die Wohnung nur an eine Einzelperson vermietet wird. Mit unserem Budget können wir uns aber leider momentan nur auf Einzimmerwohnungen und Studios bewerben. Auf dem Land, weit weg von Bern, hätten wir vielleicht mehr Chancen. Das Problem ist da nur, dass ich dann nicht mehr Surprise verkaufen kann, weil der Erlös aus dem Heftverkauf gleich wieder in die Zug- oder Postautobillette geht.

Schon lange würde ich am liebsten selbst für meinen Lebensunterhalt sorgen, so wie ich das früher auch immer getan habe. Aber mit dem N-Ausweis war das nicht erlaubt. Nun suche ich seit letztem Sommer Arbeit, doch das braucht mindestens so viel Geduld wie die Wohnungssuche. Zum Glück werde ich dabei momentan vom ‹Passepartout›, einem Arbeitsintegrationsprogramm des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks, unterstützt. Ich hoffe, dass ich bald eine Stelle finde, denn meinen Traum, wieder wie einst meinen eigenen kleinen Laden zu führen, kann ich hier wahrscheinlich nicht mehr verwirklichen.»