Skip to main content

Strassenverkaufende

Verkäuferporträt
«Schritt für Schritt aufwärts»

Der Druck am Arbeitsplatz und Schicksalsschläge zwangen Ändu Hebeisen (46) in die Knie. Dass Alkohol nicht der richtige Ratgeber war, merkte er zu spät. Heute lebt er abstinent und arbeitet sich zurück ins Leben.

«Vor einem Jahr hat mir einer von Surprise erzählt und gesagt, er überlege sich, mit dem Heftverkauf anzufangen. Weil ich in dieser Zeit intensiv Arbeit suchte, um möglichst bald von der Sozialhilfe wegzukommen, meldete ich mich im Büro Bern. Bevor ich anfing, brauchte es jedoch zwei Gespräche mit einem Vertriebsmitarbeiter. Für mich bedeutete das Hinaustreten in die Öffentlichkeit eine ziemliche Hemmschwelle, immerhin war ich mal Abteilungsleiter in einer Baufirma und verantwortlich für die Disposition der Chauffeure und Maschinisten. Weil mir zu Beginn Verkaufsorte zugeteilt wurden, an denen nicht so viele Leute vorbeikamen, war der Anfang doppelt harzig. Aber jetzt, wo ich meinen Platz im Berner Hauptbahnhof habe, läuft es super. Und ich muss sagen, wenn ich einen oder zwei Tage nicht verkaufen gehe, fehlt mir etwas. Viele Leute fragen mich, wie ich es in diesem Menschenstrom aushalte. Ich stehe ja dort, wo es zu den Geleisen geht. Aber mir macht es nichts aus, im Gegenteil, für mich ist das fast wie Meditation. Ich stehe dann dort und gehe meinen Gedanken nach, bis ich das nächste Heft verkaufe.

Dadurch, dass mich Leute immer wieder fragen, ob das Heft immer noch fünf Franken koste, habe ich gemerkt, dass ich offenbar frühere Kunden anspreche. Ich habe den Eindruck, die Leute kommen gern zu mir und interessieren sich für mich und meine Geschichte. Es freut mich, wenn sich ein Gespräch ergibt, gleichzeitig versuche ich, nicht allzu lange zu reden, denn erfahrungsgemäss verkaufe ich in dieser Zeit kaum Hefte. Manchmal treffe ich auch alte Bekannte an, die überrascht fragen, was ich denn da mache. Ich erzähle ihnen dann von mir und auch von Surprise, weil ich da wirklich voll dahinterstehen kann.

Gelernt habe ich ursprünglich Automechaniker, später bin ich dann übers Militär zum Lastwagenfahren gekommen. Bei der Baufirma, bei der ich zuletzt gearbeitet habe, fing ich als Lastwagenchauffeur an und wechselte nach zehn Jahren in die Disposition. Eines Tages wurde eine Stelle gestrichen, und wir mussten fortan zu zweit bewältigen, was wir vorher zu dritt erledigt hatten. Ich habe versucht mein Bestes zu geben, obwohl ich merkte, dass ich es je länger je weniger schaffte. Stress und Frust spülte ich mit Alkohol hinunter, mit der Zeit sogar während der Arbeit. In der gleichen Zeit starb auch mein Vater, und die Beziehung mit meiner damaligen Freundin ging nach zwölf Jahren in die Brüche. Die Firma bemühte sich anfangs noch um mich und verhalf mir zu einer Therapie, doch ich konnte damals – das war vor fünf Jahren – einfach nicht aufhören zu trinken. ‹Klick› hat es bei mir erst vor einem Jahr gemacht. Seither trinke ich nicht mehr. Das sogenannte kontrollierte Trinken funktioniert bei mir gar nicht.

Etwa zur gleichen Zeit, als ich bei Surprise angefangen habe, erhielt ich eine Stelle in einem Arbeitsintegrationsprogramm in Hilterfingen. Die Hauswartund Gartenarbeiten, die wir für Kunden in der Region ausführen, mache ich sehr gern. Es ist so abwechslungsreich: Wir jäten, mähen den Rasen, putzen Treppenhäuser, da ist kein Tag wie der andere. Weil ich dort nur halbtags arbeite, kann ich am Nachmittag in Thun und Bern den Amtsanzeiger vertragen und eben Surprise verkaufen. Ein weiteres, wichtiges Engagement habe ich beim FC Thun, unter anderem als Platzanweiser. Mit dem Fussball und dem Klub bin ich seit meiner Kindheit verbunden.

Für 2016 habe ich hauptsächlich zwei Wünsche: Ich möchte den Fahrausweis wieder, der mir wegen meiner Sucht verständlicherweise abgenommen wurde. Damit würden sich die Aussichten auf eine Stelle im Liegenschaftsunterhalt massiv verbessern. Und dann möchte ich wahnsinnig gern eine Woche ans Meer. Die letzten Jahre war an so etwas überhaupt nicht zu denken, aber jetzt, wo es bei mir Schritt für Schritt aufwärtsgeht, werden solche Träume langsam wieder realistischer.»