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Strassenverkaufende

Verkäuferporträt
«Ich musste mich tot stellen»

Ali Nur Mohamed (60) war in Somalia Tierarzt und NGO-Direktor. Seit einem Angriff der Terrorgruppe al-Shabaab lebt er als Surprise-Verkäufer in Basel. Dass er noch lebt, grenzt an ein Wunder.

«Ich denke oft an meinen früheren Job und die Verantwortung, die ich dabei hatte. Heute stehe ich auf der Strasse und verkaufe eine Zeitung. Das ist etwas ganz anderes. Aber ich verkaufe das Strassenmagazin gerne. Ich schaue im Leben lieber nach vorne als zurück.

Ich bin seit 2012 in der Schweiz. Die Zeit davor war turbulent. In meiner Heimat Somalia habe ich einen Universitätsabschluss in Veterinärmedizin gemacht und arbeitete später für internationale und lokale Nichtregierungsorganisationen, unter anderem als Regionaldirektor für Westsomalia. Ich hatte eine gute und verantwortungsvolle Stelle, bis der Bürgerkrieg ausbrach. Ab da bespitzelte mich die Terrorgruppe al-Shabaab jeden Tag. Sie dachten, ich sei ein Spion, der für die USA arbeitet. Ich hatte Angst um mein Leben. Viele meiner Arbeitskollegen wurden erschossen. Eines Nachts stürmten sie dann auch mein Haus, zum Glück war meine Familie zu dieser Zeit nicht zuhause. Sie griffen mit Granaten an. Ich verlor mein rechtes Bein, und mein ganzer Magen hing aus dem Körper. Ich stellte mich tot. Sie meinten, ich sei bei dem Angriff ums Leben gekommen und flüchteten. Insgesamt hatte ich 17 Eisensplitter von einer Granate im Rücken, ich überlebte nur ganz knapp. Ich war ganze sieben Monate im Krankenhaus und lag lange im Koma. Hätte ich mich nicht tot gestellt, hätte ich nicht überlebt.

Die Schweizer NGO, für die ich in Somalia lange gearbeitet hatte, holte mich dann 2012 in die Schweiz. Meine Frau kam nach, und fünf meiner Kinder sind seit letztem November auch in Basel. Aber mein ältester Sohn ist leider immer noch in Somalia. Da er schon erwachsen ist, haben die Schweizer Behörden seine Einreise nicht bewilligt. Für mich und meine Frau ist es sehr schwer zu wissen, dass er in unserem Heimatland keine Zukunft hat. Ich glaube nicht, dass er je in die Schweiz wird kommen können, obwohl wir es uns sehr wünschen.

Meine Familie und ich teilen uns eine kleine 3.5-Zimmer-Wohnung. Ich wünsche mir für die Zukunft eine grössere Wohnung, so hätten alle sieben von uns mehr Platz. Alle meine Kinder gehen in die Schule, das ist mir sehr wichtig. Meine Frau verkauft auch Surprise, und nebenbei besuchen wir beide einen Deutschkurs. Die Sprache zu können, ist für die Integration sehr wichtig. Ich spreche vier Sprachen: Somali, Arabisch, Italienisch und Englisch. Aber Deutsch zu lernen, ist in meinem Alter nicht ganz einfach.

Ich verkaufe das Heft immer freitags und samstags. Es gibt Leute, die extra bei mir Surprise kaufen. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Das ist auch meine Verkaufsstrategie. Ich versuche, einen möglichst grossen Kundenkreis aufzubauen. Bereits jetzt kaufen Freunde von Freunden bei mir das Heft, und so geht es immer weiter. Das Wichtigste dabei ist, sympathisch zu sein und kein launisches Gesicht zu machen. Ich sage immer nett ‹Guten Tag›. Viele Kunden sind wirklich an mir und meiner Geschichte interessiert, das freut mich sehr. Vor allem die Schweizer Frauen sind alle besonders nett.

Surprise hilft mir und meiner Frau, Freunde zu finden. Aber das Wichtigste ist: Es hilft uns, Deutsch zu lernen. Wir sind glücklich hier, gut integriert zu sein ist uns sehr wichtig, denn das Leben in der Schweiz ist unsere Zukunft. Am meisten Sorgen mache ich mir um meine Gesundheit. Seit dem Angriff in Somalia trage ich eine Bein-Prothese, die mich sehr schmerzt. Gehen kann ich nur sehr schlecht, da die Prothese 15 Kilo wiegt. Ich habe bei meiner Krankenkasse einen Antrag auf eine modernere und leichtere Prothese gestellt, aber der Antrag wurde abgelehnt, aus Kostengründen. Aber auch die Kälte macht mir zu schaffen. Wir dürfen ja nur draussen das Heft verkaufen. Nach einer gewissen Zeit spüre ich besonders die Finger nicht mehr. Im Sommer ist es viel besser.

Ich denke oft an die Vergangenheit, an die Nacht des Granatenangriffes und dessen Folgen. Zum Teil ist es sehr hart, wenn diese Erinnerungen kommen. Und sie kommen immer wieder. Eines Tages würde ich gerne wieder nach Somalia zurückkehren, sofern es sicher ist. Wieder von null anzufangen, ist nicht einfach. Aber wir haben es geschafft hier in der Schweiz, nachdem wir in Somalia alles verloren hatten. Und das macht mich glücklich.»