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Strassenverkaufende

Strassenverkaufende
«Ich bin nicht nachtragend»

Teklit Tekeste, 38, verkauft Surprise an verschiedenen Plätzen in Zürich, am liebsten am Wochenmarkt auf dem Helvetiaplatz. Wenn er nicht arbeitet, spielt er mit seinen Söhnen und pflegt seinen Gemüsegarten.

«Als ich 14 Jahre alt war, hatte ich einen schweren Unfall. Ein Auto fuhr mich um, als ich mit dem Velo unterwegs war. Mein Bein war mehrfach gebrochen, das Knie richtiggehend zerstört. Ich wurde sieben Mal operiert, aber durchbeugen kann ich mein Bein seither nicht mehr.

Der Mann, der den Unfall verursachte, lebte damals schon in der Schweiz und war in seiner Heimat Eritrea in den Ferien. Als ich Jahre später ebenfalls in die Schweiz kam, habe ich ihn einmal zufälligerweise am Bellevue getroffen. Wir haben uns beide verblüfft gegrüsst. Ich hatte das Gefühl, dass es ihm unangenehm war. Mich hat es nicht gestört. Ich bin kein nachtragender Mensch, und was passiert ist, ist passiert. Ich kann es ja nicht mehr ändern. Aber ich kann etwas aus meinem Leben machen.

Aufgewachsen bin ich zusammen mit fünf Brüdern und fünf Schwestern in einem kleinen Dorf in der Nähe der eritreischen Hauptstadt Asmara. Meine Mutter kümmerte sich um uns und das Haus, mein Vater baute Gemüse an, Salat, Kartoffeln, Kichererbsen, Bohnen. Ich half ihm schon als Kind.

Trotz meines kaputten Knies musste ich in den Militärdienst. 2006 flüchtete ich in den Sudan und von da aus durch die Sahara nach Libyen. 2008 erreichte ich die Schweiz. Ich begann, in einem Golfclub als Platzwart zu arbeiten und später in einer Reinigungsfirma sowie in einem Restaurant. Die Arbeit gefiel mir, aber tat meinem Knie nicht gut, weil ich mich oft bücken musste. Zum Teil war das Knie am Abend so stark geschwollen, dass ich die Hose nicht mehr ausziehen konnte.

Bei Surprise, zu dem ich 2012 über einen Kollegen kam, kann ich mir die Arbeit selber einteilen. Wenn ich Schmerzen bekomme, gehe ich heim. Meistens tut mir mein Knie aber nicht weh. Mein Trick ist, nicht zu stehen, sondern immer herumzulaufen. Dann macht mir die Arbeit nichts aus, im Gegenteil: Das Verkaufen liegt mir. Ich lache viel, bin freundlich und bedanke mich bei den Menschen, die mir ein Heft abkaufen – und auch bei jenen, die keins wollen. Ich habe oft erlebt, dass sie nach einigen Malen doch stehen geblieben sind. Ich habe verschiedene Verkaufsplätze in Zürich, vor der Migros Brunaupark, dem Coop an der Höschgasse oder am Central. Am liebsten bin ich am Wochenmarkt auf dem Helvetiaplatz. Dort herrscht eine besonders schöne Atmosphäre.

Meine Familie und ich bekommen Sozialhilfe, aber ich versuche so viele Hefte zu verkaufen, dass wir fast oder gar keine Unterstützung mehr benötigen. Wenn es mir gelingt, freut mich das sehr. Manchmal verkaufe ich über 600 Hefte im Monat. Das macht mich stolz.

Früher habe ich mich neben der Arbeit oft mit meinen Freunden getroffen. Jetzt habe ich keine Zeit mehr dafür, denn meine Kinder halten mich auf Trab. Mein älterer Sohn ist zweieinhalb Jahre alt, der jüngere gerade erst zwei Monate. Zu besonders viel Schlaf komme ich nicht, aber ich finde es schön, mit ihnen zusammen zu sein. Stressig FInde ich es nicht. Stressig fände ich es, allein zu sein.

Meine Frau ist auch aus Eritrea. Wir wohnen in einer Genossenschaftswohnung in Wollishofen und haben einen kleinen Garten, in dem ich Gurken, Tomaten, Salat und Chilis anpflanze – wie daheim mit meinem Vater. Ich habe meine Eltern seit über zehn Jahren nicht gesehen und denke oft an sie. Ich hoffe, ihnen bald meine Kinder vorstellen zu können.»