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Strassenverkaufende

Strassenverkaufende
«Meine Eltern wären stolz auf mich»

Richard Zünd, 64, verkauft Surprise vor der Migros in Zürich-Wollishofen. Im Haus vis-à-vis ist er aufgewachsen.

«Ich bin dem Tod schon ein paar Mal vom Karren gesprungen, zum letzten Mal vor viereinhalb Jahren. Ich hatte so starkes Übergewicht, dass meine Organe ohne eine Operation zu versagen drohten. Der Eingriff war so massiv, dass nicht sicher war, ob ich ihn überstehen würde. Die Ärzte gaben mir 30 Prozent Überlebenschance, bevor sie mir 20 Kilogramm Fett wegschnitten und meinen Magen verkleinerten. Nicht viel besser sah es vor elf Jahren aus, als sie mich am Herz operierten. Ich habe beides überstanden und fühle mich heute so gut wie lange nicht mehr. 

Ich hatte eine schöne Kindheit. Aufgewachsen bin ich zusammen mit drei Geschwistern in Wollishofen. Meine Eltern führten ein Taxiunternehmen, und die Sommerferien verbrachten wir immer auf einem Bauernhof am Aegerisee. Wir wanderten, schwammen und waren glücklich. Eigentlich wollte ich Bauer werden, entschied mich dann aber für eine Lehre als Automechaniker. Das lag nahe, weil mein Vater seine Taxis soweit es ging selber instand hielt und ich ihm oft dabei half. 

Mitten in der Lehre verschob es mir einen Wirbel, und ich musste operiert werden. Zum Glück erholte ich mich schnell, und nach dem Lehrabschluss arbeitete ich noch eineinhalb Jahre im Lehrbetrieb am Albisriederplatz weiter. Dann wechselte ich zu den VBZ und wurde Wagenwärter. Ich reinigte die Trams, füllte neue Kohlen in die Heizung ein und schaute, dass in den Wägen alles in Ordnung war. 26 Jahre war ich bei den VBZ angestellt. Daneben machte ich immer auch viel anderes: Ich war in der Jungwacht, spielte Saxophon in der Harmonie Wollishofen oder besuchte Samariterkurse. 

Mit dem Übergewicht hatte ich schon als Kind zu kämpfen. Als ich 36 Jahre alt war, starb mein Vater, zu dem ich ein sehr enges Verhältnis hatte. Ein halbes Jahr später kam es zur Scheidung von meiner Frau. Mein Sohn war vier Jahre alt, und aus Frust und Trauer begann ich immer mehr zu essen. Das hatte gravierende Folgen: Ich bekam Diabetes und musste mich mehrmals operieren lassen, drei Mal am Meniskus, fünf Mal wegen Leistenbrüchen. Bis heute komme ich auf über 20 Operationen. 

Wegen meiner gesundheitlichen Probleme häuften sich die Abwesenheiten am Arbeitsplatz. Als die VBZ sparen mussten, verlor ich die Stelle. Ich hielt mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bezog auch einmal Sozialhilfe und später IV, zuerst eine halbe, dann eine ganze Rente. Vor neun Jahren begann ich, Surprise zu verkaufen. Ein Freund hatte mir davon erzählt, und ich war froh, wieder etwas zu tun zu haben. 

Seither sitze ich auf meinem Klappstuhl vor der Migros Wollishofen und verkaufe Hefte. Schräg gegenüber liegt das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, und ich wohne eine Bushaltestelle entfernt in einer Genossenschaftswohnung. Seit der letzten Operation bin ich wieder viel selbständiger, kann den Haushalt alleine schmeissen und komme mit meinem Rollator überall hin. Ich kenne viele Menschen im Quartier, auch noch von früher, und wir plaudern oft miteinander. Für viele bin ich immer noch der Sohn vom Taxi-Zünd. 

Ich habe fast immer positive Erlebnisse bei der Arbeit, aber ab und zu auch mal ein negatives. Eines davon ist mir besonders geblieben. Die Mutter eines früheren Arbeitskollegen von mir kam wie eine Furie auf mich zu und begann mit mir zu schimpfen. ‹Was soll das?›, fragte sie. ‹Was würden deine Eltern dazu sagen, dass du bettelst?› ‹Gute Frau›, sagte ich, ‹jetzt reicht es aber. Ich bettle nicht, sondern verdiene mein Geld mit ehrlicher Arbeit, und meine Eltern wären stolz auf mich. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.›»