#601 Defensive Architektur: Raum für alle
Kennen Sie diese Zacken auf Fensterbänken vor Ladenlokalen? Die aussehen, als seien sie gegen nistende Vögel aufgebaut – dabei geht es darum, dass sich da niemand hinsetzen und ausruhen kann. Wer weiss, was das für Leute sind, die da das Schaufenster verschandeln, möglicherweise sogar des Nachts, wenn niemand im Laden ist? Solche und ähnliche bauliche Massnahmen nennt man im Fachjargon «defensive Architektur» oder auch «feindliche Architektur». Wobei es eine Frage der Perspektive ist, wer Freund und wer Feind ist. Wer darf denn mitreden bei der Gestaltung, für wen wird die Stadt gebaut: für alle? Fakt ist: unsere Städte sind voll von Abwehrbauten. Wie es dazu kommt, erklärt Klaus Petrus am Beispiel Bern in dieser Ausgabe.
Weniger abstrakt und dennoch feindlich findet der Ausschluss ganz bestimmter Personengruppen in Schwyz statt: Hier werden abgewiesene männliche Asylsuchende wortwörtlich ausgeschlossen – und zwar jeden Morgen aus ihrer Unterkunft. Sie können nicht zurück in ihre Heimatländer, weil dazu beispielsweise die entsprechenden Rücknahmeabkommen fehlen, und verbringen nun ihre Tage in dem ihnen zugewiesenen Ort ohne Dach über dem Kopf, Arbeitserlaubnis oder Beschäftigung. Noch dazu verfügen sie einzig über Nothilfe: 10 Franken pro Tag. Doch wer abends bei Türöffnung nicht pünktlich erscheint und unterschreibt, dem wird Geld abgezogen. Und es sieht nicht so aus, als würde sich an dem strengen Regime der Behörden bald etwas ändern, sagt eine lokale Hilfsaktivistin. Eine Reportage von Kira Kynd und Annika Lutzke.
Doch es gibt auch Schönes zu vermelden: Auf den Fragebogen unseres Kolumnisten Michael Hofer haben einige von Ihnen geantwortet. Entstanden ist ein berührender Dialog über Freundschaft und Zwischenmenschliches. Uns freut dieser Austausch sehr – es lohnt sich, mitzulesen.
Über die verbindenden Kräfte der Musik schreibt Sara Winter Sayilir in unserer Serie «Orte der Begegnung», wie immer gekonnt illustriert von Pirmin Beeler.
Die polnische Romni und Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas porträtiert Emilia Sulek: Sie erzählt mit ihren gigantischen Textilcollagen eine alternative Geschichte ihrer Region und der dort lebenden Minderheit.