Moumoumi antwortet

Brauchen wir mehr Brüderlichkeit?

Text
FATIMA MOUMOUNI
ILLUSTRATION
CHRISTINA BAERISWYL
Nr. 617,

Melissa

Ich habe letztes Jahr mitsamt Mann, der mir nahesteht, wir nennen ihn S., einem Schweisskurs beigewohnt. Wir fanden jemanden, der sich bereit erklärte, drei Tage lang mit uns ein Möbel für meinen Balkon zu entwickeln und uns dabei etwas Schweissen beizubringen. Es machte unglaublich Spass, all das TSSSSSSCHHHHHHH und PFFFFFFF und DRRRRRRRRRRRRRRR und DÄNG DÄNG DÄNG DÄNG. Ich muss auch sagen, das Möbel ist wunderschön und sehr beeindruckend geworden.

Der Schweisser war ein sympathischer, zuvorkommender Typ. Ich hatte den Kontakt mit ihm hergestellt. Er machte mir ein sehr nettes Angebot, wirkte kompetent und passioniert. Er freute sich über die ungewöhnliche Idee, normalerweise gab er Nicht-Schweisser*innen nur simplere Kurse, dementsprechend war er ebenso gespannt auf unser gemeinsames Projekt. Ich fand ihn herzlich und herzig und dachte sogar kurz daran, ihn mit einer Kollegin von mir zu verkuppeln. Doch als wir schliesslich tatsächlich gemeinsam in der Werkstatt standen, trat ein komischer Wandel ein: Er sah mich nicht mehr. Ich schaute zu, wie Mann S. gelobt, korrigiert und instruiert wurde, während ich mit einer anderen Aufgabe vergessen wurde, obwohl es ja um mein Möbel ging und ich explizit und begeistert ebenfalls zu schweissen lernen wollte. Es ging sogar so weit, dass er Fragen, die ich stellte, an S. gerichtet beantwortete. Ausserhalb der Werkstatt, zum Beispiel beim Zmittag, war wieder alles normal und wir hatten angeregte Gespräche.

Zurück in der Werkstatt dann wieder Genderwahn: Einmal rief ich ihn an meine Seite der Werkbank. Als er einen Fehler bemerkte, fing er an, in mitleidiger Babystimme mit mir zu reden: «Ist ganz schwer, gell?» und bot an, dass er einfach übernehmen könne. Babystimme! Wie unangebracht! S., mein Schweisskumpan dagegen – wir waren übrigens auf ähnlichem Niveau – wurde bei Fehlern ermutigt, es nochmal zu versuchen.

Für den nächsten Tag heckten S. und ich einen Plan aus: Wir sollten einen Vorschlag für die Konstruktion des Möbels bringen. Wir machten ab, dass ich diesen Vorschlag präsentieren würde, damit schon am Morgen klar ist, dass ich bei meinem Möbel bestimme. Ich stellte also den Vorschlag vor, S. sagte sogar noch, dass es meine Idee war. Leider führte die homosoziale Obsession des Schweissers doch tatsächlich dazu, dass er explizit den Mann neben mir für den Vorschlag lobte und das weitere Vorgehen mit ihm besprechen wollte.

Der Schweisser war kein Arsch, er war auch im Gespräch sonst nicht sexistisch oder respektlos – er hat es einfach nicht hinbekommen, uns zwei Personen einigermassen gleich zu behandeln. Und weil ich glaube, dass es eigentlich seine Absicht war, uns beiden einen angenehmen und professionellen Kurs anzubieten, halte ich das für ein tragisches Defizit.

So wurden die drei Tage quasi zu einer kleinen Feldforschung darüber, wie sehr Männer immer noch auf Männer ausgerichtet sind, ohne es zu merken. Männer wollen Männern gefallen, und das nicht nur, wenn sie schwul sind. Ich glaube wirklich nicht, dass der Schweisser mir irgendetwas Böses wollte. Aber das ist doch das Ding: Er war offensichtlich nicht in der Lage dazu, mich als Frau (oder was er sonst noch in mir sah) miteinzubeziehen, und verschaffte dabei nicht nur mir einen Nachteil, sondern sich auch ein professionelles Manko. Ich hoffe, er übt das nochmal. Vielleicht sind wir aber auch verloren mit den Männers.

FATIMA MOUMOUNIist fasziniert von männlichen Einschränkungen. Verkuppeln wollte sie den Schweisser dann doch nicht mehr. Wer will schon übersehen werden? DRRRRRRR DÄNG DÄNG.

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