Die Auferstehung
Von Totgesagten und Zurückgekehrten, vom Rückerobern und Neubeginnen – elf ungewöhnliche Geschichten zum Innehalten und die Gedanken schweifen zu lassen.
Handfest, lebendig, menschlich
Printjournalismus wurde schon x-mal für tot erklärt. Schon 1984 im ersten Ghostbuster-Film soll der Slogan «Print is dead!» gefallen sein. Heute gehen Bildschirmflimmern, digitaler Datenklau und Werbe-Soundeffekte den Menschen auf die Nerven. Vielleicht ist raschelndes Papier und ruhige Magazinlektüre aktueller als gedacht? Surprise und die anderen Mitglieder des Internationalen Netzwerks für Strassenzeitungen INSP glauben fest daran – auch weil menschliche Begegnungen wie beim Strassenzeitungskauf virtuell eben nicht zu haben sind. Klarer Fall: Print is not dead. WIN
«Das hat bei mir etwas ausgelöst»
«Ich war einer der Süchtigen vom Zürcher Platzspitz und danach dem Letten. Es war Juni 1992, ich war 30 Jahre alt und wohnte in einem Container-Dorf von Pfarrer Sieber, im sogenannten Neumünster-Dörfli. Je vier Süchtige lebten zusammen in einem Container.
Von da aus konnten wir einmal für zwei Wochen mit einer Gruppe nach Cavardiras hinauf, das ist in der Nähe von Disentis. Pfarrer Sieber betrieb dort ebenfalls ein Haus. Das Ziel war, dass ein paar von uns mal aus Zürich wegkommen können. Ich war einfach froh, mal was anderes zu sehen. Das war mein Lichtblick. Das Methadon nahmen sie für mich mit.
Ich war damals bereits in sehr schlechtem Zustand, auch körperlich. Ich wog noch etwa fünfzig Kilogramm. Mir war klar, dass es nicht mehr lange so weitergehen würde. Oft dachte ich darüber nach, mir den goldenen Schuss zu setzen, eine Überdosis. Dieser Gedanke war mir sehr präsent. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war müde.
Oben in Cavardiras hatte ich ein eigenes Zimmer, zum ersten Mal seit vielen Jahren, das beeindruckte mich sehr. Wir hatten sehr gute Gespräche untereinander und in der Gruppe. Da war diese familiäre Atmosphäre und die Erfahrung, wieder ein Zimmer zu haben. Und ich weiss nicht genau wieso, aber das hat bei mir etwas ausgelöst. Ich habe mich wieder ein bisschen an früher erinnert, das alles hat mich sehr berührt. In Cavardiras ist etwas heraufgekommen, das all die Jahre auf der Gasse verschüttet war.
Bis dahin war ich davon ausgegangen, dass ich nach den zwei Wochen in Cavardiras wieder zum Letten zurückgehen würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich die Sucht überleben könnte. Ich gab mir noch ein paar Monate, ein knappes Jahr vielleicht. Das war meine Perspektive. Die Gruppenleiter fragten uns einmal, wie wir uns unsere Zukunft vorstellten. Da fand ich innerlich: Doch, jetzt wäre es an der Zeit, dass ich einen neuen Weg einschlage und von den Drogen loskomme. Ich habe das dann auch gesagt. Ein anderer aus der Gruppe hat sich mit dem gleichen Wunsch gemeldet. Sicher haben uns die Gruppenleiter auch dabei geholfen, auf diese Idee zu kommen.
Ich konnte einen Entzug machen, und nachher kam ich in Therapie. Nach so einer langen Drogenzeit musst du wieder bei null anfangen im Leben. Ich wohnte in Siebers Sunedörfli zwischen Hirzel und Sihlbrugg. Ich ging viel laufen, jeden Tag etwa zwei, drei Stunden. Später fing ich an, Möbel zu restaurieren, ich war ja Schreiner.
Jede Woche kam ein Jurist vorbei, um mit mir meine Schulden und die behördlichen Dinge aufzuräumen. Ich hatte keinen Ausweis mehr, keine Krankenkasse. Dafür musste ich auf den Ämtern korrekt angemeldet sein. Wir gingen also in Zürich aufs Einwohneramt. Zuerst wollte da niemand zuständig sein, wir gingen von Büro zu Büro. Schlussendlich gab eine Beamtin meinen Namen in den Computer ein und sagte mir dann, mich gebe es gar nicht. Der Jurist stand daneben und sagte zu der Frau: «Ja, aber Herr Dürrenmatt steht hier vor Ihnen. Den muss es geben.» Das hört sich heute lustig an. Aber in dem Moment sah ich nur diese riesige Hürde auf dem Weg zurück. Ich wollte mir endlich ein normales Leben aufbauen und hatte nicht einmal mehr eine offizielle Identität. Wochen später fanden sie dann doch noch meinen Heimatschein, und man konnte mich wieder anmelden. So bin ich auch amtlich wiederauferstanden. Die Episode kommt sogar in Pfarrer Siebers Buch ‹Licht im Tunnel› vor.»
Aufgezeichnet von Diana Frei
Pfarrer Ernst Sieber: «Licht im Tunnel», Zytglogge 1997. Kostenloses eBook online beim Sozialwerk Pfarrer Sieber: swsieber.ch
FREDY DÜRRENMATT, 64, ist angehender Surprise Stadtführer in Zürich. Auf seiner Tour wird er von seiner Zeit als Süchtiger auf dem Platzspitz/Letten und seinem Weg in die und aus den Drogen erzählen.
Auferstehen ist aufbegehren
Es war die sechste Stunde des Tages vor dem Sabbat, da mit einem Mal eine grosse Finsternis über das Land kam, um den Tod dieses Mannes zu bezeugen, Jesus Christus, der verspottet, gegeisselt und gekreuzigt wurde, weil er sich König der Juden nannte, und der nun, im Angesicht des Todes zur neunten Stunde, die Worte «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Mt 27, 45) rief und qualvoll starb, der sodann begraben wurde und der drei Tage darauf von den Toten auferstanden und zuerst Maria Magdalena und Simon Petrus erschienen ist und dann seinen Jüngern und vielen anderen, der sie mit einem «Friede sei mit euch» begrüsste und der, als er in die ratlosen Gesichter blickte, zu ihnen sprach: «Was seid ihr so erschrocken? Seht meine Hände und meine Füsse, ich bin’s selber» (Lk 24, 36–39).
Soweit die Erzählung. Glauben Sie daran? Oder zumindest daran, dass diese Geschichte uns etwas zu sagen hat, heute noch?
Natürlich widerspricht die Sache mit der Auferstehung unserer Realität gehörig. Was aber nicht bedeutet, dass all das (komplett) unsinnig wäre. Nicht wenige Althistoriker*innen sind überzeugt, die Auferstehungsgeschichte sei durchaus plausibel. Sie nennen ein Dutzend Gründe, darunter den für sie (wie im Übrigen für wohl die meisten Historiker*innen) wichtigsten: Es gab hunderte Zeug*innen, dass Jesus auferstanden war, und viele von ihnen starben den Märtyrertod, als sie sich weigerten zu widerrufen, dass sie ihn gesehen hatten.
Dabei verstanden selbst die Jünger nicht, was das alles sollte. Jesus am Kreuz – das war unerhört. Nach dem Gesetz Mose galt ein Gekreuzigter nämlich als «ein von Gott Verfluchter» (5 Mos 21,23). Deshalb brach der messianische Anspruch von Jesus, der von Gott gesandte Erlöser zu sein, in sich zusammen. Seine Jüngerschaft war darob verzweifelt, manche fühlten sich wohl betrogen. Und nun, wie aus dem Nichts, ist dieser wundersame Typ wieder unter ihnen und sagt: Was guckt ihr so, «ich bin’s selber».
Erst Jahrzehnte nachdem Jesus angeblich endgültig in den Himmel auffuhr, wurde hierüber geschrieben. So im berühmten 1. Korinther-Brief des Paulus, verfasst um 55 n. Chr. Darin erklärt der Verfasser seinen Zeitgenoss*innen: Dass Jesus von den Toten auferstanden sei, sei ein untrügliches Zeichen dafür, dass er nicht so sehr ein Mensch gewesen sei, VON Gott gesandt, sondern selber Gott IST, und zwar ein Menschgewordener, der überdies den Tod überwunden habe. Weswegen Paulus den Glauben an die Auferstehung zur Grundlage des christlichen Glaubens überhaupt erklärte: «Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig» (1 Kor 15, 17).
Interessant, dass sich damit auch der Sinn des Kreuzes – das heute zentrale Symbol des Christentums – grundlegend gewandelt hat. Im Lichte der Auferstehung Jesu wurde es nicht länger als Fluch oder Zeichen des Versagens gesehen, sondern für die Überwindung des Todes und den Sieg über die Sünde. Für die Gläubigen wurde die Auferstehung die Grundlage für ihre Hoffnung auf das ewige Leben – übrigens etwas fundamental Anderes als das, was wohl ihre Gegenwart prägte und was Jesus der Erzählung nach Zeit seines Lebens anprangerte: Ungerechtigkeit, Armut und Unterdrückung.
Für alle, die solchen Erzählungen nicht abgeneigt sind, mag die Sache mit der Auferstehung immerhin dafür stehen, dass es möglich ist, sogar gegen den Tod aufzubegehren und bestehende Verhältnisse zum Besseren zu verändern. Woran zu glauben in Zeiten wie diesen freilich nicht gerade einfach ist. Versuchen kann – oder sollte – man es trotz allem. KP
Neu anfangen, immer wieder?
«Wer nicht das Unmögliche wagt, wird das Mögliche niemals erreichen», sagte einer, der auf dem Bremgartenfriedhof zu Bern begraben liegt und ziemlich sicher nicht an die Auferstehung glaubte. Wohl aber daran, dass sich das Bestehende – gerade wenn es geprägt ist von Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Macht und Ausgrenzung – nur überwinden lässt, wenn man das radikal Andere zulässt, als Neuanfang sozusagen. Dieser bärtige Mann sagte dies wohlgemerkt lange vor Faschismus und Stalinismus, und auch vor dem Despotismus unserer Zeit. Was ihm vorschwebte: eine Lebensform, die alle Autorität hinterfragt, jede Form von Herrschaft, Hierarchie und Gewalt zurückweist und statt auf Führertum auf Vernunft, Solidarität und Selbstorganisation baut. Supernaive Utopie, revolutionäres Gewäsch? Der russische Anarchist Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814–1876) meinte dazu: «Jeder Aufruhr ist nützlich – so erfolglos er auch sein mag.» KP
Pionierpflanzen
Als ich sogar den Besen aus der Küche holte, wurde mir klar: Ich bin so was von bünzlig. Unten auf der Strasse Menschen im Fanschal und mit Sonnenbrille auf dem Weg an das sonntägliche YB-Spiel, ich nach dem dunklen Winter ohne Jacke auf dem Balkon. Noch wuchs nicht viel, nur Schnittlauch und Peterli bahnten sich neben ihren verdorrten Vorgängern ihren Weg. Dann fiel mein Blick auf etwas, das ausserhalb der Ordnung der Töpfe spriesste. Moos, allerlei Blüemli und Gräsli. Überall in diesem Riss, der sich über den Balkonboden zieht. Pionierpflanzen hatten wir sie an der Uni genannt. Unkraut, denke ich jetzt. Ich bücke mich und ziehe Halm für Halm aus. Was für eine Vorfreude auf den Balkonfrühling! LEA
Delfine, keine Haie
Schön, wie warm das Wasser ist, denke ich. Und ein paar Längen später: Boah, ist das Wasser heiss. Ich, erwachsene Frau, habe mich für einen Schwimmkurs eingeschrieben. Kraul 1, Kraultechnik lernen. Der Leiter liest unsere Namen von der Liste ab und verteilt Badekappen. Wir sind im Kinderbecken und machen den Superman – «Ah, Superwoman natürlich auch», korrigiert er sich. Wir strecken einen Arm entlang des Körpers und der andere über unseren Kopf und paddeln mit den Beinen. «Aber nicht wie auf dem Velo!» Wasser in den Ohren. Wasser in der Lunge, Hustenreiz, kurz mit den Füssen auf den Boden aufsetzen und durchatmen. Zum Glück sind wir im Kinderbecken.
Als Kind war ich Samstag für Samstag im Schwimmkurs und hatte am Ende einen Badeanzug voller aufgenähter Abzeichen, auf den ich so stolz war, dass ich ihn noch heute habe, in einer Kiste im Keller. Krebs, Seepferd, Frosch, Pinguin, Kombitest 1 und 2. Als wir ins «grosse Becken» wechselten, stockte mir der Atem, wenn ich bis nach unten zum Boden blickte. Ich fürchtete, in die Tiefe zu sinken, und staunte, dass mich das Wasser trug, wenn ich in Bewegung blieb. Die Welt wurde grösser.
Irgendwann erwachsen, sah ich vor allem, was ich inzwischen alles konnte. Nach all den Jahren reichte es auch mal mit dem ständigen Lernen. Denn etwas Neues zu lernen, ist auch Überforderung in Dauerschleife. Kaum hat man das eine Detail einigermassen verstanden, kommt das nächste und man steht wieder am Anfang.
Doch dann, in Lektion 4, fühle ich mich auf einmal wie ein Fisch (hahaha). Nur kurz, keine ganze Länge, dann muss ich mich erholen von den Strapazen. Bisher hatte ich immer nur bewundert, wie Menschen kraulend durch das Wasser zogen. Wie soll das gehen? Unerklärlich, ein Rätsel. Unerreichbar. Jetzt feiere ich meinen Körper, dass er Bewegungen macht, die er vor kurzem noch nicht kannte. Die Auferstehung des Ausprobierens und Lernens, meine Welt wird wieder grösser.
Lange hatte mich auch das Gut-sein-Wollen und Gutsein-Müssen davon abgehalten, neue Dinge auszuprobieren. Ich wollte nicht bouldern (also eigentlich schon), weil ich es nicht konnte (weil ich es halt noch nie gemacht hatte). Ich spürte die Blicke der anderen – ich wollte nicht bewertet werden, ich wollte nicht, dass mein Körper bewertet wird, ich hörte meine innere Kritikerin. Als Kind war sowieso alles ständig neu, da spürte ich keine Blicke, hörte ich keine Stimme.
Im Schwimmkurs haben wir keinen Jö-Faktor wie die Kinder im Kurs vor uns, wir haben keinen muskulösen Körper wie die Leistungsschwimmer*innen vom Schwimmklub im grossen Becken. Aber wir haben uns. Prustend und japsend versichern wir uns gegenseitig, wie anstrengend das ist. Dass man doch nicht an alles gleichzeitig denken kann. Dass man kaum vorwärtskommt. Vom Beckenrand hören wir: «Ihr seid keine Haie, ihr seid Delfine.» Dann die nächste Länge, ein neuer Versuch. LEA
Einer unter vielen
Gibt es einen Plural von Messias? 3000 Propheten und Prediger soll es allein in Samaria und Judäa (den biblischen Bezeichnungen für grosse Teile der heute besetzten Palästinensischen Gebiete) zu Zeiten von Jesus Christus gegeben haben. Sie zogen durchs Land, kündigten vom Jüngsten Gericht, predigten das ewige Leben und nicht wenige – wie Athrongos, ein Schafhirte –, setzten sich ein Diadem auf und nannten sich «König der Juden». Die meisten wurden gehängt, geköpft oder von Pontius Pilatus gekreuzigt. So gesehen war Jesus nur ein Messias unter vielen Messiassen. Wobei wohl nur er auch immer noch so genannt wird. Heutzutage gibt es angeblich 300 (immer noch ausschliesslich) Männer, die für sich beanspruchen, Wundertäter zu sein, Erlöserfigur und Heilsbringer, die dereinst auferstehen werden, wie der norwegische Fotograf Jonas Bendiksen in seinem Buch «The Last Testament» recherchiert hat. Sieben von ihnen hat er porträtiert: Vissarion, den Jesus von Sibirien zum Beispiel, oder Kitwe, jener aus Sambia. Auf die Frage, ob diese Typen nicht allesamt Spinner seien, Betrüger oder psychisch Erkrankte, erwidert Bendiksen lapidar: «Wenn du denkst, die wären geisteskrank, sind es alle Gläubigen.» KP
Keine Karteileiche
Achtzehn Jahre war Lal Bihari aus dem indischen Bundesstaat Uttar Pradesh ein toter Mann. Mit zwanzig erfuhr er bei einem Gang auf die lokale Behörde, dass er als verstorben galt. Dabei wollte er nur eine Landbesitzurkunde beantragen, um einen kleinen Kredit aufnehmen zu können. Das Stück Land, das seine Sicherheit sein sollte, war an einen Onkel väterlicherseits überschrieben und Bihari als ehemaliger Besitzer für tot deklariert worden. Und Tote bekommen keinen Kredit. Natürlich könne er klagen, sagte ihm ein Anwalt, aber der Fall könnte sich Jahrzehnte hinziehen und würde ihn höchstwahrscheinlich sein ganzes Erspartes und das seiner Familie kosten.
Konflikte um Landbesitz machen den grössten Teil aller Rechtsstreitigkeiten in Indien aus: Laut einer kürzlich im The Economist erschienenen Reportage stecken deswegen 7,7 Millionen Menschen in einem Gerichtsverfahren. Rund zwanzig Jahre braucht es im Schnitt, um einen Fall beizulegen. Im ländlichen Raum ist Landbesitz immer noch die Haupteinkommensquelle: etwa die Hälfte der 1,4 Milliarden Inder*innen ernähren sich von ihrem eigenen Grund und Boden. Ginge es nicht um existenzielle Not, wäre Biharis Geschichte in ihrer Absurdität lustig.
Weil die Behörden ihre Daten nicht miteinander abgleichen, durfte er weiterhin wählen, bekam Getreiderationen für die Familie und musste seine Telefon- und Stromrechnungen bezahlen. Auch sein trotziger Antrag auf Witwenrente für seine Frau wurde abgelehnt.
Bihari begann, im Skelettkostüm vor Regierungsgebäuden für sein Recht zu demonstrieren. Mehrfach trat er in den Hungerstreik. Andere Betroffene gesellten sich hinzu. Über Jahre. Die unübersichtliche Bürokratie, der Überhang unerledigter Gerichtsfälle und die weit verbreitete Korruption machen vielen zu schaffen. 74 Prozent der Einwohner*innen von Uttar Pradesh gaben gegenüber Transparency International an, schon einmal bestochen zu haben, ein Viertel davon in Zusammenhang mit dem Eintrag von Landbesitz und sonstigem Eigentum. Und weil diese Register bis vor Kurzem auf Papier geführt wurden, bemerkte eine auf diese Weise enteignete Person ihren Verlust nur dann, wenn sie zufällig Einsicht in die Dokumente beantragte. Solche Konflikte können tragisch ausgehen: Zwischen 2017 und 2021 verzeichnete Uttar Pradesh allein mehr als 3000 Mordfälle, die mit Landstreitigkeiten zusammenhingen.
Nach achtzehn langen Jahren als «lebender Toter» holte ein neuer Beamter seines Distrikts Lal Bihari 1994 schliesslich formell zurück ins Leben. Das Stück Land wurde ihm zurücküberschrieben und die Kinder des Onkels, die darauf lebten, bekamen ein Bleiberecht. Bihari bezieht regelmässig einen Teil ihrer Ernte. Loslassen konnte er seinen Aktivismus nicht mehr: Er gründete die «Vereinigung der Lebenden Toten», einen zivilgesellschaftlichen Zusammenschluss von Betroffenen, und half ab dann anderen auf ihrem Weg zurück ins Leben.
Heute ist Lal Bihari siebzig Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen. Es ist unklar, wie es mit seiner Organisation weitergeht. Indien als bevölkerungsreichstes Land der Erde steckt in einem ambitionierten Digitalisierungsprozess. Bleibt zu hoffen, dass die digitale Zusammenführung behördlicher Register darauf ausgelegt ist, auch die Korruption einzudämmen und Geschichten wie die der «lebenden Toten» unmöglich zu machen. WIN
Die Sagenjäger
Simon Berginz und Andreas Wullschleger fangen mit ihrem gleichnamigen Podcast vergessene Schweizer Sagen für Audiobegeisterte von heute und morgen ein. Mehr dazu direkt von den beiden Radiojournalisten im aktuellen Surprise Talk.
Raus aus der Abhängigkeit
In der Frage der digitalen Unabhängigkeit geht es nicht nur um die ganz grossen Baustellen wie bspw. die Ablehnung von Palantir-Software durch die Schweizer Armee. Digitale Auferstehung kann man sich auch im Kleinen erarbeiten, um sich von der Umklammerung durch die Tech-Giganten zu lösen. Dies schlägt zumindest ein Zusammenschluss von Demokratiefreund*innen und Netzexpert*innen rund um den Chaos Computer Club vor und rief den monatlichen Digital Independence Day aus. Jeden ersten Sonntag im Monat kann jede*r Einzelne von uns seine und ihre persönliche Unabhängigkeit vorantreiben und auf alternative Angebote umsteigen. Wer möchte, bekommt mancherorts auch Beratung. WIN
Auferstehung als Job
Das deutsche Ruhrgebiet, viel näher an Brüssel und Amsterdam als an Berlin, ist ein Städtehaufen mit fünf Millionen Bewohner*innen. Kaum jemand wäre hier ohne die Steinkohle. Hunderttausende Bergleute aus ganz Europa durchlöcherten im 19. und 20. Jahrhundert den felsigen Untergrund unter den rasant wachsenden Städten so sehr, dass die ganze Region langsam absackte: im Schnitt um zwölf Meter, stellenweise um mehr als dreissig und weitenteils unter den Grundwasserspiegel. Mehr als 500 Pumpwerke hieven Grundwasser und Regenwasser nach oben und leiten es zumeist in Flüsse ab. Wenn die Pumpen einmal abgestellt werden, wird die Metropolregion zur Seenplatte und ganze Städte werden verschwinden. Also laufen die Pumpen, und plötzlich auftretende Löcher – Tagesbrüche, in denen auch schon mal Autos verschwinden – werden routiniert verfüllt. «Ewigkeitskosten» nennt man das.
In fast jeder der 53 Städte stehen Denkmäler, die an die grossen Katastrophen, die «schlagenden Wetter» und Kohlenstaubexplosionen mit manchmal mehr als hundert Toten erinnern. Es gab viele davon. Während sie heute nur noch in lokalen Gedächtnistexten erwähnt werden, haben sich die Anekdoten länger gehalten. Denn zu den Katastrophen gehören auch Wunder. Die Selbsterzählung der Region ist voll rauer Geschichten von Menschen, die nach Tagen in bis zu tausend Metern Tiefe entdeckt und oft nur aufwendig geborgen werden konnten. Es gibt Anekdoten von heldenhaften Grubenwehren und vom Zusammenhalt. Von Verschütteten, die tagelang durch ein dünnes Rohr mit «Brühe, Milch und Mineralwasser mit Schnaps» versorgt wurden. Oder von denen, die unter Tage beim Kartenspiel allen Besitz verzockten, bevor sie gerettet wurden. Alles inklusive markiger oder selbstironischer Einzeiler im Moment der Rettung.
Verblasst ist hingegen die Erinnerung an die Unerträglichkeit der Arbeit und die allgegenwärtige Angst, nicht zurück ins Licht zu kommen. «Nicht umsonst hat man das Wort geprägt, dass er stets sein Totenhemde trägt», heisst es beim Arbeiterdichter Heinrich Kämpchen über den Bergmann. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Arbeit geradezu grotesk unsicher; um 1900 starben rund tausend Bergleute pro Jahr durch Unfälle und die berüchtigte Silikose, die sogenannte Staublunge. So prägte zusätzlich eine grosse Zahl Versehrter die Städte. Dies ist allerdings weitgehend aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden.
Heute liegt das Wissen um den Raubbau, den dieser Zweig der fossilen Extraktion auch an den Menschen betrieb, hinter einem Schleier allgegenwärtiger Bergbaunostalgie. Die Region ist noch immer geprägt von einem kollektiv ererbten Bergmannsstolz der Nachgeborenen. Die Heldengeschichten der Toten auf Widerruf und der Wiederauferstandenen sind geronnen zu einer Regionalkultur, die der andauernden Krise wie damals «vor Kohle» mit einer Mischung aus Fatalismus, zupackender Solidarität und schwarzem Humor begegnet.
Ihre materielle Ausprägung ist ein Festhalten an den Symbolen der längst abgewickelten Bergbauvergangenheit. Siebzig Jahre nach der Kohlekrise, die das Zechensterben einleitete, präsentiert sich die Region mit stilisierten Fördergerüsten, Grubenlampen als Deko-Objekten und Baby-Stramplern mit der Aufschrift «Auf Kohle geboren». Und sie wartet auch nach Jahrzehnten des sogenannten Strukturwandels auf eine Eingebung, wie eine Zukunft nach Kohle und Stahl aussehen könnte. Übergangsweise haben Fussball und Comedy die Rolle der Identitätsstiftung übernommen. Auf Stadiontribünen und Kleinkunstbühnen lebt der joviale Working-Class-Habitus und die Abneigung gegen Hierarchien weiter. In dieser ärmsten Region Deutschlands findet die pragmatische Untergangserwartung der Bergleute ihre Fortsetzung über Tage: «Machsse nix». Und mit der allgegenwärtigen Selbstironie, wie sie etwa Bochums inoffizielles Stadtmotto «Woanders is auch scheisse» symbolisiert, lässt sich zwar nicht die Zukunft, aber leicht irritierte Sympathie gewinnen. Und man macht halt weiter. Solange die Pumpen laufen. BASTIAN PÜTTER
Handfest, lebendig, menschlich
Printjournalismus wurde schon x-mal für tot erklärt. Schon 1984 im ersten Ghostbuster-Film soll der Slogan «Print is dead!» gefallen sein. Heute gehen Bildschirmflimmern, digitaler Datenklau und Werbe-Soundeffekte den Menschen auf die Nerven. Vielleicht ist raschelndes Papier und ruhige Magazinlektüre aktueller als gedacht? Surprise und die anderen Mitglieder des Internationalen Netzwerks für Strassenzeitungen INSP glauben fest daran – auch weil menschliche Begegnungen wie beim Strassenzeitungskauf virtuell eben nicht zu haben sind. Klarer Fall: Print is not dead. WIN
«Das hat bei mir etwas ausgelöst»
«Ich war einer der Süchtigen vom Zürcher Platzspitz und danach dem Letten. Es war Juni 1992, ich war 30 Jahre alt und wohnte in einem Container-Dorf von Pfarrer Sieber, im sogenannten Neumünster-Dörfli. Je vier Süchtige lebten zusammen in einem Container.
Von da aus konnten wir einmal für zwei Wochen mit einer Gruppe nach Cavardiras hinauf, das ist in der Nähe von Disentis. Pfarrer Sieber betrieb dort ebenfalls ein Haus. Das Ziel war, dass ein paar von uns mal aus Zürich wegkommen können. Ich war einfach froh, mal was anderes zu sehen. Das war mein Lichtblick. Das Methadon nahmen sie für mich mit.
Ich war damals bereits in sehr schlechtem Zustand, auch körperlich. Ich wog noch etwa fünfzig Kilogramm. Mir war klar, dass es nicht mehr lange so weitergehen würde. Oft dachte ich darüber nach, mir den goldenen Schuss zu setzen, eine Überdosis. Dieser Gedanke war mir sehr präsent. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war müde.
Oben in Cavardiras hatte ich ein eigenes Zimmer, zum ersten Mal seit vielen Jahren, das beeindruckte mich sehr. Wir hatten sehr gute Gespräche untereinander und in der Gruppe. Da war diese familiäre Atmosphäre und die Erfahrung, wieder ein Zimmer zu haben. Und ich weiss nicht genau wieso, aber das hat bei mir etwas ausgelöst. Ich habe mich wieder ein bisschen an früher erinnert, das alles hat mich sehr berührt. In Cavardiras ist etwas heraufgekommen, das all die Jahre auf der Gasse verschüttet war.
Bis dahin war ich davon ausgegangen, dass ich nach den zwei Wochen in Cavardiras wieder zum Letten zurückgehen würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich die Sucht überleben könnte. Ich gab mir noch ein paar Monate, ein knappes Jahr vielleicht. Das war meine Perspektive. Die Gruppenleiter fragten uns einmal, wie wir uns unsere Zukunft vorstellten. Da fand ich innerlich: Doch, jetzt wäre es an der Zeit, dass ich einen neuen Weg einschlage und von den Drogen loskomme. Ich habe das dann auch gesagt. Ein anderer aus der Gruppe hat sich mit dem gleichen Wunsch gemeldet. Sicher haben uns die Gruppenleiter auch dabei geholfen, auf diese Idee zu kommen.
Ich konnte einen Entzug machen, und nachher kam ich in Therapie. Nach so einer langen Drogenzeit musst du wieder bei null anfangen im Leben. Ich wohnte in Siebers Sunedörfli zwischen Hirzel und Sihlbrugg. Ich ging viel laufen, jeden Tag etwa zwei, drei Stunden. Später fing ich an, Möbel zu restaurieren, ich war ja Schreiner.
Jede Woche kam ein Jurist vorbei, um mit mir meine Schulden und die behördlichen Dinge aufzuräumen. Ich hatte keinen Ausweis mehr, keine Krankenkasse. Dafür musste ich auf den Ämtern korrekt angemeldet sein. Wir gingen also in Zürich aufs Einwohneramt. Zuerst wollte da niemand zuständig sein, wir gingen von Büro zu Büro. Schlussendlich gab eine Beamtin meinen Namen in den Computer ein und sagte mir dann, mich gebe es gar nicht. Der Jurist stand daneben und sagte zu der Frau: «Ja, aber Herr Dürrenmatt steht hier vor Ihnen. Den muss es geben.» Das hört sich heute lustig an. Aber in dem Moment sah ich nur diese riesige Hürde auf dem Weg zurück. Ich wollte mir endlich ein normales Leben aufbauen und hatte nicht einmal mehr eine offizielle Identität. Wochen später fanden sie dann doch noch meinen Heimatschein, und man konnte mich wieder anmelden. So bin ich auch amtlich wiederauferstanden. Die Episode kommt sogar in Pfarrer Siebers Buch ‹Licht im Tunnel› vor.»
Aufgezeichnet von Diana Frei
Pfarrer Ernst Sieber: «Licht im Tunnel», Zytglogge 1997. Kostenloses eBook online beim Sozialwerk Pfarrer Sieber: swsieber.ch
FREDY DÜRRENMATT, 64, ist angehender Surprise Stadtführer in Zürich. Auf seiner Tour wird er von seiner Zeit als Süchtiger auf dem Platzspitz/Letten und seinem Weg in die und aus den Drogen erzählen.
Auferstehen ist aufbegehren
Es war die sechste Stunde des Tages vor dem Sabbat, da mit einem Mal eine grosse Finsternis über das Land kam, um den Tod dieses Mannes zu bezeugen, Jesus Christus, der verspottet, gegeisselt und gekreuzigt wurde, weil er sich König der Juden nannte, und der nun, im Angesicht des Todes zur neunten Stunde, die Worte «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Mt 27, 45) rief und qualvoll starb, der sodann begraben wurde und der drei Tage darauf von den Toten auferstanden und zuerst Maria Magdalena und Simon Petrus erschienen ist und dann seinen Jüngern und vielen anderen, der sie mit einem «Friede sei mit euch» begrüsste und der, als er in die ratlosen Gesichter blickte, zu ihnen sprach: «Was seid ihr so erschrocken? Seht meine Hände und meine Füsse, ich bin’s selber» (Lk 24, 36–39).
Soweit die Erzählung. Glauben Sie daran? Oder zumindest daran, dass diese Geschichte uns etwas zu sagen hat, heute noch?
Natürlich widerspricht die Sache mit der Auferstehung unserer Realität gehörig. Was aber nicht bedeutet, dass all das (komplett) unsinnig wäre. Nicht wenige Althistoriker*innen sind überzeugt, die Auferstehungsgeschichte sei durchaus plausibel. Sie nennen ein Dutzend Gründe, darunter den für sie (wie im Übrigen für wohl die meisten Historiker*innen) wichtigsten: Es gab hunderte Zeug*innen, dass Jesus auferstanden war, und viele von ihnen starben den Märtyrertod, als sie sich weigerten zu widerrufen, dass sie ihn gesehen hatten.
Dabei verstanden selbst die Jünger nicht, was das alles sollte. Jesus am Kreuz – das war unerhört. Nach dem Gesetz Mose galt ein Gekreuzigter nämlich als «ein von Gott Verfluchter» (5 Mos 21,23). Deshalb brach der messianische Anspruch von Jesus, der von Gott gesandte Erlöser zu sein, in sich zusammen. Seine Jüngerschaft war darob verzweifelt, manche fühlten sich wohl betrogen. Und nun, wie aus dem Nichts, ist dieser wundersame Typ wieder unter ihnen und sagt: Was guckt ihr so, «ich bin’s selber».
Erst Jahrzehnte nachdem Jesus angeblich endgültig in den Himmel auffuhr, wurde hierüber geschrieben. So im berühmten 1. Korinther-Brief des Paulus, verfasst um 55 n. Chr. Darin erklärt der Verfasser seinen Zeitgenoss*innen: Dass Jesus von den Toten auferstanden sei, sei ein untrügliches Zeichen dafür, dass er nicht so sehr ein Mensch gewesen sei, VON Gott gesandt, sondern selber Gott IST, und zwar ein Menschgewordener, der überdies den Tod überwunden habe. Weswegen Paulus den Glauben an die Auferstehung zur Grundlage des christlichen Glaubens überhaupt erklärte: «Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig» (1 Kor 15, 17).
Interessant, dass sich damit auch der Sinn des Kreuzes – das heute zentrale Symbol des Christentums – grundlegend gewandelt hat. Im Lichte der Auferstehung Jesu wurde es nicht länger als Fluch oder Zeichen des Versagens gesehen, sondern für die Überwindung des Todes und den Sieg über die Sünde. Für die Gläubigen wurde die Auferstehung die Grundlage für ihre Hoffnung auf das ewige Leben – übrigens etwas fundamental Anderes als das, was wohl ihre Gegenwart prägte und was Jesus der Erzählung nach Zeit seines Lebens anprangerte: Ungerechtigkeit, Armut und Unterdrückung.
Für alle, die solchen Erzählungen nicht abgeneigt sind, mag die Sache mit der Auferstehung immerhin dafür stehen, dass es möglich ist, sogar gegen den Tod aufzubegehren und bestehende Verhältnisse zum Besseren zu verändern. Woran zu glauben in Zeiten wie diesen freilich nicht gerade einfach ist. Versuchen kann – oder sollte – man es trotz allem. KP
Neu anfangen, immer wieder?
«Wer nicht das Unmögliche wagt, wird das Mögliche niemals erreichen», sagte einer, der auf dem Bremgartenfriedhof zu Bern begraben liegt und ziemlich sicher nicht an die Auferstehung glaubte. Wohl aber daran, dass sich das Bestehende – gerade wenn es geprägt ist von Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Macht und Ausgrenzung – nur überwinden lässt, wenn man das radikal Andere zulässt, als Neuanfang sozusagen. Dieser bärtige Mann sagte dies wohlgemerkt lange vor Faschismus und Stalinismus, und auch vor dem Despotismus unserer Zeit. Was ihm vorschwebte: eine Lebensform, die alle Autorität hinterfragt, jede Form von Herrschaft, Hierarchie und Gewalt zurückweist und statt auf Führertum auf Vernunft, Solidarität und Selbstorganisation baut. Supernaive Utopie, revolutionäres Gewäsch? Der russische Anarchist Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814–1876) meinte dazu: «Jeder Aufruhr ist nützlich – so erfolglos er auch sein mag.» KP
Pionierpflanzen
Als ich sogar den Besen aus der Küche holte, wurde mir klar: Ich bin so was von bünzlig. Unten auf der Strasse Menschen im Fanschal und mit Sonnenbrille auf dem Weg an das sonntägliche YB-Spiel, ich nach dem dunklen Winter ohne Jacke auf dem Balkon. Noch wuchs nicht viel, nur Schnittlauch und Peterli bahnten sich neben ihren verdorrten Vorgängern ihren Weg. Dann fiel mein Blick auf etwas, das ausserhalb der Ordnung der Töpfe spriesste. Moos, allerlei Blüemli und Gräsli. Überall in diesem Riss, der sich über den Balkonboden zieht. Pionierpflanzen hatten wir sie an der Uni genannt. Unkraut, denke ich jetzt. Ich bücke mich und ziehe Halm für Halm aus. Was für eine Vorfreude auf den Balkonfrühling! LEA
Delfine, keine Haie
Schön, wie warm das Wasser ist, denke ich. Und ein paar Längen später: Boah, ist das Wasser heiss. Ich, erwachsene Frau, habe mich für einen Schwimmkurs eingeschrieben. Kraul 1, Kraultechnik lernen. Der Leiter liest unsere Namen von der Liste ab und verteilt Badekappen. Wir sind im Kinderbecken und machen den Superman – «Ah, Superwoman natürlich auch», korrigiert er sich. Wir strecken einen Arm entlang des Körpers und der andere über unseren Kopf und paddeln mit den Beinen. «Aber nicht wie auf dem Velo!» Wasser in den Ohren. Wasser in der Lunge, Hustenreiz, kurz mit den Füssen auf den Boden aufsetzen und durchatmen. Zum Glück sind wir im Kinderbecken.
Als Kind war ich Samstag für Samstag im Schwimmkurs und hatte am Ende einen Badeanzug voller aufgenähter Abzeichen, auf den ich so stolz war, dass ich ihn noch heute habe, in einer Kiste im Keller. Krebs, Seepferd, Frosch, Pinguin, Kombitest 1 und 2. Als wir ins «grosse Becken» wechselten, stockte mir der Atem, wenn ich bis nach unten zum Boden blickte. Ich fürchtete, in die Tiefe zu sinken, und staunte, dass mich das Wasser trug, wenn ich in Bewegung blieb. Die Welt wurde grösser.
Irgendwann erwachsen, sah ich vor allem, was ich inzwischen alles konnte. Nach all den Jahren reichte es auch mal mit dem ständigen Lernen. Denn etwas Neues zu lernen, ist auch Überforderung in Dauerschleife. Kaum hat man das eine Detail einigermassen verstanden, kommt das nächste und man steht wieder am Anfang.
Doch dann, in Lektion 4, fühle ich mich auf einmal wie ein Fisch (hahaha). Nur kurz, keine ganze Länge, dann muss ich mich erholen von den Strapazen. Bisher hatte ich immer nur bewundert, wie Menschen kraulend durch das Wasser zogen. Wie soll das gehen? Unerklärlich, ein Rätsel. Unerreichbar. Jetzt feiere ich meinen Körper, dass er Bewegungen macht, die er vor kurzem noch nicht kannte. Die Auferstehung des Ausprobierens und Lernens, meine Welt wird wieder grösser.
Lange hatte mich auch das Gut-sein-Wollen und Gutsein-Müssen davon abgehalten, neue Dinge auszuprobieren. Ich wollte nicht bouldern (also eigentlich schon), weil ich es nicht konnte (weil ich es halt noch nie gemacht hatte). Ich spürte die Blicke der anderen – ich wollte nicht bewertet werden, ich wollte nicht, dass mein Körper bewertet wird, ich hörte meine innere Kritikerin. Als Kind war sowieso alles ständig neu, da spürte ich keine Blicke, hörte ich keine Stimme.
Im Schwimmkurs haben wir keinen Jö-Faktor wie die Kinder im Kurs vor uns, wir haben keinen muskulösen Körper wie die Leistungsschwimmer*innen vom Schwimmklub im grossen Becken. Aber wir haben uns. Prustend und japsend versichern wir uns gegenseitig, wie anstrengend das ist. Dass man doch nicht an alles gleichzeitig denken kann. Dass man kaum vorwärtskommt. Vom Beckenrand hören wir: «Ihr seid keine Haie, ihr seid Delfine.» Dann die nächste Länge, ein neuer Versuch. LEA
Einer unter vielen
Gibt es einen Plural von Messias? 3000 Propheten und Prediger soll es allein in Samaria und Judäa (den biblischen Bezeichnungen für grosse Teile der heute besetzten Palästinensischen Gebiete) zu Zeiten von Jesus Christus gegeben haben. Sie zogen durchs Land, kündigten vom Jüngsten Gericht, predigten das ewige Leben und nicht wenige – wie Athrongos, ein Schafhirte –, setzten sich ein Diadem auf und nannten sich «König der Juden». Die meisten wurden gehängt, geköpft oder von Pontius Pilatus gekreuzigt. So gesehen war Jesus nur ein Messias unter vielen Messiassen. Wobei wohl nur er auch immer noch so genannt wird. Heutzutage gibt es angeblich 300 (immer noch ausschliesslich) Männer, die für sich beanspruchen, Wundertäter zu sein, Erlöserfigur und Heilsbringer, die dereinst auferstehen werden, wie der norwegische Fotograf Jonas Bendiksen in seinem Buch «The Last Testament» recherchiert hat. Sieben von ihnen hat er porträtiert: Vissarion, den Jesus von Sibirien zum Beispiel, oder Kitwe, jener aus Sambia. Auf die Frage, ob diese Typen nicht allesamt Spinner seien, Betrüger oder psychisch Erkrankte, erwidert Bendiksen lapidar: «Wenn du denkst, die wären geisteskrank, sind es alle Gläubigen.» KP
Keine Karteileiche
Achtzehn Jahre war Lal Bihari aus dem indischen Bundesstaat Uttar Pradesh ein toter Mann. Mit zwanzig erfuhr er bei einem Gang auf die lokale Behörde, dass er als verstorben galt. Dabei wollte er nur eine Landbesitzurkunde beantragen, um einen kleinen Kredit aufnehmen zu können. Das Stück Land, das seine Sicherheit sein sollte, war an einen Onkel väterlicherseits überschrieben und Bihari als ehemaliger Besitzer für tot deklariert worden. Und Tote bekommen keinen Kredit. Natürlich könne er klagen, sagte ihm ein Anwalt, aber der Fall könnte sich Jahrzehnte hinziehen und würde ihn höchstwahrscheinlich sein ganzes Erspartes und das seiner Familie kosten.
Konflikte um Landbesitz machen den grössten Teil aller Rechtsstreitigkeiten in Indien aus: Laut einer kürzlich im The Economist erschienenen Reportage stecken deswegen 7,7 Millionen Menschen in einem Gerichtsverfahren. Rund zwanzig Jahre braucht es im Schnitt, um einen Fall beizulegen. Im ländlichen Raum ist Landbesitz immer noch die Haupteinkommensquelle: etwa die Hälfte der 1,4 Milliarden Inder*innen ernähren sich von ihrem eigenen Grund und Boden. Ginge es nicht um existenzielle Not, wäre Biharis Geschichte in ihrer Absurdität lustig.
Weil die Behörden ihre Daten nicht miteinander abgleichen, durfte er weiterhin wählen, bekam Getreiderationen für die Familie und musste seine Telefon- und Stromrechnungen bezahlen. Auch sein trotziger Antrag auf Witwenrente für seine Frau wurde abgelehnt.
Bihari begann, im Skelettkostüm vor Regierungsgebäuden für sein Recht zu demonstrieren. Mehrfach trat er in den Hungerstreik. Andere Betroffene gesellten sich hinzu. Über Jahre. Die unübersichtliche Bürokratie, der Überhang unerledigter Gerichtsfälle und die weit verbreitete Korruption machen vielen zu schaffen. 74 Prozent der Einwohner*innen von Uttar Pradesh gaben gegenüber Transparency International an, schon einmal bestochen zu haben, ein Viertel davon in Zusammenhang mit dem Eintrag von Landbesitz und sonstigem Eigentum. Und weil diese Register bis vor Kurzem auf Papier geführt wurden, bemerkte eine auf diese Weise enteignete Person ihren Verlust nur dann, wenn sie zufällig Einsicht in die Dokumente beantragte. Solche Konflikte können tragisch ausgehen: Zwischen 2017 und 2021 verzeichnete Uttar Pradesh allein mehr als 3000 Mordfälle, die mit Landstreitigkeiten zusammenhingen.
Nach achtzehn langen Jahren als «lebender Toter» holte ein neuer Beamter seines Distrikts Lal Bihari 1994 schliesslich formell zurück ins Leben. Das Stück Land wurde ihm zurücküberschrieben und die Kinder des Onkels, die darauf lebten, bekamen ein Bleiberecht. Bihari bezieht regelmässig einen Teil ihrer Ernte. Loslassen konnte er seinen Aktivismus nicht mehr: Er gründete die «Vereinigung der Lebenden Toten», einen zivilgesellschaftlichen Zusammenschluss von Betroffenen, und half ab dann anderen auf ihrem Weg zurück ins Leben.
Heute ist Lal Bihari siebzig Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen. Es ist unklar, wie es mit seiner Organisation weitergeht. Indien als bevölkerungsreichstes Land der Erde steckt in einem ambitionierten Digitalisierungsprozess. Bleibt zu hoffen, dass die digitale Zusammenführung behördlicher Register darauf ausgelegt ist, auch die Korruption einzudämmen und Geschichten wie die der «lebenden Toten» unmöglich zu machen. WIN
Die Sagenjäger
Simon Berginz und Andreas Wullschleger fangen mit ihrem gleichnamigen Podcast vergessene Schweizer Sagen für Audiobegeisterte von heute und morgen ein. Mehr dazu direkt von den beiden Radiojournalisten im aktuellen Surprise Talk.
Raus aus der Abhängigkeit
In der Frage der digitalen Unabhängigkeit geht es nicht nur um die ganz grossen Baustellen wie bspw. die Ablehnung von Palantir-Software durch die Schweizer Armee. Digitale Auferstehung kann man sich auch im Kleinen erarbeiten, um sich von der Umklammerung durch die Tech-Giganten zu lösen. Dies schlägt zumindest ein Zusammenschluss von Demokratiefreund*innen und Netzexpert*innen rund um den Chaos Computer Club vor und rief den monatlichen Digital Independence Day aus. Jeden ersten Sonntag im Monat kann jede*r Einzelne von uns seine und ihre persönliche Unabhängigkeit vorantreiben und auf alternative Angebote umsteigen. Wer möchte, bekommt mancherorts auch Beratung. WIN
Auferstehung als Job
Das deutsche Ruhrgebiet, viel näher an Brüssel und Amsterdam als an Berlin, ist ein Städtehaufen mit fünf Millionen Bewohner*innen. Kaum jemand wäre hier ohne die Steinkohle. Hunderttausende Bergleute aus ganz Europa durchlöcherten im 19. und 20. Jahrhundert den felsigen Untergrund unter den rasant wachsenden Städten so sehr, dass die ganze Region langsam absackte: im Schnitt um zwölf Meter, stellenweise um mehr als dreissig und weitenteils unter den Grundwasserspiegel. Mehr als 500 Pumpwerke hieven Grundwasser und Regenwasser nach oben und leiten es zumeist in Flüsse ab. Wenn die Pumpen einmal abgestellt werden, wird die Metropolregion zur Seenplatte und ganze Städte werden verschwinden. Also laufen die Pumpen, und plötzlich auftretende Löcher – Tagesbrüche, in denen auch schon mal Autos verschwinden – werden routiniert verfüllt. «Ewigkeitskosten» nennt man das.
In fast jeder der 53 Städte stehen Denkmäler, die an die grossen Katastrophen, die «schlagenden Wetter» und Kohlenstaubexplosionen mit manchmal mehr als hundert Toten erinnern. Es gab viele davon. Während sie heute nur noch in lokalen Gedächtnistexten erwähnt werden, haben sich die Anekdoten länger gehalten. Denn zu den Katastrophen gehören auch Wunder. Die Selbsterzählung der Region ist voll rauer Geschichten von Menschen, die nach Tagen in bis zu tausend Metern Tiefe entdeckt und oft nur aufwendig geborgen werden konnten. Es gibt Anekdoten von heldenhaften Grubenwehren und vom Zusammenhalt. Von Verschütteten, die tagelang durch ein dünnes Rohr mit «Brühe, Milch und Mineralwasser mit Schnaps» versorgt wurden. Oder von denen, die unter Tage beim Kartenspiel allen Besitz verzockten, bevor sie gerettet wurden. Alles inklusive markiger oder selbstironischer Einzeiler im Moment der Rettung.
Verblasst ist hingegen die Erinnerung an die Unerträglichkeit der Arbeit und die allgegenwärtige Angst, nicht zurück ins Licht zu kommen. «Nicht umsonst hat man das Wort geprägt, dass er stets sein Totenhemde trägt», heisst es beim Arbeiterdichter Heinrich Kämpchen über den Bergmann. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Arbeit geradezu grotesk unsicher; um 1900 starben rund tausend Bergleute pro Jahr durch Unfälle und die berüchtigte Silikose, die sogenannte Staublunge. So prägte zusätzlich eine grosse Zahl Versehrter die Städte. Dies ist allerdings weitgehend aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden.
Heute liegt das Wissen um den Raubbau, den dieser Zweig der fossilen Extraktion auch an den Menschen betrieb, hinter einem Schleier allgegenwärtiger Bergbaunostalgie. Die Region ist noch immer geprägt von einem kollektiv ererbten Bergmannsstolz der Nachgeborenen. Die Heldengeschichten der Toten auf Widerruf und der Wiederauferstandenen sind geronnen zu einer Regionalkultur, die der andauernden Krise wie damals «vor Kohle» mit einer Mischung aus Fatalismus, zupackender Solidarität und schwarzem Humor begegnet.
Ihre materielle Ausprägung ist ein Festhalten an den Symbolen der längst abgewickelten Bergbauvergangenheit. Siebzig Jahre nach der Kohlekrise, die das Zechensterben einleitete, präsentiert sich die Region mit stilisierten Fördergerüsten, Grubenlampen als Deko-Objekten und Baby-Stramplern mit der Aufschrift «Auf Kohle geboren». Und sie wartet auch nach Jahrzehnten des sogenannten Strukturwandels auf eine Eingebung, wie eine Zukunft nach Kohle und Stahl aussehen könnte. Übergangsweise haben Fussball und Comedy die Rolle der Identitätsstiftung übernommen. Auf Stadiontribünen und Kleinkunstbühnen lebt der joviale Working-Class-Habitus und die Abneigung gegen Hierarchien weiter. In dieser ärmsten Region Deutschlands findet die pragmatische Untergangserwartung der Bergleute ihre Fortsetzung über Tage: «Machsse nix». Und mit der allgegenwärtigen Selbstironie, wie sie etwa Bochums inoffizielles Stadtmotto «Woanders is auch scheisse» symbolisiert, lässt sich zwar nicht die Zukunft, aber leicht irritierte Sympathie gewinnen. Und man macht halt weiter. Solange die Pumpen laufen. BASTIAN PÜTTER