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Challenge League
Widerstand

Ich wurde im Dorf Zamziran ganz im Westen Irans geboren. Als ich sechs war, zog ich in die etwa 35 Kilometer entfernte Stadt Sardasht, um zur Schule zu gehen. Jeden Sommer kehrte ich zurück ins Dorf, half meinen Eltern auf dem Hof und genoss die Berge. Am letzten Tag der Sommerferien im Paradies gingen meine Geschwister und ich wieder in die Stadt, mit viel Früchten und Gemüse für die Klassenkameraden im Gepäck.

Einmal, am ersten Schultag der sechsten Klasse, bemerkte ich, dass eine neue Familie mit einem Sohn und einer Tochter in unserem Alter im Haus gegenüber eingezogen war. Ich ging mich vorstellen, um mit ihnen zu spielen. Sie sagten aber etwas Fremdartiges, etwas, das ich nicht verstand.

Ich war damals zwölf, mein Bruder und mein Cousin waren mit mir in derselben Klasse. Ich sass vorne und blickte müde im Klassenzimmer herum. Die meisten Schüler waren dieselben wie im Jahr zuvor, aber ganz hinten in der Ecke sass einer und blickte neugierig nach vorn: Es war der Sohn unserer neuen Nachbarn. Eine dicke Brille lag steil geneigt auf seiner Nase, er sass neben dem Fenster und hörte aufmerksam dem Lehrer zu. Das brachte mich zum Lachen. Er schaute mich verschüchtert an.

Auf dem Heimweg stellte er sich vor, aber ich verstand ihn nicht gut. Er hiess Diako und war aus Sanandaj, einer anderen kurdischen Stadt 500 Kilometer weiter im Osten. Mandana, seine Schwester, gefiel mir sehr, obwohl sie mich nur wortlos anschaute.

Zuhause erfuhr ich von meinen älteren Geschwistern, dass die iranische Regierung Diakos Vater, der kurdischer Aktivist gewesen war, hingerichtet und die Familie vertrieben habe. Ich war wütend und hatte Mitleid mit Mandana und Diako.

Mit der Zeit spielte ich öfter mit ihnen und lernte ihren Akzent gut verstehen. Ich fand ihren Dialekt wirklich schön. Einmal wollte ich Mandana beim Sprechen küssen, weil sie die Lippen so niedlich bewegte, aber ich war zu schüchtern. Der Kuss fehlt mir bis heute. In der Klasse waren viele eher zurückhaltend gegenüber Diako, weil sie ihn als Fremden sahen.

Wir stritten in der Schule oft, und manchmal kämpften wir auch, in Gruppen oder einer gegen einen. Die Rasenfläche eines Parks in der Nähe war unser Schlachtfeld. Wir hatten auch Regeln: kein Blut, nicht ins Gesicht schlagen. In der Schule war meine Gruppe – mit meinem Bruder, meinem Cousin und zwei anderen Schülern, die alle vom Dorf waren – die stärkste, und wir entschieden fast jeden Kampf für uns. Diako fühlte sich deshalb stark mit mir. Einmal begann er einen Streit mit einem starken Schüler. Als sich das Problem nicht löste, einigten sich die beiden auf einen grossen Kampf im Park, und jeder suchte Verbündete in der Klasse. Die Klasse war in viele Gruppen aufgeteilt. Die starken, aggressiven Schüler stellten sich auf die Seite von Diakos Gegner. Die Schüler, die eher aus Mittelstandsfamilien stammten, unterstützten diese aggressive Gruppe. Die sozialeren Schüler erklärten sich für neutral. Auch meine Gruppe unterstützte Diako nicht, denn ein Kampf gegen die Hälfte der Klasse hätte nur eine Niederlage bedeuten können. Ich versuchte Frieden zu stiften, aber Diako brüllte mich an: «Ich kapituliere nicht!» Nach der Schule gingen wir zum Park, und wie immer kamen gegen 100 Schüler, um sich den Kampf anzuschauen. Unterwegs versuchte ich nochmals, Diako umzustimmen, aber er verweigerte sich komplett.

Abseits des Schlachtfelds setzte ich mich auf eine Bank, denn ich wollte diesen ungleichen Kampf nicht sehen. Ich hörte die Schüler, die Zuschauer waren, auf ihre Bücher schlagen, so wie bei einem Gladiatorenkampf. Nach einem Moment der Stille begann die Schlägerei, und ich hörte, wie Diako litt. Es war auch für mich schmerzhaft.

Als alles vorbei war und die Schüler abzogen, wartete ich auf Diako, aber er kam nicht. Ich rannte hin. Diakos dicke Brille war zerbrochen, seine Bücher zerrissen. Ich fand ihn auf dem Rücken liegend, als ob er bewusstlos wäre. Ich erschrak und ging wortlos davon. Da öffnete er plötzlich die Augen, stand blitzschnell auf und rief: «Widerstand!»

Der kurdische Journalist Khusraw Mostafanejad, 31, verliess 2011 seine Heimat Iran und wurde 2015 in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Hier erzählt er Geschichten vom Fliehen und vom Ankommen.

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