Skip to main content
Medien
Reporter statt Opfer

Geflüchtete Journalisten, berichterstattende Geflüchtete: Mit Internet und Social Media können sich auch jene Gehör verschaffen, deren Stimme sonst untergeht.

Es ist der 29. Januar 2017. Mein Bauch ist gefüllt mit Palow, afghanischem Essen. Bei der Vorbereitung durfte ich nicht helfen, abwechslungsweise argumentierte Saboor, dass ich es falsch mache und dass es sich für einen Gast nicht gehöre zu helfen. Gast sein. Im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke, wo die Aussicht auf die Alpen wunderbar ist, die Innenausstattung aber trotzdem an ein Gefängnis erinnert, oder zumindest an eine Jugendstrafanstalt. Saboor Nadem, sein engster Freund Mehran und ich machen einen Verdauungsspaziergang durch die Luzerner Agglogemeinde. Wir unterhalten uns darüber, dass in der Schweiz Frauen und Männer dasselbe Schwimmbad besuchen – für die beiden Afghanen erstmal ungewohnt, auch wenn sie prinzipiell nichts dagegen haben. Wir sprechen aber auch darüber, was die Taliban mit Saboor machen würden, wenn sein Asylantrag abgelehnt würde.

Saboor ist Vollblut-Journalist. Das war er zuhause in der afghanischen Provinz Ghor. Das war er während seiner Flucht, und das ist er auch im Schweizer Asylverfahren geblieben. Wenn er nicht gerade kocht, Deutsch lernt, an der Reception im Sonnenhof arbeitet oder auf Neuigkeiten von den Schweizer Behörden wartet, postet Saboor tägliche Updates auf Facebook, jeweils auf Englisch und Dari. Manchmal bereitet er internationale News auf und gibt die Quelle an, zumeist BBC oder Deutsche Welle. Manchmal berichtet er auch von den Dingen, die ihm in der Schweiz begegnen, etwa von einer Regenbogenflagge mit «Fuck Trump»-Banner am Ufer des Zürichsees. Das Zielpublikum von Saboors Nachrichten sind Flüchtende unterwegs und Geflüchtete in Frankreich, Deutschland, der Schweiz. Seine Posts, jeder mit Foto versehen, erzielen beachtliche Resonanz auf Social Media: viele Likes, aber auch traurige und wütende Emoticons. Denn oft handeln die Updates von Anschlägen in Pakistan und Afghanistan oder von Geflüchteten, die sich aus Verzweiflung umgebracht haben. Saboor will berichten – und zwar das, was wahr ist. Deshalb sei er Journalist geworden: «Vor etwa sechs Jahren habe ich begonnen, als Journalist zu arbeiten. Es ist ein schwieriger Job – in jedem Land, aber in Afghanistan speziell. Ich wollte Journalist werden, um die Stimme der armen Leute hörbar zu machen, die Stimme aller, deren Anliegen von der Regierung nicht gehört werden. Aber immer, wenn wir etwas Relevantes gesendet haben, bekamen wir Anrufe, Briefe, Drohungen. Von der Regierung ebenso wie von den Taliban oder anderen lokalen bewaffneten Gruppen.»

«Durch meine Arbeit kann ich mir etwas Würde erhalten, egal in welcher Situation ich bin.»

Ordnung ins Chaos bringen

Während der zwei Monate, die ich bisher als unabhängiger Freiwilliger in Serbien war, habe ich einige geflüchtete Journalisten getroffen. Fast alle von ihnen mussten wegen ihrer Arbeit fliehen. Auch wenn ich wenig über ihre Themen und ihre Arbeitsbedingungen weiss, ist unser Blick auf das Geschehen verwandt: Was erleben wir hier gemeinsam? Immer mit dem Moment: bildungsbürgerlicher Westeuropäer und auf der Balkanroute Steckengebliebene. Immer mit dem Moment: Unsere Position in dieser Situation könnte nicht gegensätzlicher sein. Wie kann man das, was passiert, einordnen? Die Herangehensweise, das Suchen nach Informationsbrocken, das Suchen nach Ordnung und Verortung im chaotischen Jetzt verbindet uns.

Manche Flüchtende entdecken erst unterwegs die Handlungsmöglichkeiten, die ihnen Social Media bieten: zum Beispiel einer, der sich auf Facebook John Refugee nennt. Sein Anliegen: Die Welt darauf aufmerksam zu machen, dass hinter dem Bahnhof von Belgrad ein Dschungel steht, ein kleines Idomeni, ein Calais im Zentrum einer Millionenstadt. Auf seiner Facebook-Seite – über 850 Likes – postet John Refugee Fotos aus Belgrad. Intime Bilder, nie ohne Begleittext.

John Refugee friert auch jetzt, Ende Februar 2017, noch selbst in den Baracken beim Belgrader Bahnhof. Er hat einfach begonnen zu berichten. «Auf diese Weise kann ich die Situation hier in die Welt hinaustragen und auch Leute in der EU erreichen», schreibt er mir per Privatnachricht. Ich bringe es nicht übers Herz nachzufragen, ob er wirklich daran glaubt, dass er so die europäische Grenzund Asylpolitik verändert. Auch Saboor will wiedergeben, was er sieht und erlebt, was ihm widerfährt. Und natürlich wünscht er sich eine andere Politik in Europa. Wie hätte er nicht versuchen können, im ungarischen Gefängnis zu filmen, in dem er Anfang August 2016 einen Monat verbringen musste? Doch seine Zelle wurde jede halbe Stunde kontrolliert. Filmen, Nachrichten lesen, posten, Belege suchen: Das alles tut Saboor, und er schöpft dabei sein journalistisches Handwerk aus.

Während seiner Flucht habe ich Saboor kennengelernt. Es war der 24. Juli 2016, etwa 22 Uhr. Wir, eine Gruppe aus westeuropäischen Freiwilligen und Flüchtenden aus Afghanistan, sassen an der Raststätte beim Grenzübergang Horgos-Röszke vor einer 2-Liter-Flasche Cola. Saboor erzählte, dass er Journalist sei. Als die 2-Liter-Flasche Coca Cola leer war, beluden sich Saboor und zwei andere mit Zelten, die in Horgos dringend gebraucht werden. Horgos ist ein selbstverwaltetes Camp – besser: ein zwangsweise selbstverwaltetes Camp – direkt am ungarischen Grenzzaun. Die Flüchtenden in Horgos warten auf den legalen Grenzübertritt von Serbien nach Ungarn. Damals wurden pro Tag etwa 30 Menschen nach Ungarn gelassen, aber jeweils nur ein bis zwei alleinreisende Männer. Die Zahl änderte sich täglich, und die Listen, in die sich die Flüchtenden eintragen konnten, wurden von sogenannten Chiefs verwaltet: einem Afghanen für die Afghanen, einem Pakistaner für die Pakistaner, und so weiter.

Nur NGO-Vertreter, die Polizei und Angehörige des serbischen Kommissariats für Flüchtlinge dürfen das Lager von Horgos betreten, und damals waren sowohl das Kommissariat als auch die Polizei besonders nervös. Etwa 300 Meter vom Camp entfernt protestierten 120 Flüchtende gegen die Schliessung der ungarischen Grenze. Eine Woche zuvor hatte die Stadtregierung von Belgrad begonnen, die Parks umzugraben, in denen hunderte Flüchtende verharrten. Als Folge davon organisierten Flüchtende eine Protestkundgebung, die zum Marsch Richtung Grenze wurde und schliesslich in den Hungerstreik mündete, der für uns Westeuropäer Anlass war, nach Horgos zu fahren.

Wenige Tage später logge ich mich bei Facebook ein und sehe, was mein neuer Freund gepostet hat: «Hallo, ich bin Saboor! Ich berichte hier von der serbisch-ungarischen Grenze ...» In einem Viereinhalb-Minuten-Video schätzt Saboor die Lage der Hungerstreikenden ein und lässt mehrere zu Wort kommen. «Kannst du dich bitte vorstellen?», «Weshalb bist du hier?», «Was sind deine Forderungen an die Europäische Union?» Eine saubere Reportage, mit dem Handy aufgenommen. Saboors Video läuft auf der Facebook-Seite der NGO The Voice of Thousands. Es wird mehr als 16 000 Mal angeschaut und 250 Mal geteilt. Am selben Tag veröffentlicht er ein zweites Video, das weitere 50 Mal geteilt wird. Unter einer der Videoreportagen von Saboor kommentiert jemand: «lauter mediengeile wirtschaftsrefugees!» Dieser Kommentar ist wohl der wertvollste auf einer Plattform wie The Voice of Thousands, denn natürlich ist jede Öffentlichkeit wertvoll, aber wenn die On-the-Ground-Berichte in der linksliberalen Bubble verharren, dann ist diese Öffentlichkeit nur scheinbar.

Rampensau zurücknehmen, nicht skandalisieren

In Horgos, einige Wochen bevor ich ihn kennengelernt habe, traf Saboor auf der Staubstrasse zwischen der Raststätte und dem HorgosCamp zufällig Grosi. Grosi heisst eigentlich Michael Grossenbacher, ist in Meiringen aufgewachsen und machte in seinem früheren Leben Karriere als Sänger und Comedian. Mittlerweile ist er sieben Tage pro Woche für The Voice of Thousands unterwegs, bei Hilfseinsätzen, in politischer Lobbyarbeit und via Live-Streams auf Facebook. Als ich ihn ans Telefon bekomme, erklärt er mir die NGO: «The Voice of Thousands nennt sich so, weil wir mittlerweile mehr als 3000 Unterschriften von Flüchtenden auf der Balkanroute haben, die uns damit autorisiert haben: Ja, ihr dürft in meinem Namen sprechen.» Grossenbacher nimmt die Rampensau in sich zurück, er will nicht skandalisieren. Was er auf Lesbos, in Idomeni und anderswo gesehen hat, soll für sich selbst sprechen. Was passiert, ist Skandal genug. Wer Falschwahrheiten verbreite, schade dem eigenen Anliegen. «Wir prüfen alle Beiträge, bevor wir sie veröffentlichen. Falschdarstellungen, die aus politischer Propaganda gespeist sind, helfen niemandem.»

Mit der Öffentlichkeit ist es so eine Sache: Man darf sich keine Illusionen über ihre Wirkung machen. Insbesondere, wenn man keine neuen Informationen generiert, sondern lediglich das Erfahrene vermittelt. Das weiss Saboor, das weiss auch Michael Grossenbacher. The Voice of Thousands will explizit nicht politisch berichten. Politisch wirkt man da, wo die politische Macht ist: in der Wandelhalle, mit Lobbyarbeit für die Geflüchteten, wobei man Bürgerliche ebenso einbezieht wie das linksgrüne Lager.

«lauter mediengeile wirtschaftsrefugees» – ich erinnere mich an den Kommentar unter Saboors Video. Zum Problem der Filterblase meint Grossenbacher: «Klar gehören viele aus unserem Publikum eher zum linken Spektrum, aber was wir berichten, soll auch zu Argumenten verhelfen. Unsere Community soll durch The Voice of Thousands Argumente bekommen, die sie dann in ihren Alltag trägt. Beispielsweise auch zur Bäuerin im Berner Oberland.»

Grosi ist mittlerweile auch ein Freund von Saboor geworden, hat Saboor besucht, als es ihm schlecht ging auf seiner ersten Station in der Schweiz, in der Asylunterkunft auf dem Glaubenberg, zwischen Entlebuch und Sarnen, 1540 m. ü.M. Saboor in der Schweiz – das war seltsam. Im September, ich war gerade wieder nach Belgrad gereist, erschien auf meiner Facebook-Timeline ein Foto von Saboor in Zürich. Saboor vor dem Prime Tower; ich in Serbien. Saboor war für mich noch immer verbunden mit dem ungarischen Grenzzaun. Social-Media-Ortsverwirrung.

Niemand kann dich schützen

Social Media – schon Saboors Werkzeug, als er noch in Afghanistan Radio machte – ermöglicht ihm zu tun, was er tut. Und zu spüren, dass er etwas tun kann.

Mitte Februar 2017 gehört Saboor für mich zur Innerschweiz, Palow – das Essen – gehört zu den Tagen mit ihm, und ich füge mich ohne Widerstand in meine Rolle als Gast. Heute interviewe ich ihn zu seiner Arbeit in Afghanistan. Saboor vermisst das Radio. Bei Radio Firoz Koh in der Provinz Ghor war er Programm-Manager, koordinierte Sendungen und Reporter und war glücklich, dass er manchmal Zeit fand, um rauszugehen und zu berichten. Etwa über die Lage von Binnengeflüchteten, die aus einer anderen Provinz vor den Taliban geflohen waren.

Radio Firoz Koh, benannt nach einer historischen Stadt in der Region, ist ein Privatradio mit 25 Mitarbeitern, einem Empfangsradius von 300 km und etwa 25000 Hörern pro Tag. Firoz Koh sendet MusikwunschSendungen, Musik macht einen bedeutenden Anteil des Programms aus. Aber Firoz Koh sendet auch drei Stunden Nachrichten pro Tag, und das ist der Grund, weshalb Saboor Afghanistan verlassen hat. Wenn ein kritischer Bericht über die Polizei gesendet wurde, bekam Saboor einen Anruf von der Lokalregierung. Eines Tages – am 19. Juli des Jahres 1394 nach dem persischen Kalender, also am 11. Oktober 2015 – erhielt Saboor einen Brief mit dem Stempel des «Islamischen Emirats», also der Taliban. Sie drohten ihm mit dem Tod, wenn er seine Berichterstattung nicht ab sofort in ihre Dienste stelle; sie schrieben auch, dass man seine Personalien in ganz Afghanistan gestreut habe. Man werde ihn finden. Saboor fürchtete sich und holte Erkundigungen ein. Bei der Lokalregierung, die ihm nicht zu helfen wusste. Beim regionalen Journalisten-Beirat, einem guten Freund. Bei einer lokalen NGO, der Afghanistan Independent Human Rights Commission. Niemand konnte ihm helfen, mehrere Stellen händigten ihm die schriftliche Bestätigung aus, dass man ihm weder helfen noch für seine Sicherheit garantieren könne.

Du wirst mit dem Tod bedroht und es gibt noch nicht mal jemanden, der zumindest behauptet, er könne für deine Sicherheit garantieren. Saboor reist am 14. Februar 2016 mit einem Visum in den Iran. Über die Türkei kommt er nach Griechenland – und in Griechenland entscheidet er, dass er weiter als Journalist arbeiten will.

«Auf diese Weise kann ich die Situation hier in die Welt hinaustragen und auch Leute in der EU erreichen.» John Refugee

Saboor war Journalist geworden, weil er die Stimme derer verstärken wollte, die in einer schwierigen Situation sind. Jetzt war er selber in Schwierigkeiten, und er begann seine Stimme zu nutzen. «Egal, in welcher Gesellschaft ich lande: Ich will Journalist bleiben. Wenn mich die Schweiz aufnimmt, dann will ich hier weiterarbeiten. Je fremder mir die Kultur ist, desto interessanter wird mein Beruf für mich. Ausserdem kann ich mir so etwas Würde erhalten, egal in welcher Situation ich bin», so Saboor.

Saboor reagierte mit Unverständnis auf meine Frage, ob er nicht befürchte, dass seine öffentliche Flucht mit Spuren auf Facebook und Youtube ihm schaden könnte. «Solange ich die Wahrheit publiziere und nicht gegen Leute anschreibe, habe ich keine Angst. Was ich schreibe oder sage, ist nicht meine Idee. Es ist die Situation. Ich gebe die Situation wieder.» In den Befragungen der Schweizer Behörden hat er alles offengelegt. Er begreift Öffentlichkeit als Chance, und gleichzeitig ist er sich bewusst, dass ihn seine Arbeit in keiner Weise schützt. Am Ende sind es die Schweizer Behörden, die über seinen Status entscheiden, und nicht die Facebook-User.