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Verkäuferinnen-Porträt
Abschied von Marlis Dietiker

Marlis Dietiker, 67, verkaufte über zehn Jahre lang das Surprise Strassenmagazin in Olten. Jetzt muss sie sich von ihren Kunden verabschieden.

«Ich habe während mehr als zehn Jahren, wenn immer möglich von Montag bis Samstag, von sieben bis zehn Uhr morgens am Bahnhof Olten Surprise verkauft. Jetzt ist leider Schluss. Ich habe mich von der Herz­operation vor drei Jahren und der Operation am Magen diesen Frühling einfach nicht mehr richtig erholt.

Was mich früher bei der Arbeit so aufgestellt hat, näm­lich das Treffen und Reden mit den unterschied­lichsten Leuten, ist mir jetzt zu anstrengend. Der Entscheid fiel mir nicht leicht. Ich habe sehr gerne Surprise verkauft, unter anderem weil ich meine eigene Chefin war. Ich konnte die Arbeit selbst eintei­len, meine Pausen alleine bestimmen und mit Men­schen aus aller Welt plaudern. Und zwar so lange, wie ich Lust hatte. Spannend war auch, dass ich mit Leuten aus den verschiedensten Schichten in Kontakt kam, mit Direktoren und Ärzten genauso wie mit Randständigen. Einen Drogensüchtigen werde ich nie vergessen: Dem habe ich einmal zwanzig Franken gegeben, weil er pleite war. Jahre später kam er auf mich zu, streckte mir eine Zwanzigernote entgegen und sagte, die sei von seinem ersten Lohn, er habe sich ge­fangen und mache jetzt eine Lehre. Ein anderer jun­ger Mann wollte ein Heft kaufen, hatte aber kaum Geld. Er ist daraufhin ein Jahr lang immer wieder bei mir vorbeigekommen und hat mir meistens so fünfzehn oder zwanzig Rappen gegeben, bis er die sechs Franken für das Heft schliesslich abgestottert hatte!

Ich habe viel Schönes und Bleibendes erlebt in den Jahren als Verkäuferin, dafür bin ich sehr dankbar – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an all meine Kundinnen und Kunden. Auch der Organisation Surprise sage ich Merci. Als ich damals als über 55­Jährige längere Zeit erfolglos auf Stellensuche war, konnte ich unbürokratisch und von einem Tag auf den andern mit dem Heftverkauf beginnen. Und später wurde ich in das Surprise­-Spezialprogramm SurPlus aufge­nommen, das langjährigen Verkaufenden ein Taggeld bei Krankheit und bezahlte Ferien in der Höhe der durchschnittlichen Einnahmen garantiert. Das hat mir sehr geholfen, denn vorher musste ich die finanziel­len Schwankungen bei Krankheit oder Freitagen immer selbst auffangen.

Für die kommenden Monate habe ich mir vor allem vorgenommen, mich zu erholen und richtig zu Kräften zu kommen. Was ich aber schon jetzt regelmässig unternehme, ist einmal im Monat der Ausflug ins Fribourgische, nach Zumholz, wo ich mich mit meiner Cousine und einer Freundin treffe. Im Nachbardorf Brünisried bin ich aufgewachsen. Wenn ich bis im Frühling wieder auf dem Damm bin, möchte ich eine Freundin in Graz besuchen, wahrscheinlich zusam­men mit meinem Sohn und meinem Enkel. Früher, als junge Frau, habe ich weitere Sprünge gewagt, neben Ländern in Europa habe ich zweimal Südafrika bereist. Beim zweiten Mal habe ich einen 76­jährigen Nachbarn von mir begleitet, der seinen Sohn in Südafrika besuchen wollte. Mit ihm zusammen habe ich den berühmten und unvergesslichen Kruger­ Nationalpark besucht. Da ich erst jetzt wieder ange­fangen habe, meinen Haushalt selbst zu erledigen, wäre eine Reise dorthin für mich im Moment undenk­bar, aber reizen täte es mich schon zu sehen, wie Südafrika heute ist. Ich habe das Land noch zur Zeit der Apartheid erlebt – unglaublich.

Für mich ist das Zusammenleben verschiedener Kultu­ren seit meiner Kindheit eine Selbstverständlichkeit, denn ich spielte damals oft mit den Kindern der Jeni­schen und ging in deren Wohnwagen ein und aus, manchmal kamen sie auch zu uns. Später in meiner Tä­tigkeit als Krankenpflegerin hatte ich ebenfalls mit den verschiedensten Menschen zu tun. Von daher war die Arbeit bei Surprise wie auf mich zugeschnitten.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 412 des Surprise Strassenmagazins.

Filmporträt über Marlis Dietiker

Das ganze Surprise-Team bedankt sich herzlich bei Marlis Dietiker für den engagierten langjährigen Einsatz fürs Strassenmagazin. Wir wünschen ihr von Herzen alles Gute und Gesundheit. Marlis war das Gesicht von Surprise am Bahnhof Olten, wir werden sie sehr vermissen.

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