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Verkäuferinnen-Porträt
«Dank Surprise bin ich glücklich»

Ljiljana Azirovic verkauft das Strassenmagazin Surprise in Uster. Im Januar wird sie aber nicht dort sein, weil sie die Geburt ihres Urenkels in Wien miterleben möchte.

«So richtig glauben kann ich es noch gar nicht, aber im Januar werde ich Urgrossmutter. Mit 62! Stören tut’s mich nicht, im Gegenteil. Ich war schon eine sehr junge Mutter. Als mein Sohn auf die Welt kam, war ich gerade einmal 16 Jahre alt. Das war damals keine Seltenheit in der Vojvodina in Serbien, wo ich herkomme. Mein Mann war meine erste grosse Liebe, und die hat bis zu seinem Tod gehalten.

Wir hatten es sehr gut zusammen. Nach unserem Sohn bekamen wir eine Tochter, und ich arbeitete in einer Fabrik, die Medika- mente herstellte. Als unser erstes Enkelkind auf die Welt kam, war ich 35 und mein Mann 39 Jahre alt. Drei Jahre später ist er ge- storben. Er hatte Krebs, und ich pflegte ihn bis zu seinem Tod.

Ich habe viele Menschen gepflegt, schon meine Grossmutter und meine Mutter. Und später meinen zweiten Mann. Das war keine schöne Geschichte. Ich habe ihn geliebt, aber er war nicht nett zu mir. Ich lernte ihn neun Jahre nach dem Tod meines Mannes kennen. Wir heirateten, und er nahm mich mit in die Schweiz. Dort war er plötzlich ganz anders als vorher. Er war eine schlimme Zeit, von der ich nicht viel erzählen möchte. Nicht einmal meine Kinder wissen, wie schlecht er mich behandelt hat. Selbst nachdem er einen Hirnschlag hatte und ich ihn wie ein Kleinkind umsorgen musste, war er herzlos zu mir. Und als er sich erholt hatte, ist er mit einer anderen Frau davon. Ich war 55 Jahre alt.

Was sollte ich tun? Ich hatte nichts zum Leben, und niemand wollte mich einstellen. Zurück nach Serbien wollte und konnte ich nicht. Ich hätte dort weder Arbeit noch Pension gehabt, und die medizinische Versorgung ist teuer und nicht immer die beste. Da ich an einer Nierenkrankheit leide, bin ich auf einen guten Arzt angewiesen.

Ein Nachbar erzählte mir vom Strassenmagazin Surprise, und ich dachte, das kann ich ja ausprobieren. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Dank Surprise bin
ich wieder glücklich. Meine Hefte verkaufe ich vor der grossen Migros in Uster. Zehn Tage lang arbeite ich, dann mache ich zwei Tage Pause, um daheim in Rüti zu waschen und zu putzen. Ich habe wunderbare Kundinnen und Kunden, sie sind wie eine Familie für mich. Viele nehmen sich Zeit, um mit mir zu plaudern. Kürzlich sagte eine Kundin zu mir: ‹Ich habe heute eigentlich gar keinen guten Tag, aber wenn ich dich sehe, macht mich das glücklich.› Solche Sätze tun mir gut.

Einen Verkaufstrick habe ich nicht. Ich stehe einfach ganz ruhig da und sage freundlich ‹Grüezi› oder ‹Guten Morgen›. Das mache ich bei jedem Wetter. Auch als sie die Migros umbauten, stand ich dort, trotz Lärm und Staub und Durcheinander. Einmal musste ich wegen eines Aneurysmas im Kopf operiert werden. Als ich aus dem Spital zurückkam, blieb ich drei Tage daheim, dann fuhr ich wieder nach Uster. Ich hatte meine Kundinnen und Kunden vermisst. Wenn ich nicht arbeite, habe ich ihnen allen gegenüber immer ein bisschen ein schlechtes Gewissen.

Im Januar werden sie trotzdem auf mich verzichten müssen. Ich reise nach Wien, wo mein Sohn, seine Frau und ihre drei Kinder leben. Meine älteste Enkelin, 27, hat ihren Geburtstermin im Januar, und ich will miterleben, wie mein Urenkel auf die Welt kommt. Vorher werden wir am 6. Januar alle zusammen orthodoxe Weihnachten feiern. Was mein grösster Wunsch ist? Dass bei der Geburt alles gut geht und Mutter und Kind gesund sind.»

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 415 des Surprise Strassenmagazins.