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Illustration: Sarah Weishaupt

Winterfreuden

Ein Abschied nach 10 Jahren: Hier finden Sie die letzte Episode der Surprise-Kolumne «Wörter von Pörtner». Künftig bewegt sich der Autor Stephan Pörtner für Surprise im Krimi-Genre, in dem er sich bestens auskennt.

Der Winter kommt und das freut fast niemanden. Winterzeit ist Jammerzeit. Die Frage nach dem Wohlbefinden wird mit lei- dendem Seufzer und dem Hinweis auf die Kinder beantwortet: Sie haben halt auch Mühe mit der Kälte. Diese allerdings sind quietschvergnügt, obwohl die Indoktrination schon in Kinder- büchern anfängt. Wenn der Winter kommt, werden alle traurig.

Dabei sagen die drei weisen Entenkinder Tick, Trick und Track, wie es ist: «Winter ist eine echt tolle Jahreszeit, erst wenn es knackig kalt ist, kommt man so richtig in Fahrt.» Onkel Donald aber, der Prototyp des Hipster-Erziehungsberechtigten, hasst die Kälte und will den Winter auf einer Tropeninsel verbringen, sehr zum Verdruss der Kleinen. Ich habe den Verdacht, dass es den heutigen, in die Beach Resorts der Seychellen oder Thailands verschleppten Kindern, die den Winter über den Eltern beim Herumliegen und am Handy hantieren zusehen dürfen, nicht viel besser geht. Denn wo es warm ist, hat es auch Insekten, Kreuchgetier, Gutelaunemusik und Grinsköpfe. Während eine Person, die im Skianzug am Strand sitzt und sich über die Hitze beklagt, mit wenig Mitleid rechnen darf, können all diejenigen, die winters in Turnschuhen, T-Shirts und dünnen Jacken unter- wegs sich, auf Verständnis zählen. Im Winter braucht es aber warme Schuhe, Jacke, Schal und Mütze.

Geschenkt, Sommer und Wärme sind etwas Schönes, doch nichts ist so schön wie die Wärme, in die man aus der Kälte tritt. Bei Minustemparaturen schaltet der Körper in den Überlebensmo- dus und gibt ungeahnte Energien frei. Gehen Sie an einem kalten Tag nach draussen mit dem festen Vorsatz, zwei Stunden lang keinen geheizten Raum zu betreten. Sie werden das tun, was am gesündesten überhaupt ist: zügig ausschreiten. Wenn Sie sich nicht gerade die Einkaufsmeile am Wochenende dazu aussuchen, werden Sie gut vorankommen, der Körper wird warm, die Gedanken werden klar. Wenn der Hochnebel drückt, setzen Sie sich in den Zug und fahren in die Höhe. Touristen aus aller Welt bezahlen Tausende von Franken, um das zu er- leben. Wir haben das Winterwunderland vor der Haustür. Wenn Sie den ganzen Tag am Arbeitsplatz verbringen müssen, gehen Sie zu Fuss nach Hause oder an den Bahnhof, in warmen Schuhen, die eleganten oder modischen lassen sie dort.

Kälte ist kein Grund, sich nicht zu bewegen, ganz im Gegenteil. Der Winter ist schön. Leider wird er immer kürzer und wärmer. Soll man überhaupt noch Wintersport betreiben? Gelegenhei- ten für früher noch bis in die Niederungen ausübbare, wohlfeile Aktivitäten wie Schlittschuhlaufen, Schlitteln oder Langlaufen werden rarer. Normalsterbliche, Unbeferienhauste, die eine Woche Sportferien haben, werden vielleicht einmal in zehn Jah- ren eine Zeit mit Sonne und Schnee erwischen. Der Klimawandel sorgt dafür, dass wir bald nicht mehr in die Tropen reisen müssen, weil die Tropen zu uns kommen. Geniessen Sie also den Winter, solange es ihn noch gibt.  

Mit dieser Episode, publiziert in der Ausgabe 415 des Surprise Strassenmagazins,  verabschieden wir uns von der Kolumne Wörter von Pörtner. Aber Stephan Pörtner bleibt uns als Autor erhalten und betätigt sich für Surprise als Krimi-Autor. Den neuen Fortsetzungskrimi «Agglo-Blues» finden Sie hier.