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Foto: Tobias Sutter

Verkäuferporträt
«Manchmal lache und weine ich gleichzeitig»

Sayed Tareq Islami, 35, lebt seit zwölf Jahren in der Schweiz und arbeitet im Surprise-Vertriebsbüro und im Coop in Basel. Kurz vor Weihnachten hat er den Wegweisungsentscheid erhalten.

«Ich bin als Flüchtling geboren, und ich werde für immer Flüchtling bleiben. Das habe ich gedacht, als ich kurz vor Weih- nachten den Wegweisungsentscheid erhielt. Seit zwölf Jahren lebe ich in der Schweiz. Ich beziehe keine Sozialhilfe, ich habe zwei Arbeitsstellen und viele Freunde. Meine Familie lebt hier, und meine Verlobte ist eben in meine Nähe gezogen. Aber ich muss weg, sagen die Behörden. Weshalb? Ich kann den Entscheid nicht nachvollziehen. Ich spreche gut Deutsch, ich bin gut integriert, und die Schweiz ist meine Heimat geworden.

Geboren bin ich im Iran als Kind von geflüchteten Afghanen. Als Afghane ist man im Iran Bürger zweiter Klasse. Es ist uns nicht erlaubt, ein eigenes Geschäft zu eröffnen, es ist uns nicht erlaubt, Auto zu fahren, und ich durfte nicht in die weiterführende Schule gehen. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und zog nach Afghanistan. Ich fühlte mich zum ersten Mal wie ein Mensch. Aber es herrschte Krieg, und Anschläge waren an der Tagesordnung. Ich musste in den Iran zurückkehren. Später flüchtete ich in die Schweiz. Nun soll ich zurück. Aber was soll ich dort? Im Iran bin ich nicht willkommen, in Afghanistan herrscht Krieg, und meine Mutter, mein Stiefvater, meine Brüder, meine Schwester und viele andere Verwandte leben hier in der Schweiz. Auch sie mussten flüchten. Weil sie die Sprache noch nicht so gut können, sind sie auf mich angewiesen.

Wegen der Wegweisung droht mir, dass ich meine Bewilligung verliere und damit auch meine Jobs. Seit Dezember 2013 bin ich bei Surprise tätig, wo ich in einem 50-Prozent-Pensum im Vertriebsbüro Basel arbeite: Ich gebe Hefte heraus, kümmere mich um die Verkaufenden, die Verkaufsausweise und die Verkaufsplätze. Die Arbeit gefällt mir sehr gut. Sie ist abwechslungsreich, und ich komme mit Menschen aus den verschiedensten Kulturen in Kontakt.

Zu Surprise gekommen bin ich über den Fussball. 2008 war ich als Zuschauer an einer Runde der Surprise Strassenfussball Liga dabei. Die Atmosphäre gefiel mir, und ich fragte, ob ich auch mitspielen darf. Lange war ich Captain und später auch Trainer des Basler Teams. Lavinia Besuchet, die Leiterin des Strassenfussballs, sagt oft zu mir: Du bist unser Türöffner. Ich habe viele Freunde angeworben, die nun auch dabei sind.

Seit diesem Oktober arbeite ich zudem als Verkäufer beim Coop am Basler Claraplatz. Auch dieser Job macht mir grosse Freude und ich wurde von allen herzlich aufgenommen. Meine Chefin und mein Chef sagten mir nach dem Bewerbungsgespräch, ich sei ihnen sehr sympathisch. Aufgrund meines Namens hätten sie jemanden ganz anderes erwartet. Mein Nachname Islami weckt bei vielen Schweizern Ängste. Ich würde ihn gerne ändern, ich bin überhaupt nicht religiös.

Das Schlimmste an meiner Situation ist die Unsicherheit. Ich hatte in meinem Leben noch nie festen Boden unter den Füssen, nirgendwo war ich wirklich willkommen. Hier in der Schweiz habe ich mir etwas aufgebaut, nun könnte ich alles verlieren. Das ist ein schreckliches Gefühl. Wenn ich es fast nicht aushalte, schaue ich lustige Filme. Das bringt mich auf andere Gedanken. Manchmal weine und lache ich vor dem Fernseher gleichzeitig.

Wie es nun weitergeht? Ich werde Rekurs einlegen. Ich war sehr niedergeschlagen nach dem Wegweisungsentscheid, aber die Hoffnung habe ich nicht verloren. Dafür ist das Netz an Menschen, das mich hier trägt, viel zu gross. Es ist unglaublich, wie viel Zuspruch ich in den letzten Tagen erhalten habe. Ich spüre, dass mich die Menschen hier gernhaben, dass ich dazu gehöre. Das gibt mir den Mut und die Kraft, weiterzukämpfen, damit ich irgendwann einmal kein Flüchtling mehr bin.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 416 des Surprise Strassenmagazins.