Skip to main content
Stadtführer-Porträt
«Jeder Rundgang ist eine Therapiestunde»

Hans Peter Meier, 59, ist seit Oktober 2014 als Surprise-Stadtführer im Zürcher Kreis 4 unterwegs. Dem neuen Berner Team wünscht er viel Erfolg.

«Was soll ich denn erzählen? Interessiert sich überhaupt jemand für meine Geschichte? – Das ging mir durch den Kopf, als mich Surprise 2013 anfragte, ob ich in Zürich Stadtführer werden möchte. Die Sozialen Stadtrundgänge waren ein neues Projekt, und die Vorbereitungen dauerten über ein Jahr. Am 3. Oktober 2014 ging es los. Zuerst mit einer Pressekonferenz, dann mit dem ersten Rundgang. Das Interesse war mässig. Zur gleichen Zeit fand das Zurich Film Festival statt, und die Leute gingen wohl lieber ins Kino als mit uns auf Tour. Das ist heute ganz anders: Fast jeder Stadtrundgang ist ausgebucht, und meine anfängliche Unsicherheit ist längst verflogen. Ich bin viel offener als früher und habe ein stärkeres Selbstbewusstsein. Jeder Rundgang ist für mich wie eine Therapiestunde: Ich setze mich mit meinem Leben und meiner Vergangenheit auseinander, und das tut mir gut.

Ich war früher in der IT-Branche tätig, arbeitete in der Schweiz, in Moskau und in Asien und verdiente viel Geld. Die Kehrseite der Medaille war, dass ich 24 Stunden am Tag erreichbar sein musste, sieben Tage die Woche, und Unmengen von Überstunden anhäufte. Um den Druck auszuhalten, begann ich zu trinken, immer mehr. 2003 verlor ich meine Stelle.

Ich trank weiter und hielt mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, zum Beispiel bei der Stadtreinigung. 2009 begann ich am Bellevue Surprise zu verkaufen, 2010 hörte ich mit dem Trinken auf. Ich hatte mich intensiv darauf vorbereitet und bin bis heute trocken. Eineinhalb Jahre später gab ich auch das Rauchen auf.

Ich wollte mich immer selbständig durchbringen und nicht auf Kosten anderer leben. Das ist mir möglich, auch dank den Stadtrundgängen, die wir von Anfang an zu zweit absolvierten. Wenn einer mal einen schlechten Tag hat oder krank ist, kann der andere das auffangen. Mein Kollege Ewald und ich führen die Menschen durch den Kreis 4, wo viele soziale Institutionen und Treffpunkte von Randständigen beheimatet sind. Einige von ihnen kennen wir, weil wir früher mit ihnen zu tun hatten. Bei mir ist das zum Beispiel die Sunestube von Pfarrer Sieber, eine Anlauf- und Beratungsstelle mit Kafistübli. Auch von der Bäckeranlage kann ich einiges berichten. Das Restaurant Schönau neben der Bäcki war ein Alki-Treff- punkt, und im Park hielten sich die Drogensüchtigen auf. Als ich bei der Stadtreinigung arbeitete, holte ich viele Spritzen aus den Büschen.

Auch sonst versuche ich, an jeder Station persönliche Erlebnisse einzuflechten. Wenn wir beim Kanzleischulhaus stehen, erzähle ich von der Seegfrörni im Winter 1963. Als Kind war es für mich damals wunderbar, auf dem See Schlittschuhlaufen zu gehen. Für Menschen, die auf der Strasse lebten, war die langanhaltende Kälte die Hölle. Ich weiss, wie sich das anfühlt, weil ich früher oft Bergsteigen ging und draussen biwakierte. Wenn du da nicht gut genug ausgerüstet bist, kann es schnell gefährlich werden. Nachdem die ersten Menschen erfroren waren, eröffnete Pfarrer Sieber in einem Luftschutzbunker neben dem Kanzleischulhaus die erste Notschlafstelle Zürichs.

Den meisten Menschen, die uns auf dem Rundgang begleiten, gefällt unsere Tour, und sie zeigen das auch. Schwierig ist es, wenn du eine Gruppe hast, bei der du überhaupt nicht spürst, ob das, was du sagst, ankommt. Früher hat mich das durcheinandergebracht, heute habe ich ein dickeres Fell. Am dankbarsten als Zuhörer sind Kinder und Jugendliche. In letzter Zeit bin ich häufig an Schulen, und kürzlich fragte ich die Klasse: «Wisst ihr, was ein Obdachloser ist?» Ein Kind sagte: «Das ist ein anderes Wort für Penner.» Alle lachten, und das Eis war gebrochen. Es wurde ein interessanter und lebendiger Morgen.

Meiner Kollegin und meinen Kollegen in Bern wünsche ich viel Freude und Erfolg bei ihrer neuen Aufgabe. Was ich ihnen mitgeben möchte? Ihr habt etwas zu erzählen, und die Menschen interessiert eure Geschichte. Ich spüre das bei jeder Tour.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 417 des Surprise Strassenmagazins.

Mehr über die Sozialen Stadtrundgänge