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Foto: Lucian Hunziker

Verkäuferinnen-Porträt
«2017 war ein dunkles Jahr für mich»

Rigaat Okubazghi, 39, verkauft Surprise in Birr AG. Ihr grösster Wunsch ist, dass ihre Kinder einmal sagen werden: Wir haben eine gute Mutter.

 

«Mein Mann und ich haben drei Kinder, im Alter von neun, acht und sechs. Seit Anfang 2017 haben wir die F-Bewilligung. Davor waren wir fast zehn Jahre lang mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus in der Schweiz. Der Alltag im Asylheim belastete mich sehr. Ich kriegte schwere Depressionen. Mein Leben war schon immer anstrengend, aber erst hier in der Schweiz kamen die richtig grossen Probleme. Heimweh habe ich trotzdem nicht. Das liegt daran, dass ich keine Heimat habe.

Ich stamme aus Eritrea, war aber nur dreimal dort. Denn für uns Protestanten ist es dort unmöglich, unseren Glauben zu leben. Geboren und aufgewachsen bin ich in Äthiopien, aber man hat uns als Eritreer zu spüren gegeben, dass wir nicht in unserem Land sind. Auch im Sudan und in Libyen lebte ich eine Zeit lang, aber als Fremde. Bis jetzt war ich in keinem Land willkommen. Vielleicht gibt es nach dem Tod eine Heimat für mich bei Jesus, aber auf dieser Welt nicht.

2017 war für mich ein dunkles Jahr. Ende 2016 trennte sich unsere Familie. Wie es genau dazu kam, ist eine lange Geschichte und sehr privat. Es hat mit einer anderen Frau zu tun und auch mit Gewalt. Ich weiss, dass Europa eigentlich gut für uns Frauen ist, das sagen alle. Doch ich selber habe es anders erlebt. Im Konflikt mit meinem Mann gab es kein Gleichgewicht. Er ist gut vernetzt, charmant und spricht fliessend Deutsch. Ich war psychisch krank und spreche eher wenig Deutsch. Also glaubten die Leute meinem Mann. Ich hatte keine Chance, denn in dieser Welt ist er mir überlegen. Er bekam auch die Obhut für unsere Kinder.

Die Leute reden viel. Gerade, wenn eine Mutter von ihren Kindern getrennt lebt. Sie beurteilten die Situation, ohne meine Geschichte zu kennen. Sogar meine Kinder haben mich nach der Trennung abgelehnt und den Kontakt verweigert. Mittlerweile kennen sie die Wahrheit und wir haben wieder eine gute Beziehung. Dafür danke ich Gott. Denn ich habe vor vielen Jahren bereits meinen ersten Sohn aus den Augen verloren. Als ich mit meinem Mann nach Libyen ging und von dort aus in die Schweiz, musste ich ihn bei meiner Mutter im Sudan zurücklassen. Ich habe ihn zum letzten Mal gesehen, als er fünf Jahre alt war, heute ist er 18. Wir telefonieren und schreiben uns regelmässig. Aber es ist keine Beziehung zwischen Mutter und Kind, da ist mehr Distanz. Mich nennt er bei meinem Vornamen Rigaat, ‹Mama› ist für ihn meine Mutter.

Meine jüngeren Kinder wohnen immer noch bei ihrem Vater. Ich selber lebe seit Anfang Jahr mit vier anderen Frauen zusammen in einer Wohnung. Wir schlafen jeweils zu zweit in einem Zimmer, nicht mehr zu fünft wie im Asylheim. Und ich sehe meine Kinder jeden Tag. Ich kann also sagen, dass es mir besser geht. Seit Januar 2018 verkaufe ich Surprise in Birr, vor einem Coop. Am Anfang war es für mich schwierig, auf die Strasse zu stehen, mitten unter die Leute. Ich war schüchtern und sprach mit leiser Stimme. Heute lächle ich die Passanten an und sage ‹Guten Morgen›. Das ist schön. Es tut gut, dass ich mit meiner Zeit etwas anfangen kann. Surprise hat mir Vertrauen geschenkt. Ich weiss jetzt, dass ich trotz allem die Kraft habe zu arbeiten. Es gefällt mir auch, dass ich mir die Arbeit frei einteilen kann. Ich habe keinen Stress und keinen Chef. Und mit dem Geld kann ich meinen Kindern manchmal kleine Geschenke und Süssigkeiten kaufen.

Mein Mann hat inzwischen gemerkt, dass sein Leben ohne mich anstrengend ist. Auch meine Kinder wollen, dass wir wieder als Familie zusammenleben. Aber ich habe Mühe, Vertrauen zu fassen. Wenn ich heute mit meinem Mann an einem Tisch sitze, um zu essen und zu reden, dann mache ich das für meine Kinder. Eine Entscheidung zu treffen, fällt mir schwer. Also warte ich auf Gott. Ich hoffe, dass ich bald eine richtige Arbeit finde, mit der ich meinen Lebensunterhalt selber bestreiten kann. Und mein grösster Wunsch ist es, dass meine Kinder einmal sagen werden: Wir haben eine gute Mutter.»  

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 419 des Surprise Strassenmagazins.