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Foto: Bodara GmbH, Büro für Gebrauchsgrafik

Verkäuferinnen-Porträt
«Ich bekomme so viel Liebe zurück»

Fartun Abukar Mahamed, 35, verkauft Surprise in Bauma im Zürcher Oberland. Sie ist alleinerziehende Mutter von sieben Kindern. Ihr jüngster Sohn hat Trisomie 21.

«Ich hatte eine glückliche Kindheit. Meine Eltern, meine Geschwister und ich lebten in einem Haus mit Garten in einem schönen Quartier in Mogadischu. Als ich zwölf Jahre alt war, begann in Somalia der Bürgerkrieg. Dadurch änderte sich alles.

Eines Tages drangen bewaffnete Männer in unser Haus ein. Die Erinnerung daran wird mich nie mehr loslassen. Mein Vater und mein ältester Bruder wehrten sich. Sie wurden beide getötet. Auch meine Mutter wurde erschossen. Meine anderen Geschwister und ich versteckten uns im oberen Stock unter dem Bett. Später flüchteten wir in den Wald. Zurückkehren konnten wir nicht. Ein ehemaliger Geschäftspartner meines Vaters, der wohl hinter dem Überfall stand, zog in das Haus. In Mogadischu galten keine Gesetze mehr.

Ein Onkel nahm mich und meine Geschwister auf. Später flüchtete er mit meinen Geschwistern nach Kenia. Ich blieb, weil ich mich in den Sohn seines Nachbarn verliebt hatte. Wir waren glücklich zusammen, heirateten und bekamen vier Kinder. Doch das Verhältnis mit meiner Schwiegermutter war sehr schwierig. Sie machte mich schlecht vor meinem Mann, und nach einer gewissen Zeit glaubte er ihr. Er begann mich zu schlagen, und irgendwann schickte er mich fort. Die Kinder behielt er. Ich konnte nichts tun.

Es war zu gefährlich, als Frau alleine in Somalia zu bleiben. Ich flüchtete nach Kenia und wollte von dort aus weiter nach London, wo eine meiner Schwestern mittlerweile lebte. Bei der Zwischenlandung in Zürich wurde ich wegen Unklarheiten mit meinen Papieren festgenommen. Ich blieb in der Schweiz hängen. Ich kannte niemanden hier, und jede Nacht träumte ich von meinen Kindern. Es zerriss mir fast das Herz. Meine jüngste Tochter war einen Monat alt, als ich sie verlassen musste.

Nach einer Weile lernte ich einen Mann kennen, auch er stammt aus Somalia. Wir bekamen drei Kinder. Unser jüngster Sohn hat Trisomie 21. Kurz nach seiner Geburt starb mein Ex-Mann in Somalia, und ich konnte meine vier älteren Kinder zu mir kommen lassen. Es war ein unglaubliches Gefühl, als ich sie wiedersah und in die Arme schliessen konnte. Doch das Zusammenleben mit meinem Mann in der Schweiz wurde immer schwieriger. Er konnte nicht akzeptieren, dass unser Sohn Trisomie 21 hat, und als er arbeitslos wurde, begann er, ständig Streit zu suchen und mich zu schlagen. Irgendwann war es zu viel, ich rief die Polizei. Sie nahm ihn fest.

Heute sind wir geschieden, und ich bin alleine mit meinen sieben Kindern. Gerne würde ich arbeiten, um nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig zu sein und ihnen mehr ermöglichen zu können. Während der Schulferien fragen sie mich oft: Weshalb verreisen wir eigentlich nie? Doch leider ist es fast unmöglich, in meiner Situation eine Stelle zu finden. Wenn ein Kind krank ist, kann ich es nicht einfach allein lassen, und meinen jüngsten Sohn bringe ich häufig in die Therapie. Surprise ist auch deshalb ein Glücksfall für mich. Ich kann meine Arbeitszeit selber einteilen. Meinen Stammplatz habe ich in Bauma. Die Menschen dort sind sehr nett. Sie helfen gerne und sprechen mit mir. Das tut meinem Herzen gut, egal, ob sie ein Heft kaufen oder nicht.

Ich habe viel erlebt in den 35 Jahren, in denen ich auf der Welt bin. Jetzt bin ich wieder glücklich. Vor allem dank meinen Kindern. Die Älteren machen eine Lehre oder haben eine Lehrstelle gefunden. Sie sind sehr fleissig und pflichtbewusst, genauso wie die Jüngeren. Ich liebe sie alle sehr, vor allem auch meinen Jüngsten. Ich bekomme so viel Liebe von ihm zurück. Er ist ein Geschenk Gottes.»

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 421 des Surprise Strassenmagazins.