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Foto: Ruben Hollinger

Strassenfussballer-Porträt
«Der Höhepunkt war die WM in Glasgow»

Ruedi Kälin, 59, hört nach 14 Jahren mit dem Strassenfussball auf. Er will mehr fotografieren, häufiger nach Davos fahren, sich für die Volksmusik engagieren und zusätzliche Stadtführungen machen.

«Mitte April findet in Pratteln das Auftaktturnier der Schweizer Strassenfussballmeisterschaft statt, und ich spiele zum ersten Mal seit 14 Jahren nicht mit. Der Entscheid fiel mir nicht leicht, denn ich höre ja nicht auf, weil mir der Fussball verleidet wäre. Aber ich werde bald 60 und habe noch so viele andere Pläne. 

Sport war schon immer sehr wichtig für mich. Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich bei meiner Grossmutter in Davos und spielte mit Begeisterung Eishockey. Später zog ich zu meinen Eltern nach St. Gallen, aber mit 16 war ich zurück im Bündnerland und stand im Tor der Elite-Junioren des HC Davos. Wenige Tage vor meinem 17. Geburtstag feierte ich an einem Turnier in Bern einen Shutout, kassierte also kein einziges Tor, und ein kanadisches Team wollte mich unter Vertrag nehmen. An diesem Tag nahm sich mein Vater das Leben. 

Das Eishockey rückte in den Hintergrund. Ich begann zu arbeiten, um meine Mutter und meine Schwester unterstützen zu können. Irgendwann wurde mir alles zu viel, und ich lief da- von. Ich landete auf der Strasse und vor 17 Jahren bei Surprise. Das war mein grosses Glück. Ich habe auch dank des Strassenfussballs gelernt, mit Niederlagen und Kritik umzugehen. Als ich bei Surprise begann, hatte ich meine Gefühle oft nicht unter Kontrolle, was vor allem beim Heftverkauf für Probleme sorgen konnte. Wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte, giftete ich die Kunden an oder bekam Streit mit anderen Verkäufern. Im Laufe der Jahre lernte ich, meine Emotionen in den Griff zu bekommen. Sehr geholfen dabei hat mir meine Arbeit als Surprise-Stadtführer. Seit ich das mache, habe ich viel mehr Selbstvertrauen und bin ruhiger geworden. 

Laut werde ich heute noch während den Spielen des HC Davos. HCD-Trainer Arno Del Curto und ich sind beide ähnlich explosiv, wir zappeln und schreien herum. Kürzlich, in der Viertelfinalserie gegen den EHC Biel, sagte die Frau, die im Stadion neben mir sass: «Wer ist denn der Trainer: der dort unten an der Bande oder du?» Auch beim Fussballspielen konnte ich laut werden. Ich bin ein ehrgeiziger Typ und will Erfolg haben. 2006 holte unsere Mannschaft den Meistertitel der Strassenfussballliga, die aus 18 Teams aus der ganzen Schweiz besteht. Den Erfolg konnten wir in den Jahren darauf nicht mehr wiederholen, aber wir hatten immer eine tolle Kameradschaft im Team. Sport machen ist Erholung für mich. An den Tagen nach den Turnieren verkaufte ich immer viel mehr Hefte als sonst, weil ich mich so fit fühlte. 

Der Höhepunkt meiner Strassenfussballer-Karriere war die Teilnahme am Homeless World Cup in Glasgow 2016. Jedes Jahr dürfen acht Spieler aus der Schweiz an die Strassenfussball-WM fahren. Ich stand schon einige Jahre zuvor einmal auf der Liste, sagte aber im letzten Moment ab. Ich hatte keine gültige ID mehr und fand plötzlich, ich könne doch nicht einfach für zwei Wochen die Arbeit ruhen lassen. Der Surprise- Verkauf stand immer an erster Stelle. Ich bin extrem dankbar, dass unser Coach David Möller und Lavinia Besuchet, die Leiterin des Strassenfussballs, mir 2016 nochmals eine Chance gaben. Ich war als zweiter Goalie dabei, aber steigerte mich von Tag zu Tag und durfte an mehreren Spielen zeigen, was ich kann. Ich hielt gut, und die Stimmung war fantastisch. Ich werde diese Tage nie vergessen. 

In Zukunft will ich mir noch mehr Zeit für die Surprise-Stadtführungen nehmen. Daneben möchte ich mich meinem Hobby, der Fotografie, widmen und häufiger nach Davos fahren. Seit Kurzem engagiere ich mich auch für das Magazin Schweizer Musikpost, das sich der Volksmusik widmet. An erster Stelle kommt aber weiterhin der Heftverkauf. Doch auch mit dem Fussball fühle ich mich noch verbunden. Wenn ich die Zeit finde, werde ich am 15. April das Turnier in Pratteln besuchen und mein Team FC Surprise Zürich spielen sehen. Diesmal werde ich es anfeuern, anstatt selbst auf dem Platz zu stehen. Dann wird sicher ein bisschen Wehmut aufkommen.»