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Foto: Ruben Hollinger

Verkäuferinnen-Porträt
«Wir sahen uns sieben Jahre nicht mehr»

Tirhas Gerezgiher (30) ist mit ihren beiden Buben in die Schweiz geflüchtet. Im Moment macht sie einen Deutsch-Intensivkurs und verkauft Surprise vor der Migros an der Marktgasse in Bern.

«Ich stamme aus Eritrea und bin in der Hauptstadt Asmara aufgewachsen. Mit 17 habe ich geheiratet, damit ich nicht wie mein Mann Militärdienst leisten muss. Ein Jahr nach der Heirat kam unser erster Sohn zur Welt. Eines Tages hatte mein Mann im militärischen Ausbildungscamp einen Unfall und verletzte sich am Rücken. Statt zu warten, bis er fit war, zwangen ihn seine Vorgesetzten gleich wieder zum Training. Als er sich weigerte, setzten sie ihn drei Tage lang bei über 30 Grad an die Sonne. Daraufhin flüchtete er und kam nach Asmara. Bei uns konnte er aber nicht wohnen, weil Soldaten immer wieder nach ihm suchten. Um nicht entdeckt zu werden, schlief er jede Nacht an einem anderen Ort.

Nach drei Jahren fanden sie ihn trotzdem – er war unvorsichtig geworden und hatte bei uns übernachtet. Als es an die Tür polterte, wussten wir: Jetzt ist es vorbei. Die Soldaten nahmen ihn fest, und wir sahen uns sieben Jahre nicht mehr. Unser zweiter Sohn, der ein paar Monate nach der Verhaftung zur Welt kam, lernte seinen Vater erst hier in der Schweiz kennen. 

Den Lebensunterhalt für die Kinder und mich verdiente ich mit meinem eigenen Coiffeursalon. Nach der Festnahme meines Mannes wurde mir jedoch die Arbeit in meinem Geschäft verboten. Die Regierung wollte auf diese Weise auch mich bestrafen. Über die Runden geholfen hat mir von da an meine Familie, speziell mein Bruder in Israel.

2014, nach vier Jahren Gefängnis, gelang meinem Mann die Flucht. Um sich und uns nicht in Gefahr zu bringen, flüchtete er diesmal so schnell wie möglich ins Ausland. Auf Umwegen und erst Monate später erfuhr ich davon. Ob er überlebt hatte und wo er nun war, konnte mir niemand sagen.

Das ungewisse Schicksal meines Mannes, die Schikane mit dem Arbeitsverbot und die Hautkrankheit, an der mein älterer Sohn schon längere Zeit litt, bewogen mich schliesslich dazu, Eritrea zu verlassen. Mit finanzieller Unterstützung meines Bruders reiste ich mit den Kindern in den Sudan. In der Hauptstadt Khartum erhielt mein Sohn zwar die erhoffte medizinische Hilfe, doch es zeigte sich bald, dass ich im Sudan als Frau, alleine mit zwei Kindern und dazu noch christlichen Glaubens, keine Chance auf ein normales Leben hatte. So reiste ich mit meinen fünf- und neunjährigen Söhnen durch die Sahara nach Libyen, drei Monate später, im Juni 2015, über das Mittelmeer nach Italien und von dort aus in die Schweiz. Bei der Ankunft im Empfangszentrum Kreuzlingen brach ich krank und entkräftet zusammen und musste einen Monat im Spital verbringen, während die Buben im Zentrum bei anderen eritreischen Familien blieben.

Mein Mann war ein Jahr zuvor in Schweden angekommen und hatte dort einen Asylantrag gestellt. Nach seiner Ankunft begann er mithilfe des Roten Kreuzes, nach uns zu suchen. Doch es gab Probleme mit der Schreibweise unserer Namen sowie falschen Geburtsdaten. So fanden sie uns erst 2017. Letzten August kam es hier in der Schweiz nach sieben Jahren endlich zum Wiedersehen. Mein Mann konnte uns drei Wochen lang besuchen, musste dann aber zurück nach Schweden, weil er dort in einem Integrationsprogramm ist. Wir können ihn nicht besuchen, da wir im Moment weder Reisedokumente noch die finanziellen Mittel haben. Vor allem mein älterer Sohn vermisst seinen Vater sehr, deshalb sind wir froh, dass wir mit den modernen Kommunikationsmitteln jeden Tag Kontakt zu ihm haben können.

Wie es weitergeht, wissen wir nicht. Nach bald drei Jahren in der Schweiz möchten meine Söhne und ich nicht noch einmal in einem anderen Land neu anfangen. Mein Mann lebt seit vier Jahren in Schweden und darf auch nicht einfach von heute auf morgen in die Schweiz ziehen. Wir hoffen, dass er uns spätestens nächsten Herbst wieder besucht, vorher reicht das Geld nicht.»

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 423 des Surprise Strassenmagazins.