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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Moumouni
...dreht Däumchen

Ich wusste als Kind lange nicht, wo links und rechts ist. Den Spruch von wegen links sei da, wo der Daumen rechts ist, hatte ich nie verstanden. Häh? Ich weiss noch, wie verunsichert ich war, ob das ein ernstgemeinter Ratschlag war, den ich einfach nicht zu entschlüsseln vermochte, oder ob meine Intuition stimmte, dass es wohl eher ein Witz war, den ich nicht lustig fand. Inzwischen verstehe ich den Spruch und kann links und rechts auseinanderhalten. Bis dahin musste ich mir jedoch einen Trick angewöhnen, um herauszufinden, welches nun die rechte Hand ist: Rechts konnte ich besser schnipsen. Kurz den Schnipstest gemacht und dann abgebogen!

Ich bilde mir ein, dass es ein bestimmter Typ Mensch ist, der den Spruch mit dem Daumen witzig findet. Lustigerweise habe ich das Gefühl, jetzt wieder häufiger mit genau diesem Typ in Berührung zu kommen. Heutzutage erzählt er mir jedoch nicht mehr nur verwirrende Geschichten von linken Daumen, sondern will mich davon überzeugen, dass man die Kategorien links und rechts eigentlich ganz abschaffen sollte. «Ich bin in keiner Partei, das kann ich mir gar nicht leisten: Ich – brau – che – al – le», sagte das letzte Exemplar, das ich von der Sorte traf. Er arbeitete irgendwas im Kulturbereich. «Wissen Sie, bei mir geht es um die Sache. Das kann man nicht entlang von Parteiprogrammen besprechen ...», schob er nach.

Ich kam wie damals beim Daumen-Witz nicht umhin, das Gesagte doof zu finden, und wurde prompt bestätigt: «Mir ist egal, was die Leute wählen, wissen Sie.» Dann sagte er wieder eindringlich: «Für die Arbeit in unserer Region brau – che – ich – al – le!» Es ist komisch, wenn jemand das so unbedarft zu jemandem sagt, für dessen Leben rechte Politik eine Gefahr bedeutet.

Ich stimme zu, dass die Kategorien manchmal verschwimmen. Ich habe zum Beispiel mal eine ziemlich verwirrende Podiumsdiskussion erlebt, in der ein Jung-SVPler nichts gegen Lehrerinnen mit Kopftuch hatte und ständig das Publikum enttäuschte, das sich auf einen waschechten SVPler gefreut hatte, während die Tante von den Juso in Diversitätsfragen die weniger Progressive von beiden war. Auch Thilo Sarrazin, einer der bekanntesten rechten Hetzer Deutschlands, war ja bekanntlich in der SPD. In Deutschland gab es kürzlich Furore, weil Sawsan Chebli, die ehemalige stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts und SPD-Parteimitglied, also Sozialistin, eine Rolex trug. Und plötzlich landet man in einem Strudel, in dem der Jung-SVPler als «nicht wirklich rechts» und Chebli als «nicht wirklich links» bezeichnet werden. Und wenn man sich auf diese Art lang genug im Kreis dreht, weiss man irgendwann gar nicht mehr, wo links und rechts überhaupt sein sollen. Ist dann irgendwie auch egal.

Davon abgesehen, dass andere pauschale Kategorien ähnlich wenig Sinn machen (zum Beispiel progressiv vs. konservativ usw.), benutze ich bis heute manchmal eine Eselsbrücke für die Frage, was denn nun links oder rechts ist. Da, wo es drauf ankommt. Was früher mein Schnipstest war, ist heute die Frage, ob die angestrebte Politik mir oder anderen Leuten aufgrund von Aussehen, Geschlecht, sexueller Orientierung und sozialer Klasse nach dem Leben trachtet. Und dies ist auch der Punkt, an dem ich erwarte, dass all diejenigen, die «al – le – brau – chen» und so gern neutral und unparteiisch sind, Stellung beziehen: mit dem nach unten gerichteten Daumen. Egal, ob mit dem linken oder rechten.

FATIMA MOUMOUNI 16.11.2018

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