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Foto: Bodara

Strassenverkaufende
«Ich will das nicht erleben»

Michael Hofer, 38, verkauft das Surprise Strassenmagazin in Zürich Oerlikon. Derzeit engagiert er sich gegen das Gesetz zur Überwachung von Versicherten.

«Als ich acht Jahre alt war, durfte ich mir den Bahnhof Effretikon anschauen. Der Bahnhofsvorstand führte mich herum, und ich durfte im Stellwerk sogar einige Knöpfe drücken. Ich war begeistert und wollte unbedingt Bähnler werden – oder Bahnbetriebsdisponent, wie das bei den SBB heisst. Züge faszinieren mich auch heute noch, aber mein Berufswunsch hat sich leider nicht erfüllt. Ich hatte grosse Mühe in der Schule. Weil ich in der Regelklasse nicht mitkam, besuchte ich eine Wohnschule in Freienstein im Zürcher Unterland. Anschliessend machte ich eine Anlehre in einer Gärtnerei auf Schloss Teufen. Die Arbeit gefiel mir, aber es fiel mir schwer, mich über längere Zeit zu konzentrieren, und nach einem Arbeitstag war ich jeweils total kaputt. Nach der Lehre konnte ich nicht weiterarbeiten. Ich war 19 Jahre alt und hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Da kam mir die Idee mit Surprise.

Ich hatte in Winterthur ab und zu mit einem Verkäufer gesprochen und fand, dass der Beruf noch zu mir passen könnte. Ich spreche gerne mit Menschen, mag den Verkauf und schätze es, meine Zeit frei einteilen zu können. 1999 habe ich bei Surprise begonnen, seit einigen Jahren ist mein Standplatz vor dem Neumarkt-Center in Oerlikon. Ich habe mir eine schöne Stammkundschaft aufgebaut und treffe auch ständig neue Menschen, die mir ein Heft abkaufen.

Ich habe immer wieder versucht, etwas anderes zu machen. Ich habe zum Beispiel in geschützten Werkstätten gearbeitet, aber da bin ich verblödet. Da machst du nur Tubeli-Arbeit und bekommst fast keinen Lohn. Auch in den richtigen Arbeitsmarkt wollte ich wieder einsteigen, aber leider bin ich jedes Mal gescheitert. Das waren frustrierende Momente.

Zum Glück lasse ich mich nicht unterkriegen. Ich habe immer wieder Ideen. Einmal habe ich mir ein grosses Plakat umgehängt und darauf geschrieben: «Hier könnte Ihre Werbung stehen!» Schon bald kam ein Mann auf mich zu, und seither mache ich als wandelnde Plakatsäule Werbung für seine Fahrschule. Mir gefällt’s.

Ich kann auch einmal wütend werden, wenn mir etwas nicht passt. Über Ungerechtigkeiten rege ich mich wahnsinnig auf. Deshalb bin ich auch politisch aktiv. Ich war lange Mitglied der Grünen und habe sogar für den Nationalrat kandidiert. Heute bin ich bei der SP Winterthur dabei. Im Moment kämpfe ich gegen das Gesetz über die Versicherungsdetektive, über das Ende Monat abgestimmt wird.

Es ist unglaublich, wie viel Macht das Parlament den Versicherungen und den Detektiven geben will. Wenn das Gesetz durchkommt, dann wird hierzulande überall geschnüffelt. Ich wäre direkt davon betroffen, weil ich eine IV-Rente beziehe. Natürlich finde ich es eine Sauerei, wenn einer die Versicherung betrügt, und natürlich mache ich das nicht. Aber wenn das Gesetz durchkommt, dann wird die Schweiz zum Überwachungsstaat. Und die Detektive finden doch immer etwas, wenn sie etwas finden wollen. Das hat man ja kürzlich in der «Rundschau» sehen können. Da reicht es, dass einer lacht oder den Kopf nach rechts dreht oder einmal Aprikosen pflückt, und schon wird er Betrüger genannt und verliert seine Rente.

Im Moment verteile ich so oft es geht Flyer, spreche mit Menschen, versuche aufzurütteln. Betroffen vom Gesetz sind ja nicht nur Menschen wie ich, sondern alle. Denn auch die Krankenversicherer können nach einem Ja Detektive losschicken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand will, dass man in seinem Privatleben herumschnüffelt. Das muss ein wahnsinnig unangenehmes Gefühl sein. Ich will das nicht erleben.»