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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Moumouni...
...und eine Kleinigkeit

Die Schweiz ist eine Welt für sich. So sehr, dass sie sich ständig um die eigene kleine Achse dreht. So sehr, dass sie vergisst, was für ein kleiner Furz im Universum sie ist. Sie vergisst, dass sie gar nicht der Mittelpunkt dieses Universums ist. Wenn ich mal wieder zu lang am Stück in der Schweiz war, bin ich selbst immer wieder überrascht, wie wichtig auch ich sie wieder genommen habe.

Jeder Auslandsbesuch ist ein kleiner Neil-Armstrong-Moment, in dem ich realisiere, dass es da draussen tatsächlich noch etwas anderes gibt. Etwas anderes als Käse, Geld, Berge, Schokolade und Kleinheit. Das klingt plump, aber genau das ist es auch. Die Schweiz präsentiert sich als Olma in gross: Kühe, Edelweiss, Bratwurst. Oder als Kleinkind, das nur sich selbst sieht. «Selbeeeerrr» hört man es nach infantiler Selbstbestimmung krakeelen – wie bei der letzten Abstimmung. Man möchte dem Kind erklären, warum das eigentlich nicht geht. Aber erklär mal einem Kind, dass es Entscheidungen gibt, die es nicht alleine zu treffen hat.

Bei mir hält die erfrischende Aussenperspektive, die ich mir zurückerobere, sobald ich mal wieder das Land verlassen habe, nie sonderlich lange an. Schnell wird man wieder eingesogen von der Heidischweiz, am Flughafen in Zürich zum Beispiel durch den Kuhglockensound in der «Skymetro», den überpräsenten Schweizerkreuzen, den grossen Plakaten, die irgendetwas mit Swiss Quality anpreisen.

Das letzte Mal, als ich mich aus dem Swissversum herauspellte, landete ich in Singapur. Ich war zu einem Literaturfestival eingeladen und, als ich da ankam, war ich überrascht. Singapur ist ja wie die Schweiz! Zwar stehen dort Hochhäuser statt Berge, aber das ist ja super ähnlich: kratzt beides metaphorisch an den Wolken. Während man in der Schweiz, wenn man das nötige Grossgeld hat, ein Hotel mit Bergblick bezieht, bucht man in Singapur eines mit Wolkenkratzerpanorama. Auf einem prangt sogar ein riesiges UBS-Logo.

Und man kann teuer shoppen. Eigentlich ist Singapur ein bisschen wie die Zürcher Bahnhofstrasse in gross. Und die Strassen: an Sauberkeit kaum zu übertreffen! Wie in der Schweiz. Auch die Gespräche über die beiden Länder sind ähnlich. Wie oft hörte ich mich selbst von eben diesen sauberen Strassen erzählen und davon, wie teuer es ist, bis ich nicht mehr wusste, von welchem der beiden Länder ich gerade redete.

Und dann das Selbstverständnis darüber, wie gut alles funktioniert im Gegensatz zu den Nachbarländern. Das Narrativ, es gebe keine armen Menschen (zu dessen Aufrechterhaltung Obdachlose und Randständige aus dem Stadtbild verdrängt werden). Und wie wichtig die Grenzen sind! Singapur ist ein Steuerparadies, hat keine Rohstoffvorkommen und ist eines der reichsten Länder weltweit. Kommt mir bekannt vor. Und dann ist da noch die Überwachung. Die ist in Singapur schon ein bisschen krasser. Aber zumindest wurde dort nicht auch noch darüber abgestimmt, wer wie sehr überwacht werden darf.

Vielleicht ist es auch einfach nur unpräzise, die Kleinheit der beiden Länder so in den Mittelpunkt zu stellen und damit irgendetwas aussagen zu wollen. Sie sind schliesslich so klein, dass man etwas genauer hinschauen muss, um irgendetwas zu erkennen.