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Strassenverkaufende
«Der beste Job der Welt»

Seynab Ali, 47, verkauft Surprise in Winterthur, Effretikon und Zürich. Daneben betreut sie ihre Kinder, wobei

ihr «Schweizer Mami» (rechts) sie tatkräftig unterstützt.

«Seit etwa dreizehn Jahren verkaufe ich Surprise, und ich bin sehr, sehr dankbar für die vielen Menschen, die ich bei dieser Arbeit kennengelernt habe und die mich immer wieder unterstützen. Ohne Surprise hätte ich diese Leute nicht in meinem Leben, deshalb ist es für mich der beste Job der Welt. Ich würde gerne mehr arbeiten und mehr verdienen, zum Beispiel in der Kinderbetreuung oder in der Altenpflege. Dann würde ich es ohne Sozialhilfe schaffen. Ich habe in Somalia bereits in einem Waisenhaus und in einem Spital gearbeitet, neben meiner Haupttätigkeit als Journalistin. Aber diese Berufserfahrung und meine Diplome bringen mir in der Schweiz nichts.

Neben Somalisch spreche ich sehr gut Italienisch und Arabisch. Deutsch habe ich hier auf der Strasse gelernt, Unterricht hatte ich kaum. Als alleinerziehende Mutter von sechs Kindern ist das für mich sehr schwierig zu organisieren. Meine Jüngste ist 11, sie ist geistig behindert. Sie spricht nicht, geht auf eine Sonderschule und braucht mehrere Therapien. Obwohl sie in der Schweiz geboren ist, bekommt sie keine IV, das macht es nicht einfach. Ich weiss nicht, wie ich es ohne mein ‹Schweizer Mami› und meinen ‹Schweizer Papi› schaffen würde. Die beiden unterstützen mich bei der Familienarbeit, vor allem mit meiner Tochter. Sie sind wie Grosseltern für sie und meine anderen Kinder.

Ich bin nicht aus wirtschaftlichen Gründen aus Somalia hierhergekommen, sondern weil dort Krieg herrscht. 1993 wurde ich bei einem Bombardement der US-Luftwaffe verletzt, meine versteifte linke Hand ist mir davon geblieben. Danach entschieden wir uns, mit unseren damals vier Kindern das Land zu verlassen. Wir reisten via Libyen über das Meer nach Italien, wo mein fünftes Kind zur Welt kam. Weil wir dort kein Asyl bekamen, reisten wir weiter in die Schweiz. Mein Mann hielt das eingeschränkte Leben mit Aufenthaltsstatus F nicht aus: keine Arbeit, keine Bewegungsfreiheit. Wir liessen uns scheiden, er lebt heute irgendwo in Europa. Wo genau, weiss ich nicht.

Die Lage in Somalia ist immer noch schrecklich. Letzten Dezember wurde meine Mutter bei einem Anschlag verletzt. Sie sass in einem Bus und war unterwegs in das Dorf ihres Bruders, als die Bombe hochging. Zwei Tage später amputierte man ihr den linken Arm. Der Arzt, der sie operierte, ist mittlerweile auch einem Anschlag zum Opfer gefallen. Drei Monate war meine Mutter im Spital. Jedes Jahr spricht die UNO Millionenbeträge für Somalia, aber die Menschen müssen das Spital selbst bezahlen. Das Geld landet am falschen Ort, Korruption ist ein grosses Problem.

Meine Mutter hat niemanden dort, meine Geschwister sind im Ausland. Für mich war es sehr schwierig, dass ich nicht bei ihr sein konnte. Irgendwann sagte mein 18-jähriger Sohn Yusuf, er wolle dem nicht länger zuschauen. Er brach seine Lehre ab, um sich in Mogadischu um seine Grossmutter zu kümmern.

Mein Sohn Ismail, 22, hat endlich eine Lehrstelle gefunden, in Basel. Er wird unter der Woche dort sein, und ich hoffe sehr, dass er jemanden findet, der ihn beim Lernen unterstützt. Der älteste Sohn, Hasan, hat gerade seine Lehre zum Werkhofmechaniker abgeschlossen und kann mit einer Festanstellung im Betrieb bleiben. Mein Ziel ist es, dass wir ohne Sozialhilfe leben können, jetzt wo er einen richtigen Lohn hat.

Vor ein paar Wochen habe ich das Bürgerrecht von Illnau-Effretikon erhalten, wo ich seit Jahren lebe. Ich bin hier wirklich zuhause, gehe als Zuhörerin an die Sitzungen des Stadtparlaments, mache beim Markt mit und beim Stadtfest. Dieser erste Schritt zur Einbürgerung freut mich deshalb sehr. Auch dafür möchte ich Danke sagen.»