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«Mein Lebensprinzip ist die Freude»

Nicolas François André Gabriel, 55, verkauft Surprise an der Uraniastrasse in Zürich. Er diskutiert mit den Menschen gern über Kunst.

«Wenn die Schwalben über die Dächer ziehen,
Wenn sie der Liebe nicht mehr entfliehen,
Dann werde ich wieder an dich denken ...
Das ist die Zeitenwende, dann ist der Frost zu Ende ...»

«Das ist einer der Liedertexte, die ich geschrieben habe. Manche würden mich einen Romantiker nennen. Besonders an kalten Tagen ist das Liedersingen eine gute Ablenkung. Die selbstgeschriebenen Liedertexte sind meistens Reime, wie in den alten französischen Chansons. Oft gibt es auch Übersetzungen in meinen Liedern, entweder vom Deutschen ins Französische oder umgekehrt. Hier schlägt sich wohl meine zweisprachige Kindheit nieder.

Geboren bin ich in Strassburg und aufgewachsen in Bonn. Im Alter von zehn Jahren kam ich mit meiner Familie in die Schweiz. Mein Vater war Mathematikprofessor und hat an verschiedenen Universitäten gelehrt. Ich selbst studierte an der Universität Zürich Jura. Danach habe ich kurze Zeit bei einem Professor als Assistent und später bei Versicherungen gearbeitet. Nach dem Studium wurde mir meine Angstneurose vermehrt zum Problem, und so musste ich diese Stellen aufgeben. Ich begann ein zweites Studium, Kunstgeschichte. Die künstlerische Ader habe ich von meiner Mutter geerbt. Obwohl ich viel schreibe, male und gerne über Kunst diskutierte, brach ich das Studium ab. Es war wohl eine Sinnfrage, die mich dazu bewogen hat: Darf man ein Zweitstudium einfach nur so aus Spass absolvieren? Ich begann, mit geistig Behinderten zu arbeiten. Von diesen Menschen kann man viel lernen. So haben die meisten keine Angst vor sozialen Kontakten und Nähe.

Ich wiederum fand soziale Kontakte nicht immer ganz einfach. Im Alter von dreizehn Jahren wollte ich mir deswegen das erste Mal das Leben nehmen. Ich wurde in der Schule gehänselt, hatte keine Freunde. Einmal stellten mich meine Mitschüler und Mitschülerinnen mitsamt Kleidern unter die Dusche. Das war nur eine von vielen Demütigungen. Mit den Lehrern hatte ich es zum Glück besser. Vielleicht gebe ich deshalb auch gerne Deutschunterricht. Das Lehrersein scheint tief in unserer Familie zu stecken. Jedoch habe ich im Vergleich zu meinem Vater, der sich so richtig auf ein Thema konzentrieren kann, sehr unterschiedliche Interessen. Er würde das wahrscheinlich ‹verzettelt› nennen.

Ich hingegen wollte mich schon immer auf verschiedene Äste wagen und unterschiedliche Berufe und Berufungen ausprobieren. Neben meiner Arbeit mit ‹Nichtbehinderten› habe ich lange in einem Hotel gearbeitet und als Privatlehrer Deutschstunden gegeben. Deutsch ist eine faszinierende Sprache. Sie ist wie ein Baukasten. Man kann fast nach Belieben Wörter zusammensetzen. Das ist beim Französischen nicht möglich.

Der Heftverkauf ist eine Konstante in meinem Leben. Als ich aus der Wohnung meiner Frau in Biel nach Zürich zog, brauchte ich eine schnelle, unbürokratische Arbeit. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre beim RAV gemeldet. Nun arbeite ich seit über fünfzehn Jahren bei Surprise. Nebenbei engagiere mich als Freiwilligenhelfer im Pflegezentrum Entlisberg. Diese Arbeiten sind zwar körperlich anstrengend, aber sie geben mir viel zurück. Die alten Leute brachten mir beispielsweise neue Volkslieder bei, die ich nun beim Surprise-Verkauf leise vor mich hinsinge. Mit einigen meiner Kunden und Kundinnen kann ich über Literatur und Kunst diskutieren. So kombiniere ich beim Verkaufen mehrere meiner Leidenschaften. Mein grösstes Lebensprinzip ist Freude, und wenn man mich nett fragt, dann trage ich sogar ein selbstgeschriebenes Ständchen über ‹Freude› vor:

«Wenn ich eines Tages die Liebe erfunden habe, Dann ist es, um dir Freude zu bereiten!
Und wenn die Liebe eines Tages nicht mehr existiert, Dann haben wir gelebt ...
Moi, si un jour j’ai inventé l’amour, c’est pour te faire plaisir!
Et si un jour, l’amour n’exist’ra plus, Au moins, on aura vécu ...»