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Urs Saurer im Spiegel (Fotos: Royal Film).

Kinofilm «Im Spiegel»
Schnitt für Schnitt

Der Schweizer Dokumentarfilm «Im Spiegel» zeigt Geschichten von Obdachlosen. Und auch immer wieder die Hände von Anna Tschannen: Die Baslerin schneidet Wohnungslosen seit über zehn Jahren die Haare.

«Uaah, ein Engel!», sagt Anna Tschannen und verzieht das Gesicht zur Grimasse. Die Baslerin ist Mitinitiantin des Films «Im Spiegel». Während achtzig Minuten vermittelt der Dokumentarfilm von Regisseur Matthias Affolter die Perspektiven und Lebensgeschichten von Obdachlosen in Basel. Es ist ein ruhiger, poetischer Film, in dem vor allem die Protagonistinnen und Protagonisten selbst erzählen. Meist verfolgt sie eine Kamera, filmt von hinten über die Schultern – bei Spaziergängen am Rheinufer oder beim Vorbereiten des Schlafplatzes in einer Einbuchtung der Stadtmauer etwa. Frontal sieht man die Porträtierten, darunter den Surprise-Verkäufer Urs Saurer und die Surprise-Stadtführerin Lilian Senn, meist durch den Spiegel. 

Richtig lange vor einem Spiegel sitzt man beim Coiffeur, das wusste schon Mani Matter. Die Szenen beim Haare schneiden sind Ausgangspunkt und Zentrum des Films. Anna ist die Coiffeuse. Seit über zehn Jahren schneidet sie Obdachlosen und Armutsbetroffenen die Haare. Weshalb sie das tut, erfahren wir nicht. Sie ist oft im Bild, manchmal nur als Schemen, manchmal sieht man nur ihre Hände bei der Arbeit. Die Anna aus dem Film strahlt etwas Mysteriöses aus. Wohl deshalb nannten sie an der Premiere letztes Jahr an den Solothurner Filmtagen manche Zuschauer einen Engel. «Uaah, ein Engel» – Anna will eben weder als Helfende noch als Übersinnliche in Erinnerung bleiben. Sie will den Menschen, denen sie die Haare schneidet, auf Augenhöhe begegnen.

Im Film spricht sie meist dann, wenn sie eine Frage stellt. Sie stellt viele Fragen – aber es sind Fragen aus komplett unterschiedlichen Kategorien. Die einen Fragen sind jene einer Dienstleisterin: Wie soll die Frisur denn werden? Kurz, lang – wie sollen die Haare fallen? Die anderen Fragen sind jene der Coiffeuse als Vertraute. Es ist ein Klischee, dass in Coiffeursalons viel geredet und getratscht wird. Die eigene Qualität dieser Coiffeurgespräche entsteht wohl aus der Zwittersituation zwischen Nähe und Distanz. Jemand berührt die eigenen Haare, schneidet sie ab. Das bedingt Vertrauen, schafft Vertrautheit. Gleichzeitig trifft man seine Coiffeuse oder seinen Coiffeur nur während dieser Momente vor dem Spiegel.

Haare schneiden in der Kirche

Aber Anna stellt keine stereotypen Coiffeurfragen. Es ist spürbar, dass sie nicht auf Zeitvertreib sinnt, sondern nur fragt, was sie wirklich wissen will. Dass sie die Geschichte jener, durch deren Haare ihre Hände in diesen Momenten fahren, wirklich hören will. Was treibt Anna um? Weshalb schneidet sie seit über einem Jahrzehnt Obdachlosen die Haare? Aus ihrem Mund klingt es, als hätte es sich einfach so ergeben: Sie habe einmal dem Leiter die Heroinabgabestelle die Haare geschnitten, ihm währenddessen diese Idee vorgeschlagen. Und dann einfach damit begonnen. Schon immer habe sie schnell bemerkt, wenn jemand nicht bloss über die Strasse geht, sondern auf der Strasse lebt. Wer keine Wohnung habe, sei meist ein feinfühliger und eigensinniger Mensch, sagt Anna. Diesen Eigensinn, den bewundere sie. Aber Schutzlosigkeit sei der Preis dafür. Kein Schutz gegenüber der Witterung; kein Schutz aber auch im übertragenen Sinn: Wo gehört man hin? Sie sehe da auch eine Verbindung zu sich selbst. Am Anfang ihrer Fragen stand nämlich eine Erfahrung, die ihr selbst den Boden unter den Füssen weggezogen hat: der unerwartet frühe Tod ihrer Mutter. 

Wo lebst du? Wovon lebst du? Was arbeitest du sonst? Anna stellt nicht nur im Film viele Fragen. Wo lebt denn, wovon lebt denn, was arbeitet sie denn sonst? Anna lebt mit ihrer Familie im Basler St. Johann. Was sie sonst tut, erfordert viele Worte: Sie wirkt mit bei Tanzprojekten, ist Maskenbildnerin, gibt Theaterkurse für geistig Behinderte und arbeitet eben als Coiffeuse. Jeden zweiten Dienstag schneidet sie Armutsbetroffenen im Rahmen der Lebensmittelhilfe von «Tischlein Deck Dich» die Haare, an jedem anderen Dienstag weiteren Obdachlosen. Im Rahmen von «Tischlein Deck Dich» arbeitet sie in der Offenen Kirche Elisabethen, wo sie ihren mobilen Coiffeursalon auch jeden Freitag für zahlende Kundschaft öffnet. Direkt unter die monumentalen Buntglasfenster platziert sie ihren Spiegel. Und das Plakat mit dem Text von Mani Matters «Bim Coiffeur».

Gefüllt mit den Geschichten anderer Menschen

Die Coiffeursituation, die Haare und ihre Symbolik. Anna interessiert das. «Haare wachsen einfach weiter. Sie hören nie auf», sagt sie. Alles fliesst: ein Symbol für die Welt. Vor Kurzem habe sie am Bahnhof jemanden mit langen Rastas angesprochen, gefragt, ob sie ihm die Haare schneiden dürfe. «Er antwortete: ‹Nein, sie sind das Einzige, was man mir gelassen hat.›» Das fasziniert Anna. Sie will am Thema dranbleiben, die Sache mit den Haaren weiterentwickeln.

Auch Obdachlosen will sie weiterhin die Haare schneiden. Obwohl, momentan, da sei sie etwas gefüllt mit den Geschichten anderer Menschen. «Es macht etwas mit dir, wenn dir Leute ihre Abgründe erzählen.» Die seien dann bei dir, bleiben bei dir. Sie muss lachen, als sie sich daran erinnert, wie ein Pärchen, ehemalige Kundschaft, jeweils bei ihr die Konflikte mit der jeweils anderen Person ausgebreitet hat. Nun ist sie also manchmal eine stille Coiffeuse und erarbeitet wortlos die Frisuren ihrer zahlenden und nicht zahlenden Kundschaft. 

Anna sagt, manchmal sei es anstrengend, nun wegen des Kinofilms in der Öffentlichkeit zu stehen. Aber vielleicht hilft ihr der Film ja dabei, manche der gesammelten Geschichten wieder loszulassen. Jene Geschichten, die auf der Leinwand erzählt werden: Urs Saurers Auswanderungspläne, die Liebesgeschichte von Lilian Senn. Wie man eine traumatische Kindheit nicht verdrängt, sondern verarbeitet. Wie man obdachlos und gleichzeitig ein kümmernder Vater sein kann. Und wie man auf Basel blickt, wenn man auf der Strasse oder in der Notschlafstelle lebt. «Ich bin nicht angetreten, um einen Dokfilm zu machen», sagte Anna ganz am Anfang des Gesprächs. «Mir ging es darum, dass sie ihre Perspektive erzählen können. Der Film hat sich dann als das beste Mittel dafür abgezeichnet.» 


Matthias Affolter: «Im Spiegel», CH 2019, 82 Min. Läuft ab 14. Januar im Kino.

Vorstellungen in Anwesenheit von Mitwirkenden und Filmcrew: Di, 14. Jan., 19.45 Uhr, Stattkino Luzern; Mi, 15. Jan., 18.30 Uhr, Riffraff Zürich; Sa, 18. Januar, 18.30 Uhr, Cinématte Bern; So, 19. Jan., 11.30 Uhr, Atelier Basel.