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Foto: Klaus Petrus.

Strassenverkaufende
«Meine Tochter fand ich auf der Strasse»

Leyla Osman, 34, ist aus Somalia vor Krieg und Terror geflohen. In Brugg verkauft sie Surprise – und ist froh, dass ihre Familie seit kurzem endlich bei ihr ist.

«Seit eineinhalb Jahren verkaufe ich in Brugg das Strassenmagazin. Die Leute, die bei mir kaufen, unterhalten sich manchmal etwas länger mit mir und wollen wissen, wie es mir geht. Wenn sie mich mal zwei Wochen lang nicht sehen, fragen sie, ob ich krank war. Seit sechs Monaten kann ich Surprise aber nicht mehr regelmässig verkaufen, denn mein Mann und meine acht Kinder aus Somalia sind jetzt bei mir in der Schweiz.

Ich lebe seit dreieinhalb Jahren hier. Ich bin alleine übers Mittelmeer nach Europa gekommen. In der Schweiz war ich zunächst oft im Spital. Auf der Flucht hatte ich kaum etwas zu essen, deshalb musste ich mich häufig übergeben und hatte gesundheitliche Probleme. In Somalia konnte ich nicht mehr bleiben, denn dort, wo ich herkomme, herrscht die Terrormiliz Al-Shabab. Ich habe in meinem Dorf viel gesehen: Sie haben zum Beispiel eine Frau geköpft, ihr Kopf lag auf der einen Seite der Strasse, ihr Körper auf der anderen.

Mein ältester Sohn ist jetzt sechzehn Jahre alt, meine älteste Tochter ist vierzehn. Sie habe ich als Baby auf der Strasse gefunden. Ich habe sie mitgenommen und gestillt. Niemand wusste, zu welcher Familie sie gehört. Also haben mein Mann und ich uns als Eltern eintragen lassen. Ich bin froh, dass meine Kinder und mein Mann jetzt bei mir in der Schweiz sind. Denn Al-Shabab kam immer wieder zu ihnen nach Hause, als ich schon in der Schweiz war. Das war bedrohlich. Schliesslich sind sie geflohen, zuerst nach Kenia, dann durften sie zu mir nach Brugg kommen. Damit sie einreisen konnten, musste eine Abstammungsuntersuchung gemacht werden. Aber auch meine nichtleibliche Tochter durfte in die Schweiz kommen, ich habe den Behörden alles erklärt.

Für die Untersuchung muss ich nun 3000 Franken bezahlen, jeden Monat 150. Das ist viel Geld, vor allem, weil ich nun viele Kinder zu versorgen habe. Alle acht Kinder brauchen Kleidung, Essen und so weiter. Ich bekomme Sozialhilfe und verkaufe Surprise, wenn es geht. Aber immer wieder ist eines der Kinder krank. Sie begreifen noch nicht, dass es in der Schweiz so kalt ist, aus Somalia kennen sie ja nur die Hitze. Auch in der Schule gibt es immer wieder Schwierigkeiten. Meine Kinder müssen noch Deutsch lernen und haben immer wieder Probleme mit Mitschülern.

Bevor meine Familie kam, hatte ich genug Geld. Ich konnte mal ein Billett für den Zug kaufen, für Shampoo, Creme und so weiter. Aber jetzt ist es schwierig. Mein Mann kann hier noch nicht arbeiten. Er lernt gerade die Sprache und hat ausserdem eine schwere Verletzung am Bein, die durch eine Bombe in Somalia verursacht wurde. Er kann vor Schmerzen kaum schlafen und auch nicht viel laufen. In Somalia hat er in einer Autogarage gearbeitet. Als ich noch in Somalia war, hatte ich von 5 Uhr morgens bis 23 Uhr abends in einem Restaurant gearbeitet und dort auch gekocht.

Die ersten zwei Jahre in der Schweiz habe ich in Kaiseraugst gelebt. Dort habe ich einmal für viele Menschen gekocht. Alle haben sich darüber gefreut, und es hat mir viel Spass gemacht. Ich koche zum Beispiel Sambusas, das sind gefüllte Teigtaschen. So eine Arbeit würde mir gefallen. Aber jetzt müssen erst einmal meine Kinder Deutsch lernen und das Leben in der Schweiz verstehen.

Ich bin sehr froh über die Hilfe, die wir hier bekommen. Mir haben die Ärzte am Anfang im Spital sehr geholfen, jetzt bekomme ich in einer Kirche regelmässig Hilfe mit Dokumenten, die ich nicht gut verstehe, und ich kann dort auch mit anderen zusammen Deutsch lernen. Auch eine Schweizer Freundin habe ich, sie heisst Cecilia. Ich kenne sie noch aus Kaiseraugst aus einer Kirche. Sie hat mir und vielen anderen Ausländern schon oft geholfen.»