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Tour de Suisse
Pörtner in Ettingen

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Es ist still in Ettingen. Ausgestorben fast. Das gelbe Tram, das von Basel hier hinausfährt, leert sich zusehends. Spätestens an der Haltestelle «Hüslimatt, Park and Ride» steigen die Leute aus. Schöner Name, urschweizerisch-gemütlich, kombiniert mit Nicht-mehr-somodern-Englisch. Die Park-and-Ride-Idee hat sich nie richtig durchgesetzt. Wo sollte sie funktionieren, wenn nicht hier, wo man nach der Arbeit matt in sein Hüsli zurückkehrt?

So still ist es, dass man sich ins Märchen von Dornröschen versetzt fühlt. Fährt nicht das Zehnertram geradewegs nach Dornach, wo sich die Geschichte zugetragen haben könnte? Das würde den Ortsnamen erklären. Möglich ist auch, dass in Ettingen Staatsoder zumindest Gemeindetrauer herrscht, denn die Schweizerfahne am Strassenrand weht auf Halbmast. Wahrscheinlicher ist, dass diese nach und nach den Fahnenmast hinabgerutscht ist und niemand die Zeit fand, sie wieder hochzuziehen.

Sogar die Autos auf der Hauptstrasse scheinen stiller als sonst wo vorbeizufahren. Die meisten Fahrten sind gewerblicher Natur, die Fahrzeuge mit Firmenlogos gekennzeichnet. Gleich drei Kleinlastwagen verschiedener Gartenbaufirmen fahren hintereinander. Es ist eine Hüsligegend – und wo es Hüsli gibt, gibt es Gärten. Von der Kirche aus überblickt man eine wahres Hüslimeer, aus der ein einziges Hochhaus ragt. Selbst in der lokalen Pizzeria ist es still. Nur wenige Tische sind besetzt, die wenigen Gäste reden nicht viel. Auf dem Fenstersims steht eine dieser überdimensionierten Pfeffermühlen, die beim Aufkommen der Pizzerien zur Standardausrüstung gehörten. Sie waren so gross, damit sie nicht gestohlen wurden, denn damals waren Pfeffermühlen selten und teuer.

Nach dem Mittag tauchen in den Strassen Ettingens doch noch Menschen auf, eine ganze Wandergruppe gar, sie sind unterwegs zum nahegelegenen Pilgerort Mariastein. Der Wanderwegführer gibt an, dass hier die Route 32, die Via Surprise, vorbeiführt. Tatsächlich herrscht Wanderwetter, noch aber ist es kühl. Trotz der kalten Jahreszeit sind viele Leute mit dem Velo unterwegs. Deshalb erinnert die Gemeindepolizei daran, im Interesse der allgemeinen Sicherheit die Velos gut zu warten, insbesondere Licht und Bremsen in Ordnung zu halten, die Kette regelmässig zu fetten (müsste die nicht geölt werden?) und reflektierende Kleidung zu tragen. Das Velogeschäft, das solches erledigt, ist leicht zu finden, wie auch zahlreiche weitere mittelständische Unternehmen, das lokale Gewerbe wirkt robust. Es gibt ein Wullelädeli und einen der selten gewordenen Zigarettenautomaten.

Nicht gesichert ist hingegen die Nachfolge der Buchhandlung. Eine Spendenaktion soll verhindern, dass der Laden geschlossen wird. Allerdings läuft es eher harzig, das angestrebte Ziel ist in weiter Ferne. Es wäre wirklich schade, würde dieses Geschäft verschwinden, nicht nur wegen der Bücher, die es zur Not auch woanders zu kaufen gibt. Wer aber würde dann noch die Postkarte dieses stillen Dorfes anbieten?