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In der Türkei arbeitete Adil in einem Restaurant mit einem Hinterzimmer, da warteten alte Männer auf ihn. Erst später erzählte er dem Roten Kreuz, was sie mit ihm angestellt hatten.

Migration
Sein langer Weg

Seit die Balkanroute sich von Serbien und Ungarn nach Westen verschoben hat, wird Bosnien zur Anlaufstelle der Migranten. Dort versuchen Tausende über die Grenze nach Kroatien zu gelangen. Der 17-jährige Adil ist einer von ihnen.

Es gibt Orte, die kommen einem geheimnisvoll und gespenstisch vor, obwohl sie schäbig sind. Andere sind einfach nur zum Davonlaufen. Die verfallene Automobilfabrik zehn Kilometer östlich von Velika Kladuša an der bosnisch-kroatischen Grenze ist so ein Ort: düster und trist und kahl und kalt, hier ist Winter zu jeder Jahreszeit.

Adil*, 17 Jahre, mit schwarzer Kapuzenjacke, Mütze, Trainerhose und zu grossen Schuhen, die Kopfhörer ständig im Ohr, habe ich zufällig getroffen, vor ein paar Tagen am Busbahnhof von Velika Kladuša. Jetzt gehen wir durch das Fabrikareal, Adil erzählt mir seine Geschichte und neckt dabei einen Strassenhund, der angeblich Velika heisst oder Kladuša oder Bira oder Vu?jak, alles Namen von Städten, Dörfern oder Camps im Nordwesten Bosniens, in denen die knapp hundert Migranten waren, bevor sie hierherkamen, in diese Fabrik so gross wie ein Fussballfeld. Hier gibt es kein fliessend Wasser, keinen Strom, keine Toiletten. Die Fensterscheiben sind zerschlagen, die Türen aufgebrochen. Dafür überall Autoreifen, zu Haufen getürmt, eine grosse Lache mit Plastikflaschen und Hundescheisse, rund- herum Decken, Matratzen, Müll, Zelte und hier ein Feuer und dort eines, wo sich die Migranten – junge Männer aus Nordafrika – aufwärmen, wo sie kochen, schwatzen, dösen und warten.

Eigentlich wollte Adil, der Berber aus Algerien, längst in Frankreich sein. In Marseille zum Beispiel oder in Nizza. Im Frühjahr 2018 fasste sein grosser Bruder Nadim den Entschluss, das Land zu verlassen, und Adil, gerade fünfzehn geworden, sollte mit. Stell dir vor, habe sein Bruder zu ihm gesagt: Nie wieder Schule, weg vom Vater, dem Säufer und Schläger, fort aus diesem Land, das uns Berber schikaniert und wo nur noch die Araber das Sagen haben! Oder willst du, habe Nadim ihn gefragt, die nächsten dreissig Jahre schuften, bis dir die Birne abfällt – und trotzdem hungern?

Adil schüttelte wohl energisch den Kopf, und Nadim fuhr in die Provinz Tizi Ouzou. Dort wollte er sich für 5000 Euro zwei Visa erkaufen. Gereicht hatte es nur für eines: seines. Tage später schrieb Nadim, dessen Gesicht noch immer auf dem Display von Adils Handy grinst, eine Nachricht aus Paris: «Schicke dir Geld, flieg nach Istanbul, da triffst du Freunde.» Und der kleine Bruder flog mit dem Onkel in die Türkei und traf Nadims Freunde, selber alles Migranten. Er arbeitete einige Wochen in einem Restaurant, dort hatte es ein Hinterzimmer, wo alte Männer auf Adil warteten. Da war sein Onkel schon wieder weg, und Adil allein. Erst später, in Montenegro, wird der Junge einer Frau vom Roten Kreuz erzählen, was diese Männer mit ihm angestellt haben – und dass er sich bis heute dafür schämt.

Das geschah im Sommer 2018, als viele tausend Geflüchtete in der Türkei wie vor einer Wand standen. Die alte Balkanroute über Griechenland, Mazedonien und Serbien nach Ungarn und von dort nach Deutschland war seit März 2016 offiziell abgeriegelt. Ein halbes Jahr davor, im September 2015, sprach die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel die Worte: «Wir schaffen das.» Derweil machte der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán Propaganda gegen Migranten und liess an der Grenze zu Serbien einen Zaun errichten, 175 Kilometer lang und drei Meter hoch. Von da an war hier kein Durchkommen mehr.

Wie weiter?, das fragte sich auch Adil. Die Nachrichten seines Bruders wurden weniger, oft meldete er sich tagelang nicht. Geht es ihm gut? Hat Nadim, sein Bruder, ihn vergessen? Adil schloss sich einer Gruppe Marokkaner an, auch sie Berber. Gemeinsam fuhren sie im Bus von Istanbul in Richtung Bulgarien, überquerten auf einem Floss den Grenzfluss Evros, machten sich zu Fuss auf den Weg nach Skopje, von dort nach Shkodra in die albanischen Berge und weiter durch Montenegro bis in den Nordwesten Bosniens an die kroatische Grenze, nach Velika Kladuša in ein provisorisches Zeltlager mit hunderten Migranten, darunter Familien mit Kindern.

1500 Kilometer in drei Monaten, und sozusagen am Ziel. Kneift man am nördlichen Stadtrand von Velika Kladuša die Augen zu, kann man in der Ferne ein grosses EU-Schild sehen und dahinter den bosnisch-kroatischen Grenzübergang, wo Autos und Camions durchgewinkt werden, 24 Stunden am Tag.

Ein Kinderspiel, dachte sich Adil damals, im Oktober 2018. Wie viele andere sollte er sich täuschen. Schon patrouillierten 6000 kroatische Polizisten der Grenze entlang. Und der Winter kam früh in jenem Jahr, das provisorische Flüchtlingslager bei Velika Kladuša versank im Dreck, die Migranten klagten über Krätze und Durchfall, der internationale Druck auf die EU und die bosnische Regierung wuchs. Bis das Camp aufgelöst wurde und man die Geflüchteten, darunter auch Adil, nach Biha? brachte, neben Velika Kladuša die zweite grosse Stadt an der bosnisch-kroatischen Grenze. Dort hatte die Internationale Organisation für Migration (IOM), quasi über Nacht und mit EU-Geldern, Lager für 2000 Geflüchtete eingerichtet. Adil bekam frische Kleider, zu essen, er wurde medizinisch versorgt, und doch: Die Angst, in diesem Camp eingesperrt zu sein, nicht mehr weiterzukommen, seinen Bruder nie wieder zu sehen, die Angst auch, versagt zu haben, sie trieb ihn fort.

In den kommenden Monaten – von November 2018 bis heute, um genau zu sein – war der junge Adil ständig unterwegs, allein oder in Gruppen, er versteckte sich im Unterholz, er lebte in verfallenen Gebäuden, er fror, rauchte Drogen, war mal krank, mal heiter, er hörte auf zu fragen – was seine Freunde zuhause so tun, wie es seinem Bruder ergeht, dem Vater, nach dem er sich plötzlich wieder sehnte –, er fuhr mit dem Bus oder marschierte tagelang auf Feldwegen: von Velika Kladuša nach Biha?, von Biha? nach Bužim, Šturli?, Klju?, Tuzla und wieder zurück, alles Städte und Dörfer im Nordwesten Bosniens, nur wenige Kilometer voneinander entfernt, aber immer in der Nähe zur Grenze, falls es klappen sollte.

Warten, bis die Spuren verwischt sind

Doch es klappte nie. Unzählige Male versuchte Adil, unbemerkt über die Grenze zu gelangen. Und immer spürten ihn die kroatischen Grenzpolizisten auf. Machten sein Handy kaputt. Drückten sein Gesicht in den Matsch. Verdrehten ihm die Arme. Stopften seinen Mund mit faulem Obst, liessen ihn halbnackt im Kreis laufen, fassten ihm zwischen die Beine, grölten und spuckten – und schickten ihn nach Bosnien zurück.

Adil redet laut und hastig, wenn er davon erzählt. Und er beginnt immer wieder von Neuem. Als würde ihm keiner glauben. Oder als hätte er sich das alles bloss eingeredet. Er ruft nach Daris, der sich auf eine Krücke stützt, das linke Bein im Gips. Mit einem Stück Eisen hätten die kroatischen Polizisten ihn verprügelt, halb tot sei er gewesen, sagt Daris und schubst seinen Freund, der schweigt.

«Adil, woran denkst du?», frage ich.

«Bald werde ich bei Nadim sein, bestimmt.»

«Hat er dich angerufen, hat er dir eine Nachricht geschrieben?»

«Nein. Hat sicher viel Arbeit.» «Und bis dahin?»

«Abwarten. Vielleicht versuchen wir es noch einmal über die Grenze, aber nicht jetzt. Jetzt hat es geschneit, jetzt sehen die Grenzwächter unsere Spuren.»

Es ist Januar 2020, Adil und ich hocken am Feuer, ein mürrischer Wind zieht durch diese verfallene Automobilfabrik ein paar Kilometer ausserhalb von Velika Kladuša. Tage davor kam Adil beim Busbahnhof auf mich zu, streckte mir die Hand entgegen wie einem Bekannten. Jetzt, da er mir seine Geschichte erzählt, stellt sich heraus, dass er mich schon gesehen hatte, als er zum ersten Mal nach Velika Kladuša kam, im Herbst 2018, und später wieder in Vu?jak, einem Camp auf einer ehemaligen Müllhalde ausserhalb von Bihacì, das war im Winter 2019.

Sechzehn Monate, rechne ich aus, kein Vorwärts, kein Zurück. So lange steckt Adil, inzwischen siebzehn Jahre alt, in Bosnien fest.

Auf eigene Faust, wenn es sein muss

Manchmal wisse er nicht, ob es Montag oder Donnerstag sei, ob oben oder unten, oft sei ihm schwindlig, er fühle sich schwach. Die Angst davor, was noch kommen wird, schiebt er beiseite. Lieber denke er, sagt Adil, an zuhause. An seine Schulkameraden, die er auf Insta sieht, an die Berge, an Nadims Mofa, eine stinkende Honda, an Lara, das Mädchen im Dorf, in das er sich verliebt hat vor zwei Jahren, ein bisschen wenigstens.

«Schreibst du manchmal deinem Vater, erzählst ihm vom Leben hier?»

«Welchem Leben denn?»

«Und deiner Mutter?»

«Sie ist mein Ein und Alles, ich will nicht über sie reden.» «Hast du ein schlechtes Gewissen?»

«Ich schreibe Verse», sagt Adil beiläufig.

«Adil, der Dichter, Adil, der Spinner», lästert Daris. «Willst sehen?»

«Ein Gedicht für Lara?», frage ich.

«Sicher nicht. Schau: ‹Par les abîmes et à travers les basses terres, mon long chemin m’a mené› – Na, was sagst du? Kannst du das schön übersetzen?»

Adil hat in Velika Kladuša Arbeit gefunden, er steigt auf Gerüste, schleppt Zementsäcke, schiebt die Karette hin und her, alles auf Abruf und für umgerechnet 5 Franken und 30 Rappen am Tag, dazu eine Mahlzeit plus eine Schachtel Zigaretten. Nach seinem Alter fragt hier keiner. Ohnehin gibt er sich meist als älter aus. Offiziell zählt Adil zur Kategorie der «unbegleiteten Minderjährigen». Sie gehören laut UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR zu den Verwundbarsten in dieser Krise. 35 Prozent aller Geflüchteten und Migranten, so die Schätzung, sind Kinder, 10 Prozent sind Jugendliche unter achtzehn, die, wie Adil, alleine unterwegs sind. In Zahlen übertragen sind das Tausende; allein seit 2018 wurden über 60 000 Migranten in Bosnien registriert. Die meisten unbegleiteten Jugendlichen werden in offiziellen Flüchtlingslagern untergebracht und registriert. Adil aber wollte sich nicht registrieren lassen, weder auf Lesbos noch in Tirana, Sarajewo oder Bihacì. Adil will seinen Stempel erst in Frankreich haben, und genau da will er hin – auf eigene Faust, wenn es sein muss.

Ohne die Hilfe der Einheimischen jedoch wären sie verloren, das erzählen sie alle hier am Feuer und reden über Solidarität unter Muslimen. Tatsächlich wird der Nordwesten des Landes mehrheitlich von Bosniaken bewohnt, den muslimischen Bosniern; zugleich stammen die meisten Geflüchteten aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan, Pakistan oder den Ländern Nordafrikas. Kommt hinzu, dass die Menschen hier das alles nur zu gut kennen: Bosnienkrieg 1992 bis 1995, 100 000 Tote, zwei Millionen auf der Flucht, ewig offene Wunden, die zerschlagene Hoffnung und das bestimmte Gefühl, von aller Welt vergessen zu werden. Und so bringen jene, die selbst nicht viel haben, den anderen Vertriebenen Essen und Kleider und Spielzeug, sie drücken ihnen Münzen in die Hand und schenken ihnen ein freundliches Wort.

Natürlich gibt es in Bosnien auch Proteste gegen Flüchtlinge, es breitet sich Unmut aus unter den Einheimischen, eine Angst auch vor diesen jungen Männern, die plötzlich zu Tausenden hier leben: Was, wenn aus ihrer Verzweiflung Zorn wird, was, wenn sie am Ende alle bleiben? Und natürlich sind da, so wird gemunkelt, die ganz Üblen unter den Migranten: diese Nordafrikaner, Algerier und Marokkaner im Besonderen, die weder Anstand noch Bildung kennen, sich stattdessen bloss wegdröhnen und rumpöbeln. Adil weiss um dieses Image und ja, meint er achselzuckend, mit Terror, Tod und Taliban könne er, der Berber, halt nicht dienen. Er wolle bloss ein gutes Leben, was soll daran schon verkehrt sein, fragt Adil trotzig. Und ob ich denn wisse, wie das ist: malochen und doch nie auf einen grünen Zweig kommen, in der Schule ständig auf die Fresse kriegen, immer in Angst leben, dass man etwas Falsches sagt und sie dich holen, dir die Knochen brechen oder dich einsperren für Jahre? Nicht wirklich, sage ich, und es kommt mir vor, als habe Nadim, der grosse Bruder, durch Adil gesprochen.

«Hast du je daran gedacht, nach Hause zurückzukehren?», frage ich Adil, den Jungen.

«Eher würde ich mich umbringen.» «Sag das nicht.»

«Sie würden mich auslachen daheim.» «Wer denn, deine Mutter?»

«Nein, aber schämen würde ich mich. Sie glaubt doch fest daran, dass ich es schaffen werde.»

«Und wenn du es geschafft hast? Ihr seid nicht willkommen, du weisst es.»

Adil wiegt den Kopf, als würde er sagen: «Das sind wir sowieso nirgendwo.» Doch er sagt es nicht.

Ein paar Tage später, um fünf Uhr früh, sitze ich im Bus von Bihacì nach Zagreb, überquere im Halbschlaf die Grenze, steige noch vor Mittag in den Flieger, wenig später sortiere ich bei mir daheim die Bilder, schaue meine Notizen durch. Bihacì – Biel/Bienne, tausend Kilometer in elf Stunden, ich fühle dieses Unbehagen.

Manchmal ist es mit Geschichten wie mit Orten. Es gibt welche, bei denen schimmert Hoffnung auf, obwohl sie aussichtslos und traurig sind. Andere dagegen sind einfach nur das, was sie sind.

 

* alle Namen in diesem Artikel wurden geändert.