Skip to main content
Corona-Krise
#SurpriseLockdown

Die Corona-Krise trifft uns alle – aber Armutsbetroffene besonders hart. Was tun, wenn man keine Rückzugsmöglichkeiten, kein finanzielles Polster, kein soziales Netz hat? So gehen unsere Strassenverkaufenden, Stadtführenden, ChorsängerInnen und StrassenfussballerInnen mit dem Lockdown um.

Urs Habegger, Surprise-Verkäufer

«In einem Dokfilm über mich habe ich einmal gesagt: ‹Was nützt es dir, gesund zu sein, wenn du alleine zuhause sitzt und wartest, bis jemand klingelt?› Das trifft die jetzige Situation ganz gut. Wegen Corona bin ich total gelassen. Was mir aber fehlt, sind die Menschen, die ich als Surprise-Verkäufer täglich treffe. Seit zwölf Jahren verkaufe ich die Hefte in der Bahnhofsunterführung von Rapperswil. In dieser Zeit haben sich viele Freundschaften entwickelt. 
Dass auch ich nun zuhause bleibe, hat vor allem mit Solidarität zu tun. Ich bin jemand, der immer das Positive sucht. Nun mache ich all das, wofür sonst nie Zeit ist. Ich war früher eine Zeit lang Strassenmusiker, komponierte und schrieb Kinderlieder. Diese übe ich jetzt wieder sehr intensiv ein und brenne Kopien der CD, die ich damals aufgenommen habe. Zudem habe ich die Erlebnisse und Erfahrungen, die ich rund um den Verkauf von Surprise gemacht habe, in Kurztexten aufgeschrieben. Der erste Band ist nun gedruckt, am zweiten arbeite ich noch. CDs und Büchlein verkaufe ich und verdiene mir damit einen Zustupf.
Frei und unabhängig zu sein war mir immer sehr wichtig. Ich wollte nie von der staatlichen Fürsorge abhängig sein. Ich lebe vom Surprise-Verkauf, meine Ausgaben sind bescheiden. Ich bin sehr dankbar dafür, dass Surprise uns Verkäufer nun unterstützt, und mache mir Gedanken darüber, wie es dem Verein gelingt, das Loch in der Kasse zu stopfen. Wenn es mit Corona vorbei ist, wird der Heftverkauf aber sicher gut laufen!
Langweilig wird mir so schnell nicht. Manchmal gehe ich raus in den Wald und nehme ein Buch zur Erkennung von Pflanzen mit. Ich sitze auch gerne auf der Terrasse meiner Wohnung, selbst bei tiefen Temperaturen. Die Winter in der Unterführung haben mich abgehärtet. Ich lese viel. Als hätte ich etwas gespürt, war ich kurz vor dem Lockdown noch in einer Buchhandlung und habe sieben Bücher gekauft. Gerade lese ich ‹Vom Ende der Einsamkeit› von Benedict Wells. Was für ein grossartiges Buch! 
Um mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben, schreibe ich neuerdings Briefe. Am Tag, als der Bundesrat den Lockdown beschloss, kaufte ich dreissig Briefmarken. Zwei Wochen später waren davon noch sechs übrig. Auf meine Schreiben habe ich viele Antworten bekommen. Es ist interessant: Auf der Strasse bin ich oft in der Rolle des Ratgebers, Motivators, Zuhörers, Aufmunterers oder Erheiterers. In Briefen werden häufig auch tiefgründigere Themen besprochen.»

Danica Graf, Surprise-Verkäuferin & -Stadtführerin

«Als es anfing mit dem Corona, dachte ich, das sei kein Problem für mich. Ich nehme dann einfach jeden Tag, wie er kommt. Mache mir nicht zu viele Gedanken über die Zukunft, geniesse, was jetzt gerade ist. Vor fünf Tagen hatte ich dann eine ziemliche Krise, ich musste die Ambulanz rufen. Ich hatte viel zu hohen Blutdruck, über 210, und Kreislaufprobleme. Ich wusste nicht, warum, konnte mir nicht vorstellen, was das jetzt ist, und habe deshalb Medgate angerufen, und die haben die Ambulanz geschickt. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich in Panik bin. Mir ist es dann ein paar Tage wirklich nicht gut gegangen. Ich hatte solche Panikattacken schon einmal, vor ganz vielen Jahren, aber nicht so schlimm wie dieses Mal. Nun telefoniere ich jeden Tag mit meiner Psychologin. Es sind wohl alte Ängste, die diese Attacke ausgelöst haben: Angst vor Kontrollverlust – kein Kontakt mehr mit Menschen, ich weiss nicht, was mit der Arbeit wird, was mit dem Geld wird – und das Gefühl der Hilflosigkeit. Als dann die Frage aufkam, ob ich für einige Zeit in eine Klinik gehen solle, weil ich hier zuhause allein bin und immer wieder mit Panikattacken zu kämpfen habe, musste ich mich wegen meines Hustens auch auf Corona testen lassen – zum Glück negativ. Ich werde aber nicht in die Klinik gehen, ich glaube nun, ich schaffe das schon irgendwie. Ich habe mit Dingen angefangen, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe: lesen, Briefe schreiben an Leute im Gefängnis, nähen, spazieren gehen im Wald. Gestern sind Lilian, meine Stadtführungskollegin, und ich gemeinsam im Wald spazieren gewesen, drei Stunden waren wir unterwegs. Meine restlichen Kontakte beschränken sich aufs Telefon. Meine erwachsene Tochter ist derzeit bei meinem Ex-Freund in Quarantäne, weil wir uns gegenseitig momentan nicht guttun, leider. Wir stressen uns gegenseitig in dieser sehr schwierigen Situation. Ich war erst nicht sicher, ob ich sie im Stich lasse, wenn ich sie zu ihm schicke, aber es geht nicht anders. Ich musste mir eine klare Tagesstruktur einrichten, damit ich meine Ängste im Griff habe. Ich habe auch kein Radio mehr gehört, keine Zeitung mehr gelesen, keine Nachrichten geschaut, ich musste das jetzt ein bisschen ausblenden. Alles muss so normal wie möglich laufen. Früh aufstehen, aufräumen, lüften, putzen, essen, Tochter anrufen, mit der Psychologin telefonieren, mittags laufen gehen. Ich wohne in Birsfelden direkt am Wald, das ist praktisch. Die vielen Telefongespräche mit anderen sind sehr hilfreich, auch wenn ich es in der Zeit, als es mir nicht so gut ging, nicht so sehr mochte, da mich die Themen der anderen teilweise auch wieder in Panik versetzt haben. Aber an sich ist es sehr schön, Kontakt zu haben.» 

Ernst Aebersold, Surprise-Verkäufer

«Ich bin am Kochen, heute gibt es etwas ganz Einfaches: Teigwaren, Eier und Apfelmus. Kochen ist mein Hobby, und jetzt ist dafür Zeit. Früher war es mein Beruf. Ich kochte fünfzehn Jahre lang. Dann geriet ich an die falschen Leute und kam in die Drogen. Eine Zeit lang ‹mischelte› ich oben am Bahnhof, wie ich dem Betteln lieber sage. Vor zwölf Jahren kam ich zu Surprise. Als einziger Verkäufer in Burgdorf bin ich ständig unterwegs zwischen Bahnhof, Post und Coop. Samstags bin ich am Markt. 
Hoooi Leo! Jetzt ist grad eine Katze reingekommen, wir haben zwei Tiger, Leo und Charlie. Über den Balkon können sie rein in die Wohnung und wieder raus. In diesen Tagen bin ich viel zuhause und erledige einige Dinge, mache den Frühlingsputz. Jeden Tag spaziere ich zum Lidl und kaufe ein. 
Viele Leute in Burgdorf kennen mich. Kürzlich steckte mir jemand zwanzig Franken Trinkgeld zu, weil ich derzeit kein Surprise verkaufen kann. Das freute mich. Kürzlich rief mich ein guter Freund an und bot mir an, finanziell auszuhelfen, falls es nicht mehr geht. Aber es geht. Der Surprise-Verkauf ist für mich ein Zusatzverdienst, ich lebe von einer IV. Ich habe Leukämie und eine andere schwere Krankheit. Darüber müssen wir aber nicht sprechen. Es geht mir gut. Angst vor Corona habe ich nicht, ich bin einfach vorsichtig.
Seit ich bei Surprise bin, geht es aufwärts mit mir. Ich habe eine super Frau kennengelernt. Gemeinsam haben wir zu Gott gefunden. Der Herr hat mir sehr geholfen. Alle vierzehn Tage treffen wir uns in einem Hauskreis. Nun darf man das auch nicht mehr. Die Organisatorin hat gesagt, dass sie bald online etwas machen werde. Ich bete viel, rede mit dem Herrn und höre gläubige Musik. Ich gehe auf Youtube, gebe ‹worship› ein und tanze dazu in der Wohnung.»

Kibrom Misfun, Surprise-Verkäufer

«Dass ich keine Hefte mehr verkaufen kann, ist ein grosses Problem für mich. Ich arbeite morgens im Spital, nachmittags auf der Strasse: 50 Prozent in der Reinigung, 50 Prozent im Surprise-Verkauf. Mit dem Lohn vom Spital kann ich noch nicht einmal ganz die Wohnungsmiete von etwa 2000 Franken bezahlen. Mit meiner Frau und zwei meiner sechs Kinder lebe ich in einer 5,5-Zimmerwohnung in Thun. Meine Frau arbeitet auch 50 Prozent, als Pflegerin in Bern. Aber es reicht nicht für alles. Das Einkommen muss ja alle Ausgaben abdecken, vom Einkauf bis zu den Krankenkassenprämien. Ich hoffe, dass Surprise uns unterstützen kann*.
Im Spital ist noch alles normal, ausser auf der Notfallstation, da sind jetzt immer viele Leute. Sie testen, testen, testen auf das Virus. Bis anhin (Zeitpunkt Interview 24.3.) gab es in Thun aber erst einen einzigen Fall. Die Nachmittage, an denen ich sonst Surprise verkaufe, verbringe ich nun zuhause. Ich schaue fern oder unterhalte mich mit den Kindern. Beide sind noch in der Lehre, wegen Corona sind sie derzeit aber zuhause. Zum Glück sind sie schon 18 und 19 Jahre alt, da habe ich kein Betreuungsproblem. 
Meine Frau arbeitet auch Schicht. Wenn wir jetzt beide gleichzeitig frei haben, gehen wir ab und zu spazieren. Ist sie nicht da, gehe ich allein: eine halbe Stunde zum Bahnhof und zurück. Dort in der Unterführung verkaufe ich normalerweise Surprise. Manche Kunden nennen mich ‹Die Sonne von Thun›, weil ich mich so gerne mit ihnen unterhalte. Jüngere sagen ‹Capo› zu mir, das finde ich lustig. Nun treffe ich fast niemanden, wenn ich aus dem Haus gehe. Es ist auch sonst immer ruhig in Thun. Aber im Moment ist es sehr, sehr ruhig.»

Seynab Ali, Surprise-Verkäuferin

«Ohne Surprise könnte meine Familie nicht leben. Ich habe sechs Kinder und bin alleinerziehend. Zudem unterstützen wir meine Mutter in Somalia. Sie verlor vor einem Jahr bei einem Bombenanschlag ihren linken Arm. Wir bezahlen ihr Medikamente und Essen, immer am 25. des Monats. Kürzlich sagte ich ihr am Telefon: ‹Mama, dieses Mal können wir dir kein Geld schicken.›
Vor Kurzem schloss mein ältester Sohn die Lehre als Mechaniker auf einem Werkhof ab. Weil er nun auch Geld verdient, beschloss ich, uns bei der Sozialhilfe abzumelden. Jetzt kann er wegen Corona nicht arbeiten und bekommt nur einen Teil seines Lohns. Wir haben Rechnungen, die niemand bezahlen kann. Das Geld brauchen wir fürs Essen. 
Im Moment sind alle Kinder hier bei mir in Effretikon. Ausser meinem 18-jährigen Sohn Yusuf. Er ist in Somalia und hilft meiner Mutter, die sonst niemanden mehr hat. Zwei meiner Kinder sind noch in der Schule, sie lernen im Moment übers Internet. Mein Zweitältester, der in Basel in einer WG lebt und eine Lehre macht, ist für die Zwangsferien nach Hause gekommen. Meine jüngste Tochter ist elf und geistig behindert. Normalerweise helfen ein ‹Schweizer Mami› und ein ‹Schweizer Papi› bei der Betreuung. Das ist im Moment aber schwierig, denn sie sind schon älter und müssen wegen des Virus aufpassen. Unser Sohn kauft für sie ein und bringt ihnen die Sachen nach Winterthur.
Wir gehen zwar jeden Tag raus, aber nicht länger als eine Stunde. Nur um zu spazieren, man kann ja nicht in die Berge oder Fussball spielen. Zuhause sitzen ist langweilig und macht auf Dauer psychisch krank. Viel lieber würde ich arbeiten gehen, auch freiwillig ohne Lohn. Ich könnte helfen, bei Surprise, für die Kirche, in den Spitälern. Ich habe einigen meine Hilfe angeboten, bis jetzt aber nichts gehört. Viele liebe Leute, die ich über Surprise kenne, haben mir aber per WhatsApp Mut gemacht und mir Kraft gewünscht. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.
Angst vor dem Virus habe ich keine. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum das Problem so gross gemacht wird. Auf der ganzen Welt sterben viele Menschen, an Bomben oder Hunger, die ganze Zeit. Darüber sollte man öfter sprechen. Es ist schlimm, dass Leute wegen einer Katastrophe sterben. Aber es ist normal. In Somalia passiert das seit dreissig Jahren praktisch jeden Tag. In der Schweiz kennt man das halt noch nicht.»

Ruedi Kälin, Surprise-Verkäufer

«Für mich fühlt sich das an wie Ferien, die ich sonst nie machen würde. Ich bin jetzt bald zwanzig Jahre bei Surprise. Urlaub hatte ich noch nie – abgesehen von vier Tagen mit der Strassenfussball-Nationalmannschaft in Glasgow. 
Im Moment ist mein Rhythmus so hoch wie immer. Ich wache morgens um 5 Uhr 45 auf. Ich trinke eine Ovo und pflege meinen Fuss, den ich letztes Jahr habe operieren lassen müssen. Dann höre ich Musik, kaufe ein, hole mir einen Kaffee und zwei Gipfeli und gehe in den Park, wo ich die Bündner Zeitung und den Blick lese. 
Nachmittags kümmere ich mich um meine Projekte. Im Sommer werde ich in einem Hotel Bikes verkaufen und Touristen auf Wanderungen begleiten – in Davos, wo ich aufgewachsen bin. Nun habe ich Zeit, mir zu überlegen, was ich den Gästen von meiner Heimat erzählen möchte. Auch ein Fernsehfilm über mich ist geplant. Und für Surprise schaue ich mir die Verkaufszahlen von letztem Jahr an und mache bei Schulprojekten mit. Das geht ganz gut per Telefon. 
Ich lebe von den Heften, die ich verkaufe. Normalerweise sind es über 400 im Monat. Nun habe ich noch 900 Franken plus die 207,50 Franken aus meiner Reserve-Kasse. Das muss für die nächsten drei Wochen reichen. Dann bekomme ich etwas Geld von Surprise, weil ich im Moment nicht arbeiten kann.
Angst, dass ich das Virus bekommen könnte, habe ich nicht. In all den Jahren bei Surprise war ich nur zweimal einen halben Tag krank. Ausser den Problemen mit meinem Fuss und dass ich beim Essen auf den Zucker achten muss, geht es mir gut. Ich spiele ja sogar noch Unihockey, als Goalie in einem Plauschteam in Malans. An die Vorschriften halte ich mich, ich wasche die Hände und gehe fremden Leuten aus dem Weg. Auch zuhause halten wir Abstand. Bis vor sechs Jahren lebte ich auf der Strasse, nun habe ich ein Zimmer bei einer Familie. Aber ganz ohne draussen unterwegs zu sein, geht es für mich nicht. Kürzlich war ich in Davos. Im Zug war ich praktisch der Einzige.
Dass das ausgerechnet jetzt passieren muss! Zum ersten Mal im Leben habe ich eine Saisonkarte des Hockey Club Davos. Die habe ich geschenkt bekommen. Im Moment wäre Playoff-Zeit. Vielleicht hätte es Davos bis in den Final geschafft. Das Hockey fehlt mir.»

Yemane Tsegay, Surprise-Verkäufer

«Bitte, bitte hilf uns. Ich bete dreimal pro Tag zu Gott, dass das Virus weggeht. Angst macht mir, dass wir es nicht sehen können. Corona ist wie Luft. Ich bin Diabetiker und habe weitere gesundheitliche Probleme. Vor allem mit den Augen, aber auch mit der linken Hand, der Leber und der Lunge. Meine Familie macht sich Sorgen um mich wegen des Virus. Meine Frau und die beiden Söhne sind noch in Eritrea, seit Jahren warte ich hier auf sie. Wir haben gerade telefoniert. Ich habe ihnen gesagt: Es ist okay, ich passe schon auf. Raus auf die Strasse gehe ich nur noch, um einzukaufen. 
Normalerweise würde ich tagsüber am Bärenplatz Surprise verkaufen. Ich lebe von einer IV-Rente. Was vom Verkauf der Surprise-Hefte übrig bleibt, lege ich zuhause in eine Metallbox. Davon leiste ich mir ein paar Extras wie Handy, Kleider oder Geschenke. Nun leert sich die Box langsam. 
Ich bin viel allein im Moment. Früher kamen oft meine ehemaligen Nachbarn hierher und ich kochte für sie. Nun bekomme ich nur noch von der Spitex Besuch. Die Betreuerin kommt zweimal pro Tag, bringt Medikamente und hilft mit den Augentropfen. Ich wohne seit einem Jahr allein in einer Zweizimmerwohnung etwas ausserhalb in Ittigen. Meine Freunde und Kunden leben alle in Bern. Wegen Corona telefoniere ich häufiger mit ihnen.
Ich schaue, dass ich ‹busy› bin. Dass ich immer etwas zu tun habe und in Bewegung bleibe. Heute habe ich die Wohnung geputzt. Und zwar so richtig: die Fenster, den Balkon, die Schränke, einfach alles. Nur essen, schlafen und TeleBärn schauen, das geht nicht. Mein Sport sind zurzeit die 38 Stufen im Treppenhaus, zwischen Wohnung und Haustür. Den Lift nehme ich nie.
Zuhause habe ich ein Poster der BSC Young Boys aufgehängt. Ich bin ein grosser Fussballfan. Natürlich hoffe ich, dass irgendwann wieder gespielt wird. Aber zuerst bitte ich Gott, dass das Virus weggeht. Ich bete nicht für mich allein, sondern für alle Menschen auf dieser Welt.»

Zewdi Kuflu, Surprise-Verkäuferin

«Seit eineinhalb Jahren verkaufe ich Surprise vor der Migros in Bern-Breitenrain. Vom Tag an, als der erste Corona-Fall in der Schweiz bekannt wurde, blieb ich zuhause. Meine Spitex-Betreuerin meinte, das sei besser, denn ich gehöre zur Risikogruppe. Ich habe Epilepsie und Diabetes, die Spitex kommt zweimal pro Woche, bringt Medikamente und kontrolliert den Blutzucker. 
Die Situation ist für mich sehr schwierig, denn ich verbringe nun jeden Tag 24 Stunden allein zuhause. Meine Wohnung an der Bahnlinie im Lorraine-Quartier ist klein, hat weder einen Balkon noch einen Garten. Meine Schwester geht für mich einkaufen. Sie bringt mir die Sachen nach Hause. Wir achten darauf, dass wir uns nicht näher als zwei bis drei Meter kommen. 
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was ich tun soll. Ich räume die Wohnung auf, putze und schaue Fernsehen. Ab und zu telefoniere ich mit meiner Familie in Eritrea. Aber nur ein paar Mal im Monat, mehr kann ich mir nicht leisten.»

Hans Rhyner, Surprise-Stadtführer

«Ich habe mit der Angstmacherei Mühe. Mann muss die Situation akzeptieren, wie sie ist – es bleibt einem nichts anderes übrig. Zum Glück kann ich mich beschäftigen: Ich gehe viel spazieren auf den Üetliberg. Das Leben findet draussen statt – nicht im Internet. Den ganzen Tag Whatsapp verschicken, das wäre nichts für mich. 
An Krisen bin ich gewöhnt. Persönliche aber auch andere. In Elm, wo ich aufgewachsen bin, hat uns 1964 die Maul- und Klausenseuche heimgesucht. Unser Nachbar hatte sie eingeschleppt. Wir Kinder hatten schulfrei. Die ganze Situation mit dem Coronavirus erinnert mich an damals.
Was mir fehlt, ist der Kontakt zu Menschen – die Stadtführungen.»

Dani Stutz, Surprise-Stadtführer und Verkäufer

«Privat kann ich relativ gut mit dem Lockdown umgehen. Mein Hobby ist das Sammeln von Fossilien. Meist gehe ich dazu in den Jura oder ins Fricktal. Nun habe ich Zeit, diese zu bearbeiten – mit Nadeln, Hammer und dem Schleifpapier. 
Finanziell sieht es leider gar nicht rosig aus. Momentan bin ich in einer Beziehung, das rettet mich einigermassen. Doch da mein Verdienste aus dem Heftverkauf und den Stadtführungen wegfallen, muss ich mit 700 Franken im Monat durchkommen. Damit habe ich Miete und Krankenkasse noch nicht bezahlt. Ende Monat bin ich ziemlich aufgeschmissen!»

Maria Jésus Bibione, Surprise Strassenchor

«Wie viele dachte ich zuerst, dass es die Schweiz nicht so schlimm treffen würde. Nun wachen die Leute auf. In meiner Heimat Spanien ist es sehr schlimm. Vor einem Monat war ich dort – es war damals gleich, wie in der Schweiz heute. Doch hier sind noch viele alte Leute auf der Strasse. Haben sie niemanden, der für sie einkaufen geht? Oder wollen sie einfach frische Luft schnappen? 
Ich kaufe nun für meine Mutter ein und auch für andere ältere Menschen. Ausserdem telefoniere ich viel herum und frage mehr, wie es den Menschen wirklich geht. 
Das gemeinsame Singen im Surprise Strassenchor fehlt – die Freundschaften, die Umarmungen. Klar, manchmal besucht mich meine Tochter. Aber sie begrüsst mich nur im Treppenhaus und geht wieder.»

Roger Meier, Surprise-Stadtführer

«Ich kenne das Gefängnis aus eigener Erfahrung. Die Corona-Selbstisolation erinnert mich an diese Zeit. Auch wenn meine 1-Zimmer-Wohnung einen Balkon hat, so fällt mir die Decke gleichwohl auf den Kopf hier. Da ich momentan bei der Sozialhilfe angemeldet bin, ist Geld nicht das dringendste Problem. Aber der Kontakt mit den Menschen als Surprise-Stadtführer fehlt mir. Ich fühle mich wie ein SBB-Zug auf dem Abstellgeleise! Ich warte, warte und warte. Und ich putze meine Wohnung – doch sauberer wird's nicht mehr.»

Selemawit Tesfatsion, Surprise-Verkäuferin

«Ich wohne mit meinem Mann und meinen zwei Kindern in einer 3-Zimmer-Wohnung. Dort fällt mir jetzt manchmal die Decke auf den Kopf. Mein Mann verkauft wie ich das Surprise Strassenmagazin. Nun haben wir beide keine Arbeit mehr – und damit auch weniger Geld.»

Markus Christen, Surprise-Stadtführer

«Ich habe Glück im Unglück: Ich bin Rentner. Doch mir fehlt das wöchentliche Unterwegsein mit den Stadtführungen, die Dialoge, das Gefühl, dass man etwas bewegt, dass man gebraucht wird. Der lockdown bei Surprise ist mir schon eingefahren. Alles andere nebenher – etwa mein politisches Engagement – ist nun auch im Eisschrank. Natürlich gibt es auch positive Seiten: das Ganze ist ein interessantes Experiment. Doch ich vermisse gesellschaftliche Kontakte – dies geht mir wirklich an die Substanz.»