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Foto: INSP

Corona weltweit
«Bloss eine weitere Krise»

Sie sind auf sich selbst gestellt und können sich kaum schützen: Obdachlose sind der Corona-Krise ungeschützt ausgeliefert, wie Berichte aus den USA und Grossbritannien zeigen.

«Gebt Corona keine Chance, bleibt zuhause!», lautet die derzeitige Devise zahlreicher Regierungen an die Bevölkerung. Vielen fällt das einigermassen leicht, sie haben ein Zimmer oder vielleicht sogar eine ganze Wohnung mitsamt Terrasse, in jedem Fall aber ein Dach über dem Kopf. Aber für Millionen andere Menschen gilt das nicht. Allein in den USA soll es 550'000 Obdachlose geben, darunter sind fast die Hälfte Familien mit Kindern. Sie leben und schlafen auf der Strasse oder finden zeitweise Unterschlupf in Notzentren oder Heimen.

Gerade sie sind dem Coronavirus besonders ausgesetzt, und die meisten von ihnen gehören einer, wie es jetzt heisst, Risikogruppe an: Erkältung, Lungenentzündung, Tuberkulose, Diabetes und Herzleiden sind typische Beschwerden, an denen viele Obdachlose ohnehin schon leiden – umso verletzlicher sind sie angesichts der Ansteckungswucht dieses Virus. Dass mit Corona nur eine weitere Krise zur üblichen Misere hinzukomme, das höre er in diesen Tagen von Obdachlosen oft, sagt Israel Bayer, Direktor des Internationalen Netzwerks der Strassenmagazine INSP Nordamerika. «Deshalb sind Aufklärung und Beratung jetzt besonders wichtig. Und Zugang zu Toiletten und Wasser.» Hygiene sei für die Obdachlosen in diesem Stadium der Pandemie das A und O, betont Bayer. «Doch wie kann man sich sauber halten, wenn man kein frisches Wasser hat?»

In den USA haben zahlreiche Hilfsorganisationen den lokalen Behörden vorgeschlagen, sie sollten den Obdachlosen und Armutsbetroffenen doch öffentliche Parktoiletten, Schwimmbäder oder Wellnessstudios zugänglich machen – und viele Städte sind inzwischen diesen Vorschlägen gefolgt. San Francisco etwa hat eine Soforthilfe in Höhe von fünf Millionen US-Dollar zugesichert. Mit dem Geld sollen die Notunterkünfte regelmässig gereinigt sowie mobile Toiletten und Handwaschstationen aufgestellt werden. In Detroit haben Menschen, welche ihre Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen können, bis auf Weiteres freien Zugang zu Wasser.

Doch nicht bloss die Prävention stellt viele vor Herausforderungen. Dazu kommt, dass Corona-kranke Obdachlose schwer zu isolieren sind. Auch hier fehlt es an Platz. In den Notunterkünften müssen sie sich oft auf engstem Raum aufhalten, und gerade jetzt platzen die Räume aus allen Nähten. Lucy Abraham, Leiterin der britischen Obdachlosenorganisation Glass Door, benennt dies als grundsätzliches Problem: «In unserer Unterkunft übernachten im Schnitt 35 Personen, Matratze an Matratze. Hat nun ein Obdachloser Corona-Symptome, sind wir eigentlich verpflichtet, ihn auszuschliessen.» Doch das sei schwierig zu kommunizieren, denn Obdachlosenheime sollten grundsätzlich für alle zugänglich sein. Abraham weiss von abgewiesenen Menschen, die absolut verzweifelt waren und sich in der Folge selbst gefährdet haben. Deshalb fordert sie die Behörden dazu auf, Quarantänezentren auch für Obdachlose einzurichten.

In Los Angeles wurde eine Sporthalle notfallmässig in ein solches Quarantänezentrum umgewandelt – eine Massnahme, die nun auch andere US-Städte umsetzen wollen. Die Meinung vieler Obdachloser und Armutsbetroffener, dass Corona nur ein weiteres Übel ist, kann Israel Bayer gut verstehen. Er merkt an, dass in den letzten zehn Jahren allein in den Staaten der amerikanischen Westküste 10'000 Obdachlose an den Strapazen ihres Lebens auf der Strasse gestorben sind. «Das ist bereits jetzt eine richtige Tragödie. Und daran wird sich nicht so schnell etwas ändern, warum auch? Besonders jetzt nicht, in Zeiten von Corona.»

Die Informationen zu diesem Artikel entstammt einem Beitrag, der auf der Website des International Network of Street Papers veröffentlicht wurde.
Foto rechts: INSP North America Direktor Israel Bayer (zvg).

Obdachlose in der Schweiz

Nach Angaben der Sozialwerke gibt es auf Schweizer Strassen immer mehr Menschen ohne festes Dach über dem Kopf. Verlässliche Zahlen für die ganze Schweiz liegen bisher nicht vor. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz von 2019 hat ergeben, dass allein in Basel rund 100 Menschen obdachlos sind und weitere 200 Personen wohnungslos, sie also in Notunterkünften, Heimen oder bei Bekannten übernachten. Die Gründe sind vielfältig: finanzielle Schwierigkeiten, Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Sucht oder Beziehungsprobleme. Früher waren vor allem arbeitslose und drogensüchtige Menschen obdachlos, heute vermehrt auch Personen mit psychischen Problemen, Sans-Papiers oder Asylsuchende. Um staatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe, RAV oder IV in Anspruch zu nehmen, müssten sich die Betroffenen offiziell anmelden. Das allerdings passiert nicht immer – sei’s, weil die Betroffenen Repressionen befürchten oder weil sie ihre Eigenständigkeit so gut wie möglich bewahren möchten. Direkte Hilfe kommt – gerade auch in diesen Zeiten von Corona – insbesondere von Sozialwerken wie der Gassenarbeit, von kirchlichen Institutionen oder der Zivilgesellschaft.